"Wir sind quasi tot": Darum sind die Sendlinger Boazn-Wirte stinksauer

Die chaotischen Zustände um die gesperrte U3 und U6 machen den Boazn-Wirten an der Lindwurmstraße zu schaffen. Ein AZ-Besuch bei Männern, die plötzlich um ihre Existenz bangen - und um ein Stück Münchner Alltagskultur.
von  Moses Wolff
Er wartet auf Gäste. Doch oft kommen gar keine. Dimitrisi im L185.
Er wartet auf Gäste. Doch oft kommen gar keine. Dimitrisi im L185. © Moses Wolff

In der wunderschönen Boazn L185 in der Lindwurmstraße war es noch vor wenigen Monaten eng, lustig und jeden Abend bis 5 Uhr morgens voll. Es gibt dort Spielautomaten, man kann Karten spielen, darten, gemütlich am Tresen sitzen und bei guten Getränken plaudern.

Warum die Stimmung in den Boazn an der Lindwurmstraße am Boden ist

Dann kam aus heiterem Himmel die Botschaft, dass die Münchner Stadtwerke samt der MVG vom 18. Mai 2026 bis Anfang August 2027 die U-Bahnhöfe Poccistraße und Goetheplatz sanieren werden. Erhebliche Bauwerksschäden, Mängel beim Brandschutz und notwendige Maßnahmen zur Barrierefreiheit würden einige Baumaßnahmen erforderlich machen. Die U-Bahnen fahren zunächst nur auf den nördlichen und südlichen Streckenabschnitten, enden und beginnen also jeweils am Sendlinger Tor, beziehungsweise der Implerstraße. Nur während der Wiesn und im Advent ruhen die Bauarbeiten, dann ist die U-Bahn nutzbar.

Zuerst dachte man sich in den kleinen Bars nicht viel dabei, weil angekündigt wurde, dass in kurzen Abständen Ersatzbusse zwischen Implerstraße, Poccistraße, Goetheplatz und Sendlinger Tor beziehungsweise Hauptbahnhof Süd verkehren. Es ist ja generell für eine moderne Stadt durchaus vorteilhaft, Rolltreppen, Beleuchtung und Barrierefreiheit aufzufrischen.

Die ersten Tage war alles wie immer, doch nach einer Woche blieben auf einmal die Gäste aus den benachbarten Stadtteilen aus. Klar, ein paar Handwerker aus der unmittelbaren Umgebung kommen nach wie vor nachmittags auf zwei Bier oder einen Espresso vorbei, doch im Wesentlichen gleicht das Lokal einer Geisterbar.

Vor dem L185 gibt es eine Bank. Sitzen darf man da aber nur ohne Getränk.
Vor dem L185 gibt es eine Bank. Sitzen darf man da aber nur ohne Getränk. © Moses Wolff

Es ist manchmal unvorteilhaft, wenn Theorie und Praxis sich gegenseitig im Weg stehen. Was ist geschehen? Der Einsatz der Ersatzbusse etwa konnte von Anfang an nicht wie gewünscht im "dichten Takt" erfolgen, weil beispielsweise am Sendlinger Tor die Busse erst mal von der Lindwurmstraße umständlich in die Sonnenstraße abbiegen müssen, und dort wegen nicht gerade ausgeklügelter Ampelschaltung und lastenfahrradtauglicher, großzügig verbreiterter Fahrradwege und so verringerter Fahrbahnkapazität automatisch im Stau stehen.

Dadurch warten Fahrgäste, die vom Sendlinger Tor in Richtung Implerstraße fahren wollen, oft eine halbe Ewigkeit, und erfreuen sich dann über vier gleichzeitig ankommende Ersatzbusse. Drinnen ist es stickig, heiß und überfüllt, die Menschen sind gestresst und vermutlich froh, wenn sie sich daheim unter die Dusche stellen und auf die Couch können.

Kein Wunder also, dass die sonst gut besuchten und zentral liegenden Lokale Peoples Lounge und Bar L185 ungewohnt stille Tage und Nächte erleben und über spürbare Umsatzeinbrüche klagen. Wie sollen da langfristig Pacht und Personalkosten bezahlt werden?

Davor von der Peoples Lounge.
Davor von der Peoples Lounge. © Moses Wolff

"Durch die Sperrung von Poccistraße und Goetheplatz", erklärt Davor von der nahe gelegenen Peoples Lounge, "spüren wir, dass kaum noch Leute kommen. Es ist mühsam, und mit dem Auto möchte keiner herfahren, weil man ja auch in die Kneipe geht, um Alkohol zu trinken. Was besonders ärgerlich ist, dass wir so gut wie alle WM-Spiele zeigen und im Vorfeld eine teure Fifa-Lizenz kaufen mussten. Das ist natürlich sinnlos, wenn keine Menschen kommen."

"Wir haben 80 bis 90 Prozent weniger Umsatz als noch Anfang Mai", sagt Dimitris von der Bar L185. "Sollen wir in 16 Tagen Wiesn die Löcher stopfen? Und wer sagt, dass die Gäste da automatisch kommen? Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, wir haben über viele Monate dafür gesorgt, dass unsere Bar gut besucht ist. Das kann man nicht einfach von heut auf morgen erzeugen. Es ist eine Katastrophe! Wir sind quasi tot."

Dimitris zeigt der AZ, wie breit der Gehweg ist.
Dimitris zeigt der AZ, wie breit der Gehweg ist. © Moses Wolff

Für die Betreiber der Bar L185 kommt ein weiteres Problem hinzu. Ein Teil der Stammkundschaft besteht aus Rauchern oder Gästen, die ihr Getränk gerne kurz mit vor die Tür nehmen. Eine Freischankfläche vor dem Lokal könnte hier Entlastung und zugleich zusätzliche Plätze schaffen - ein kleiner, aber für den Betrieb entscheidender Puffer. Doch das KVR lehnt den Antrag ab, mit Verweis auf eine notwendige Restgehwegbreite von 1,90 Metern, die insbesondere für Rollstuhlfahrer und Kinderwagen gewährleistet sein müsse.

Eine Apfelschorle am Gehweg? Bußgeld!

Inzwischen hat sich jedoch ergeben, dass die Restgehwegbreite in Wirklichkeit nur bei 1,60 Meter liegt. Hierdurch wäre - so die Argumentation der Betreiber - grundsätzlich Raum für eine kleine Außengastronomie vorhanden, ohne die Mobilität einzuschränken. Doch auch diese neue Erkenntnis führte nicht zu einer Genehmigung. Die Ablehnung bleibt bestehen, ohne dass die Kneipe eine klare Perspektive erhält, wie sie unter den veränderten Rahmenbedingungen wirtschaftlich überleben soll.

Hinzu wurde deutlich gemacht, dass jeder Verstoß ein Bußgeld mit sich bringen würde. Sollte also ein Gast an einem heißen Sommernachmittag seine Apfelschorle oder sein Helles mit nach draußen nehmen, möglicherweise, weil er nicht weiß, dass es nicht gestattet ist, müssten die Betreiber der Bar laut Wirt Strafe bezahlen, auch wenn sie gar nicht mitbekämen, dass jemand sein Getränk im Freien trinkt. Dimitris: "Ein Haus weiter hat ein neues Lokal aufgemacht. Die dürfen mehrere Tische aufstellen und vor der Tür sogar Eis verkaufen. Obwohl es dort exakt dieselben Abstände hat, wie bei uns! Wir haben es mehrmals abgemessen."

In der Peoples Lounge gibt es Augustiner.
In der Peoples Lounge gibt es Augustiner. © Moses Wolff.

So entsteht in der Nachbarschaft zunehmend der Eindruck, dass nicht einzelne Auflagen eingehalten werden müssen, sondern eine Entwicklung begünstigt wird, die kleinen, gewachsenen Gastronomiebetrieben das Arbeiten erschwert. Am Ende geht ein Stück städtischer Alltagskultur verloren, ohne dass dies ausdrücklich beabsichtigt ist. Drum wäre es dringend erforderlich, rasch zu handeln.

Dimitris: "Ich will nicht einmal Stühle haben, ich will nur einen Tisch mit einer Breite von 30 Zentimetern. Damit die Leute ihre Getränke draußen hinstellen dürfen. Nicht mehr und nicht weniger. Vielleicht möchte man ja die Boaznkultur in München abschaffen. Wir sind ein Aushängeschild für die Stadt. Wollen sie dann auch die Bavaria irgendwann abreißen?"

Die chaotischen Zustände um die gesperrte U3 und U6 machen den Boazn-Wirten an der Lindwurmstraße zu schaffen. Ein Besuch bei Männern, die plötzlich um ihre Existenz bangen

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