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Tattoo-Studios offen! München lässt sich wieder stechen

Die Tätowierer dürfen endlich wieder arbeiten. Die AZ zu Besuch bei Männern und Frauen, die immer noch sauer auf Söder sind, von Krisen-Kreativität berichten – und erklären, warum sie mit einem Ansturm rechnen.
| Conie Morarescu
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"Ich habe entschleunigt", sagt René Golker über die Zwangspause. Nun ist aber vor allem schön, dass er wieder arbeiten kann.
"Ich habe entschleunigt", sagt René Golker über die Zwangspause. Nun ist aber vor allem schön, dass er wieder arbeiten kann. © Bernd Wackerbauer

München - Ein Kellerabteil in Obergiesing. Die Werkstatt erinnert an eine Katakombe, steinernes Gewölbe, der Boden ist voller Holzspäne. In diesem Raum hat der Tätowierer René Golker unzählige Stunden während des Lockdowns verbracht und Holzkunstwerke geschaffen: "Für mich war diese Phase sehr wertvoll. Alles war entschleunigt und ich konnte mich voll und ganz der Kunst widmen."

Im Erdgeschoss befindet sich sein 30 Quadratmeter großes Tattoo-Studio "Volt Folter". Dort steht kein Gegenstand zufällig an seinem Ort. Man könnte meinen, man befinde sich in einer kleinen Kunstgalerie. Hölzerne Gemälde und Masken sind an den Wänden arrangiert, bunt verglaste Lampen zieren antike Möbelstücke, ein bisschen Jugendstil gemischt mit dem grafisch fließenden Stil von Golkers Holz-Acryl-Bildern.

Die Zähne des 40 Jahre alten Künstlers strahlen weiß aus seinem gebräunten Gesicht, ein buntes Tattoo bedeckt seinen Oberarm und schlängelt sich den Unterarm entlang.

"Ich kann nicht behaupten, dass ich unter der Pandemie gelitten hätte, denn ich habe die Zeit für mich genutzt und meine Kunst weitergebracht. Mit den staatlichen Hilfen bin ich gut über die Runden gekommen." Und er fügt hinzu: "Zum Glück wird uns in diesem Land geholfen."

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"Es hat sich angefühlt, als ob sich niemand für uns interessiert"

Nicht allen Tätowierern ging es so. Einige, auch alteingesessene Studiobetreiber, erzählen eine andere Geschichte. Darüber, wie hart es war, mit der Ungewissheit über so einen langen Zeitraum umzugehen.

Christoph Süß vom Pasinger Studio "Traitors' Island Tattoo" bezeichnet die Zeit des Lockdowns als "schrecklich". Sein Studio, das er zusammen mit zwei Partnern führt, gibt es seit 16 Jahren: "Wir hätten nie gedacht, dass der zweite Lockdown so lange anhalten würde." Besonders die fehlende Perspektive habe ihnen stark zugesetzt.

Christoph Süß (r.) und Stefan Sonnenberger stechen in Pasing.
Christoph Süß (r.) und Stefan Sonnenberger stechen in Pasing. © Daniel von Loeper

So gehe es natürlich auch vielen anderen Wirtschaftszweigen, doch die Tattoo-Branche sei nie von der Politik erwähnt worden: "Es hat sich so angefühlt, als ob sich niemand für uns interessiert", berichtet Süß, "da fällt es irgendwann schwer, noch optimistisch zu sein."

Doch Aufgeben sei keine Option gewesen: "Wir haben all unsere Ersparnisse aufgebraucht, aber jetzt müssen wir nach vorne schauen."

Sein Partner Stefan Sonnberger, auch "Sonny" genannt, ärgert sich besonders über das Vorgehen der Staatsregierung Ende Februar. Während im Rest der Bundesrepublik das Tätowieren ab Anfang März wieder erlaubt wurde, bildete Bayern die einzige Ausnahme. "Das war eine harte Pille für uns", sagt Sonnberger. "Uns wurde nicht einmal mitgeteilt, ob wir aufmachen dürfen. Erst als die neue Infektionsschutzverordnung veröffentlicht wurde, war offiziell: Nur notwendige körpernahe Leistungen sind erlaubt. Damit waren wir außen vor." Einige Studiobetreiber hätten bereits auf ihren Webseiten veröffentlicht, dass sie wieder öffnen. Und dann kam der herbe Rückschlag.

Einer von ihnen ist Ali Akdag, der Geschäftsführer des Tattoo- und Piercing-Studios "Cleopatra Ink" am Sendlinger Tor. Er ging Anfang März davon aus, dass er sein Studio wieder öffnen darf und schaltete Werbung. "Wir hatten daraufhin eine riesige Nachfrage", erzählt Akdag. "Und dann durften wir doch nicht öffnen." Das sei sehr frustrierend gewesen.

"Riesige Nachfrage": Bei Ali Akdag läuft es schon wieder sehr gut an.
"Riesige Nachfrage": Bei Ali Akdag läuft es schon wieder sehr gut an. © Bernd Wackerbauer

Sein Studio gibt es erst seit Dezember 2019. Bis heute war es gerade einmal ein halbes Jahr lang geöffnet. "Die staatlichen Hilfen waren notwendig, um das zu überstehen", sagt Akdag. Auch die Tatsache, dass seine Frau arbeiten konnte, sei ein großes Glück gewesen: "Ich habe in der Zeit den Hausmann gegeben und auf unsere zwei Kinder aufgepasst", erzählt der Studiobetreiber. Dennoch: "Meine Freunde haben mich schon gefragt, was mit mir los ist, das Ganze hat mir sehr zugesetzt." Er sei heilfroh, dass sein Geschäft jetzt wieder gut anläuft.

Nach der Pandemie? Ein Kunde lässt sich "I survived" stechen

Im "Tempel München" läuft es auch gut an. Ein lautes Stimmgewirr im Hintergrund verrät beim Anruf, dass der Laden nicht leer ist.

Geschäftsführer Stephan Tempel freut sich zwar, ist aber verärgert über die unfaire Behandlung: "Dieser Lockdown war das Schlimmste, was sie uns antun konnten. Die meisten haben die Krise überstanden, aber mit einem dunkelblauen Auge."

Was das Hygienekonzept betrifft, so seien Tätowierer schon immer in der Pflicht, in hohem Maße auf Hygiene und Sauberkeit zu achten: "Auch die Datenerfassung war schon vorher ein Muss", erklärt Tempel. Viele Studios würden die Auflagen noch schärfer umsetzen als vorgeschrieben: "Wir verlangen ein negatives Testergebnis, auch wenn wir das nicht müssen. Alleine schon aus Eigenschutz."

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Auch das Maskentragen beim Arbeiten sei vor der Pandemie in vielen Studios üblich gewesen. "Jetzt sind wir einfach nur froh, dass es weiter geht und natürlich sind das auch unsere Kunden. Ich habe noch keinen Einzigen mit schlechter Laune erlebt." Einer seiner Kunden habe sich sogar schon mit der Pandemie auseinandergesetzt: "Er ist Gastwirt und hat sich 'I survived' tätowieren lassen", erzählt Tempel und lacht. Seine gute Stimmung ist trotz der Verärgerung nicht zu überhören.

Auch Patricia Stumpp ist guter Dinge. Sie führt seit 2018 das Studio "Hola Papaya" im Glockenbach. "Wir gehören nicht zu denen, die sich beschweren", sagt die Tätowiererin, die zu Jahresbeginn Mutter geworden ist. Zwar hätten sich Stumpp und ihre Kollegen auch ungerecht behandelt gefühlt, als nur in Bayern die Studios geschlossen blieben, aber insgesamt hätten sie die Zeit gut überstanden.

"Wir sind kreative Menschen und finden immer eine Beschäftigung." Langeweile sei der beste Nährboden für Kreativität. "Ich habe Bilder fürs Kinderzimmer gemalt, wir haben Makramee geknüpft, Pflanzentöpfe bemalt und das Studio erweitert und schön eingerichtet", berichtet Stumpp. Finanziell habe sie die Zeit gut überbrücken können, die staatlichen Hilfen habe sie schnell und unbürokratisch erhalten.

"Wir sind kreative Menschen": Patricia Stumpp.
"Wir sind kreative Menschen": Patricia Stumpp. © privat

Vielleicht lassen sich die Münchner nach der Krise mehr tätowieren

Ob sie eine Veränderung bei ihren Kunden wahrnehme seit der Pandemie? "Ich habe das Gefühl, dass die Menschen mehr Zeit hatten, über sich nachzudenken."

Und auch, davon ist sie überzeugt, darüber, was wirklich wichtig ist. "Ich glaube, dass sich jetzt einige Menschen weniger Gedanken darüber machen, was der Arbeitgeber oder die Eltern denken, wenn sie sich tätowieren lassen", sagt Stumpp.

"Tattoos stehen einfach für Individualität und Freiheit." Etwas, wonach sich sehr viele Menschen nach den monatelangen strengen Corona-Regeln jetzt mehr denn je sehnen…


Aktuelle Corona-Regeln: Das gilt für Friseure, Fußpflege und Co.

Die Münchner Inzidenz liegt aktuell noch im Bereich 50 bis 100, weil sie erst wenige Tage unter 50 ist. Das heißt: Friseure, Fußpflege und auch andere körpernahe Dienstleistungen - wie eben auch Tätowierer - dürfen derzeit wieder aktiv sein. Voraussetzung ist, dass der Mindestabstand weiterhin eingehalten wird, ein funktionierendes Hygienekonzept gilt und alle Beteiligten FFP2-Masken tragen. Eine Testpflicht gibt es nicht mehr.

Würde die Sieben-Tage-Inzidenz irgendwann - zum Beispiel im Herbst - erneut fünf Tage lang über 100 liegen, dürften allerdings nur die Dienstleistungen der Friseure und der Fußpflege angeboten werden. Dann wäre für den Besuch von Friseursalons oder eines Fußpflege-Studios ein negativer Corona-Test nötig, der höchstens 24 Stunden alt sein darf. So zumindest die aktuelle Regelung – von der niemand weiß, wie lange sie Bestand haben wird.

In den nächsten Tagen geht es wohl erstmal um erneute Lockerungen: Schon ab Sonntag könnten in München offiziell die Regeln "unter 50" gelten. Ab Montag könnte dann etwa die Terminpflicht im Einzelhandel entfallen. Für Friseure, Tätowierer und Co. würden die aktuellen Regeln aber erstmal weiter gelten.

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