Spaziergang mit Gastronom Max Heisler: Giesinger Gegensätze

Er war sehr jung Münchens bekanntester Mieter-Aktivist und hat sich als Gastronom einen Namen gemacht. Wie geht es Max Heisler – und wie schaut er auf die Stadt? Ein Spaziergang durch sein Untergiesing.
| Felix Müller
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Am Candidplatz ist Untergiesing sichtbar im Wandel: Links neben Max Heisler alte Wohnblöcke, rechts sanierte mit neuen Balkonen, im Hintergrund wird abgerissen und neu gebaut.
Am Candidplatz ist Untergiesing sichtbar im Wandel: Links neben Max Heisler alte Wohnblöcke, rechts sanierte mit neuen Balkonen, im Hintergrund wird abgerissen und neu gebaut. © Daniel von Loeper

München - Der Mann kennt alle Gesichter Untergiesings. Das Bodenständige, weil Max Heisler hier aufgewachsen ist und an jeder Ecke alte Bekannte trifft. Das Bedrohte, weil er unzähligen Untergiesingern geholfen hat, die entmietet werden sollten. Das Junge, weil er selbst immer noch erst 33 ist – und: Szenegastronom.

Untergiesing: Ein Viertel im Umbruch

Jetzt steht Heisler an einer Baustelle an der Pilgersheimer Straße. Wohl kaum irgendwo kann man so bildlich sehen, wie sein Viertel im Umbruch ist. Als "Candid-Carree" wurde das Areal lange beworben, hier, wo einfachste Mietwohnungen direkt am Mittleren Ring stehen. Auf der einen Seite sieht man noch einen einfachen, schlichten Mietblock. Ein Schild an der Hauswand warnt ganz klassisch: Radfahren und Ballspielen verboten! Rechts aber sind die Blöcke schon saniert. Große Balkone, neue Rollos. Heisler sagt, hier habe er gelernt, dass viele Mieter die Veränderung auch gut finden, weil ihre Wohnungen attraktiver werden – wenn sie denn bezahlbar bleiben.

Links alt, rechts schon hübsch saniert, so ist es oft in den Innenhöfen.
Links alt, rechts schon hübsch saniert, so ist es oft in den Innenhöfen. © Daniel von Loeper

Wohnungen als Lärmschutzmaßnahmen?

Heisler sieht mit seinem Bart und dem schwarzen Kapuzenpullover immer noch ein bisschen aus wie ein Ethnologie-Student. Aber er ist milder geworden als einst, als er die "Aktionsgruppe Untergiesing" mitgründete, den Protest gegen die Investoren anführte, die dem Viertel seine Seele nähmen.

Doch er kann sich immer noch aufregen. Clemens Baumgärtner, der ehemalige Bezirksausschuss-Chef von der CSU, habe die Wohnblöcke, die neu am Ring entstehen, als Lärmschutzmaßnahme gelobt. "Das ist doch absurd!", ruft Heisler gegen den Ring-Lärm an, "da geht es um Wohnungen!" Drüben auf der anderen Seite, ebenfalls direkt an der lärmenden Auto-Brücke gelegen, sieht man die Neubau-Riegel des "Isar-Living" emporwachsen. "Das wird so hässlich wie das Paulaner-Gelände", ätzt Heisler.

Protest-Potenzial hat sich durch Corona verlaufen

Der führte schon vor zehn Jahren Mieter-Demos durchs Viertel an. Viel Protest-Potenzial sieht er aktuell nicht mehr. "Durch Corona hat sich vieles verlaufen." Neue Mietverträge werden weiter zu Mondpreisen abgeschlossen, auf den Straßen aber ist es bisher nicht so schick geworden wie einst befürchtet. Verhältnismäßig viele Alteingesessene sind doch noch da. Und auch Teile der Gastronomie wehren sich erfolgreich gegen den Ausverkauf.

Alles wie früher: Max Heisler am Tresen. "Nüchtern" heißt es hier normalerweise nur auf dem Schild.
Alles wie früher: Max Heisler am Tresen. "Nüchtern" heißt es hier normalerweise nur auf dem Schild. © Daniel von Loeper

Das Glockenbachviertel schwappte doch nicht über die Wittelsbacherbrücke

Heisler zeigt auf die Bar Bajanni, eine Boazn an der Pilgersheimer Straße. Die hat nun wieder der Sohn des ehemaligen Wirts übernommen. "Der hat sein Jura-Studium fertiggemacht und dann doch festgestellt, dass der Tresen einfach der bessere Ort ist", so sagt es Heisler – und sieht so aus, als halte er das für eine sehr richtige Erkenntnis.

Vor etwa zehn Jahren eröffnete die Tanzbar Charlie am Schyrenbad und Glockenbach-artiges Nachtleben schien endgültig über die Wittelsbacherbrücke zu schwappen. Dass seitdem kaum etwas nachgekommen ist, begründet Heisler damit, dass es einfach wenig geeignete Flächen für Party-Gastronomie im alten Arbeiterviertel gibt. An den langen Wohnblöcken der Pilgersheimer Straße und der Nachbarstraßen ist nun mal kein Platz für Szenegastronomie.

Die Szenegastronomie findet er "einfältig"

Die hat zuletzt hingegen mit dem "Hexenhäusl" der Gebrüder Hahn (Utting, Bahnwärter Thiel) mitten im Viertel Einzug gehalten. Heisler schaut kritisch auf das verschlungene Areal unter der Eisenbahnbrücke. "Ich sehe das mit gemischten Gefühlen. Das ist bunt und bringt Leben rein", sagt er, "aber ich finde es auch ein bisschen einfältig." Da sei vor dem Lockdown jeden Abend ein anderes Team gekommen, sagt er. "Das bringt keine Kommunikation mit der Nachbarschaft. Anders als wenn ein Gastronom jeden Tag vor Ort ist."

So wie die Macher der letzten Boazn. An der Freibadstraße zeigt Heisler auf eine Wirtschaft, die nie mehr öffnen wird. Das Sonnenstüberl an der Pilgersheimer Straße, eines dieser Refugien für Löwen-Fans und Freunde von Nachmittagen an dunklen Tresen, die Halbe Helles für 2,70 Euro, hat 2020 dichtgemacht. Vor lauter Graffiti ist es kaum noch zu erkennen. Heisler glaubt, dass ein Büro einzieht. Denn diese Tendenz sieht er weiter im Viertel.

Szenegastronomie kommt zwar eher nicht – aber wenn eine Boazn zumacht, sei ganz Schluss. "Die Vermieter haben halt oft keinen Bock mehr auf die ewigen Lärmbeschwerden, dann kommt wieder ein Büro rein", sagt er.

Das Hexenhäusl an der Pilgersheimer Straße.
Das Hexenhäusl an der Pilgersheimer Straße. © Daniel von Loeper

Zwei Parteien wollten Heisler für sich gewinnen

Es klingt ein bisserl resigniert. Dabei ist Heisler einst voll Verve angetreten, Druck auf die Politik zu machen. Als ganz junger Student war er Dauergast im Bezirksausschuss, begann, sich immer mehr mit Mieterthemen und der Aufwertung von Stadtvierteln zu beschäftigen. Stadtvierteln wie seinem Untergiesing.

Mit dem Bündnis bezahlbares Wohnen gründete er eine zeitweise sehr agile Alternative zum SPD-nahen, etwas biederen Münchner Mieterverein. Heisler wurde umworben, von Grünen und SPD. So einen bräuchte man in den eigenen Reihen. Doch Heisler machte sein eigenes Ding, gründete die Wählergruppe Hut. Die sollte ein Sprachrohr der kleinen Initiativen im Stadtrat sein. Und zog 2014 tatsächlich ein. Heisler, auf Platz 2 der Kandidatenliste, war es nicht, der ins Rathaus kam, sondern Wolfgang Zeilnhofer-Rath. Der ging ein Zweck-Bündnis mit der FDP ein, ausgerechnet. Ein Affront für Mieter-Aktivisten. Heisler trug das zunächst mit – und brach später doch mit Zeilnhofer-Rath. Damit war das Ende von Hut nur eine Frage der Zeit.

Ein Rathaus-Comeback liegt nicht nahe

Groß darüber sprechen mag Heisler nicht mehr. Doch er klingt persönlich und politisch immer noch sehr enttäuscht, wenn er sagt: "Nur den Stuhl warmhalten können auch andere, dafür muss man nicht ins Rathaus, diese Aufgabe muss man schon ernst nehmen." Klingt nicht, als würde er so schnell zurückkehren wollen.

Und auch in Rathaus-Kreisen ist die Rede davon, dass Heisler keine Rolle mehr spielt – ganz anders als noch vor wenigen Jahren. Heisler habe sich doch total verrannt und unglaubwürdig gemacht durch die Zusammenarbeit mit der FDP, ätzen manche. Christian Stupka von der Mitbauzentrale, einst Mitbegründer der Genossenschaft Wogeno, habe ihm den Rang abgelaufen, heißt es. Stupka sei inzwischen der Mieteraktivist, der im Rathaus den größten Einfluss habe.

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Zufriedenheit mit dem neuen Stadtrat

Heisler selbst ist sehr zufrieden mit dem neuen Stadtrat, sieht es so, dass sich vieles zum Guten gewandt habe. Mit Radl-Aktivist Andreas Schuster von der SPD hätten die Initiativen endlich eine Stimme im Rathaus, sagt er, der Grüne Beppo Brem sei ein guter Ansprechpartner. Und mit dem Grünen David Süß (Harry Klein) fühle er sich als Gastronom vertreten. Denn Wirt, das ist Heisler inzwischen vor allem.

Natürlich sagt er, er werde nicht aufhören, Mieteraktivist zu sein, es brauche das Bündnis Bezahlbares Wohnen als parteiunabhängige Stimme weiterhin. Doch seine meiste Kraft hat er zuletzt doch in seine Wirtschaften investiert. Mit dem jungen Brauer Tilman Ludwig hat er die (nicht wirklich günstige) Craft-Beer-Bar Frisches Bier und den Szene-Getränkeladen Bierkiste im Schlachthofviertel eröffnet.

Und dann ist da ja noch die Geyerwally, drüben im Glockenbachviertel, eine seiner Lieblings-Boazn, die er gerettet und zu jünger-alternativem Leben erweckt hat. Drinnen, am Tresen, sieht es aus wie eh und je. Es muffelt nach alter Kneipe, doch Gläser, Flaschen, volle Chipstüten stehen bereit, als könne es hier jeden Moment einfach wieder weitergehen.

Optimismus, wenn es um die Gastronomie geht

Früher, erzählt Heisler, sei er oft nach Schichtende nachts noch oben an den Tischen gesessen, habe auf den leeren Tresen geschaut und genossen, die Geyerwally mal für sich zu haben. Doch jetzt, nach monatelangem Lockdown, jetzt sei das nicht mehr schön. "Ein leerer Tresen ist einfach nicht das, was man damit tun sollte."

Doch in der Geyerwally werde es weitergehen, verspricht er sich und seinen Gästen. An den politischen Hilfen für die Gastronomie hat er gar nicht viel auszusetzen (außer, dass sie vor allem den Vermietern nutzen, die einfach alles weitergezahlt bekommen). Er ist sicher, dass die Gastro bald wieder erblüht. "Die Leute wollen genießen, sie wollen ausgehen, sie werden das gemeinsame Erleben wieder mehr wertschätzen", sagt Heisler und klingt sehr überzeugt.

Der Schanigarten steht bereit für die Gäste - wenn es denn irgendwann weitergeht: vor der Geyerwally.
Der Schanigarten steht bereit für die Gäste - wenn es denn irgendwann weitergeht: vor der Geyerwally. © Daniel von Loeper

Erinnerungen an einen fast normalen Sommer

Draußen vor der Tür steht sein Schanigarten, eine bunt zusammengezimmerte Erinnerung an einen Münchner Sommer, der sich fast normal angefühlt hat. Heisler fand es toll, wie die Parkplätze den Menschen zurückgegeben wurden, überall in der Stadt – und eben auch hier, vor seiner kleinen Kneipe. "Das ist doch Politik, das ist unser Platz!", ruft Heisler, der Wirt, der seine Stadt zu einer machen will, die nicht nur den Reichen gehört. Nun eben gerade weniger an der parteipolitischen Front. Sondern mit dem Hellen für drei Euro. Im irre teuren Glockenbachviertel. Das nur eine Brücke entfernt vom alten Untergiesing liegt. Und doch ganz, ganz weit weg.

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