Interview

Professor für Verpackungstechnik erklärt: Plastikmüll ist besser als gedacht

Sven Sängerlaub hat erforscht, ob Reste von Lebensmitteln zu Verpackungen werden können. Und erklärt, warum Plastik besser ist als sein schlechter Ruf.
| Christina Hertel
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Verpackungen aus Plastik begegnen uns beim Einkaufen ständig. Das ist weniger schlimm, als man denkt, sagt ein Experte. (Symbolbild)
Verpackungen aus Plastik begegnen uns beim Einkaufen ständig. Das ist weniger schlimm, als man denkt, sagt ein Experte. (Symbolbild) © dpa/Sven Hoppe

München - Fast alles, was Menschen kaufen, ist mit Plastik umwickelt oder in Pappe verpackt. Das führt zu immer mehr Müll. 2018 produzierte jeder Deutsche laut Umweltbundesamt rechnerisch 227,5 Kilogramm Verpackungsabfall. Für das Fraunhofer-Institut erforschte Sven Sängerlaub, wie man Verpackungen ökologischer machen könnte.

Seit einem Jahr ist er Professor für Verpackungstechnik an der Hochschule München. Warum Plastiktüten und Tetrapaks nicht so schlecht sind wie ihr Ruf, erzählt er im Interview.

AZ: Herr Sängerlaub, die Deutschen verbrauchen so viel Verpackungen wie nie zuvor. Freut Sie das?
SVEN SÄNGERLAUB: Nicht so richtig. Natürlich entstehen durch den hohen Bedarf an Verpackungen Arbeitsplätze. Andererseits leidet durch solche Zahlen der Ruf der Branche. Viele Menschen sehen Verpackungen aufgrund solcher Schlagzeilen generell zu kritisch. Dabei tragen sie zur Haltbarkeit von Lebensmitteln bei.

Wie sinnvoll ist es, Lebensmittel wie Gurken, die schon eine natürliche Verpackung - nämlich ihre Schale - haben, noch einmal in Plastik einzuschweißen?
Wenn die Gurke aus Spanien importiert wird, ergibt das durchaus Sinn. Das Plastik schützt vor Wasserverlust. Als bei Gurken aus Spanien die Folie weggelassen wurde, sind am Ende ganze Lkw-Ladungen verdorben. Wenn wir nicht wollen, dass importiertes Gemüse verpackt wird, müssten die Unternehmen mehr in Kühlung investieren. Aber das kostet Energie. Außerdem müssten die Händler das Gemüse schneller verkaufen. Bei regionalem Gemüse ist die Folie allerdings tatsächlich unnötig.

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"Milch in Glas ergibt nur Sinn, wenn sie aus der Region kommt"

Inzwischen gibt es Hunderte verschiedene Plastiksorten, von denen sich viele nicht mehr trennen und recyceln lassen. Was haben sich Verpackungstechniker dabei gedacht?
Die Anforderungen an Verpackungen sind hoch: Sie sollen dehnbar und flexibel sein, die Ware schützen, sich gut anfühlen und schön aussehen. Der Kunde entscheidet im Laden aufgrund der Verpackung, ob er die Ware kaufen möchte oder nicht. Außerdem ist in der Lebensmittelbranche der Preiskampf hoch. Deshalb ging es bei Verpackungen lange Zeit hauptsächlich darum, das Plastik immer dünner, leichter und leistungsfähiger zu machen. So konnten die Hersteller die Abpackgeschwindigkeit erhöhen. Die Folge war jedoch, dass viele Materialien kombiniert wurden, die sich eigentlich nicht vertragen und die sich deshalb schwer trennen lassen.

Umweltschützer haben deshalb dem Kunststoff generell den Kampf angesagt. Zu Recht?
Eigentlich ist Kunststoff ein wunderbares Material - wenn man es sparsam verwendet und ordentlich entsorgt. Kunststoff fördert die Haltbarkeit, ist wahnsinnig günstig und leicht. Glas zu transportieren, kostet viel mehr Energie, weil es so schwer ist. Die Milch in der Glasflasche statt im Tetrapack zu kaufen, ergibt deshalb nur Sinn, wenn sie aus der Region kommt.

Greifen Sie an der Supermarktkasse zur Plastik- oder zur Papiertüte?
Zur Plastiktüte. Aber ich bin ein sparsamer Mensch und verwende sie mehrmals. Die ganze Diskussion um die Plastiktüte war sehr plakativ. Dabei ist es gar nicht so einfach, eine Papier- und eine Plastiktüte miteinander zu vergleichen und zu einem eindeutigen Ergebnis zu kommen, was ökologischer ist.

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"Verpackungen sind nur zwei Prozent des Ressourcenverbrauchs"

Wie meinen Sie das?
In einer Papiertüte stecken mehr Ressourcen - weil man die Bäume erst anpflanzen muss. Außerdem kann man sie meistens nur einmal verwenden. Auf der anderen Seite ist die Plastiktüte nicht biologisch abbaubar, aber auch gut recycelbar. Wer in solchen Diskussionen glaubt, eindeutig auf der richtigen Seite zu stehen, macht sich etwas vor. Verpackungen machen bei unserem Ressourcenverbrauch gerade mal zwei Prozent aus. Auf den ersten Plätzen stehen Verkehr und Heizung. Mit dem Verzicht auf Plastiktüten lässt sich ein Urlaub in Thailand niemals ausgleichen.

Es gibt den Trend, Kunststoffe durch biologische Materialien zu ersetzen. Was halten Sie davon?
Für spezielle Anwendungen kann das sinnvoll sein. Doch viele Ideen sind nicht massentauglich. Eine Idee ist, Verpackungen aus Krebsschalen herzustellen. Doch damit lässt sich niemals der gesamte Bedarf an Verpackungen decken. Bis vor einem Jahr habe ich am Fraunhofer-Institut gearbeitet. Wir erforschten, wie aus Lebensmittelresten Verpackungen entstehen könnten. Wenn man Rapsöl presst, bleibt immer ein Rest übrig. Auch daraus lassen sich Kunststoffe herstellen. Allerdings sind sie bis jetzt nicht recycelbar.

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Welche Idee halten Sie für vielversprechend?
Das kann man so nicht sagen. Wissenschaftlich ist vieles möglich, ob es sich in der Praxis durchsetzt, ist eine andere Frage. Ein großer Trend ist, sich von den Polymer-Mischungen zu verabschieden und wieder mehr auf gleichartige Kunststoffe zu setzen. Doch dafür müssen die Abpackmaschinen angepasst werden. Außerdem ist es die Frage, wie gut sich das recycelte Plastik verkaufen lässt. Heute sind recycelte Kunststoffe nicht günstiger als Neuware. Gleichzeitig sind sie oft etwas gelblich-grau verfärbt.

Forscht Ihre Fakultät in München auch zu innovativen Verpackungen?
Wir beschäftigen uns an unserer Fakultät viel mit Nachhaltigkeit. Unsere Studierenden der Verfahrenstechnik Papier testen alternative Fasern aus Gemüseresten, um Holz zu sparen. Leider sitzen in unseren Kursen gerade mal 20 Studenten. Dass so wenige junge Leute Verpackungstechnik studieren wollen, liegt wahrscheinlich daran, dass Verpackungen so einen schlechten Ruf haben. Dabei sind die Jobchancen gut. Für nachhaltigere Verpackungen bräuchte es mehr gut ausgebildete Menschen.

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