Wertstofftonnen in München: Ein undurchsichtiges System

Wer in München recyceln will, bringt sein Plastik und sein Glas zur Wertstoffinsel. Doch nicht alles, was man dort hineinwirft, wird wiederverwertet.
| Christina Hertel
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Die Münchner haben seit Corona offenbar mehr Durst als vorher - und bringen leere Flaschen zu den Wertstoffinseln. Und dort bleiben sie auch stehen, wenn die Tonnen schon voll sind.
Die Münchner haben seit Corona offenbar mehr Durst als vorher - und bringen leere Flaschen zu den Wertstoffinseln. Und dort bleiben sie auch stehen, wenn die Tonnen schon voll sind. © Peter Kneffel/dpa

München - Aus dem leeren Joghurtbecher könne eines Tages ein Putzeimer werden. Oder ein Plastikkoffer für Akkuschrauber - sofern der Joghurtbecher im Kunststoffcontainer und nicht im Restmüll lande, sagt Thomas Buchner. Er arbeitet in der Müllsortieranlage der Firma Heinz am Münchner Flughafen und ist dafür zuständig, das sortierte Plastik weiterzuverkaufen.

Allein aus München kommen in seiner Anlage im Jahr etwa 3.500 Tonnen Kunststoffverpackungen im Jahr an - und das ist nicht einmal die Hälfte dessen, was in den Containern auf den Wertstoffinseln in der Stadt anfällt. Shampooflaschen, Joghurtbecher, Folien und andere leichte Kunststoffverpackungen sollen die Münchner dort wegschmeißen. Denn einen gelben Sack oder eine gelbe Tonne gibt es in München nicht.

Das macht das Abfall-System nicht einfach zu durchschauen, und dieses ist in ganz Deutschland kompliziert. Mehr als 10.000 kommunale und private Unternehmen sind daran deutschlandweit beteiligt. Jährlich machen diese Betriebe laut Bundesumweltministerium einen Umsatz von 70 Milliarden Euro.

Die Kosten der Entsorgung bezahlen alle

Dieser Geschäftszweig existierte bis Anfang der 90er Jahre noch nicht. Damals lag die Müllentsorgung komplett in staatlicher Hand. Zu der Zeit quollen die Deponien jedoch über. Die Regierung wollte deshalb die Verursacher des Mülls stärker beteiligen und beschloss die Verpackungsverordnung. Seitdem müssen Unternehmen die Verpackungen nach Gebrauch zurücknehmen und verwerten.

Mit diesen Aufgaben können sie andere beauftragen. 1991 wurde dafür das Duale System Deutschland gegründet. Inzwischen teilen sich zehn privatwirtschaftliche Unternehmen diesen Markt. Die Kosten der Entsorgung bezahlen alle, die etwas Verpacktes einkaufen. Denn ein gewisser Anteil des Preises von verpackten Produkten ist dafür vorgesehen.

Gewinne darf der AWM mit dem Müll nicht machen

Wie Kommunen das Verpackungsgesetz umsetzen, ist ihnen überlassen. Viele Städte führten vor 30 Jahren dafür den gelben Sack oder die gelbe Tonne ein. München jedoch entschied sich anders. Ein Argument: Wenn die Bewohner ihren Müll nicht mehr zu den Wertstoffinseln bringen müssen, sei die Motivation, Plastik zu sparen, nicht mehr so groß. Bis heute ist die Stadt bei dieser Haltung geblieben.

In München hat man sich gegen den gelben Sack entschieden, damit die Münchner Plastik sparen.
In München hat man sich gegen den gelben Sack entschieden, damit die Münchner Plastik sparen. © Patrick Pleul/dpa

Deshalb sammelt der Abfallwirtschaftsbetrieb München (AWM) den Hausmüll, also Papier-, Bio-, und Restmüll ein. Bioabfälle kommen laut AWM-Sprecher Willi Schüler in eine Vergärungsanlage und werden anschließend kompostiert. Auch das Papier wird recycelt. Der Restmüll hingegen wird im Heizkraftwerk Nord in Unterföhring verbrannt. Daraus entstehen Fernwärme und Strom. Gewinne darf der AWM mit dem Müll nicht machen. Falls er Überschüsse erwirtschaftet, muss er die Gebühren anpassen.

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Für den Müll auf den Wertstoffinseln hingegen sind die privaten Unternehmen Wittmann und Remondis zuständig. Altglas entsorgt in der ganzen Stadt Remondis. 26.000 Tonnen fallen im Jahr in München an, sagt Klaus Thielmann, der bei Remondis das Recycling koordiniert. Die Verwertung von Glas funktioniere gut. Die meisten würden ihr Altglas zu den Containern bringen und dieses werde fast vollständig recycelt.

Maximal 18 Prozent des Plastiks wird weiterverarbeitet

Anders sehe es beim Kunststoff aus. In München falle in den Containern nämlich viel weniger Plastikmüll an als in Städten, in denen es eine gelbe Tonne gibt. In München werfe ein Einwohner im Schnitt 5,6 Kilo Kunststoffmüll pro Jahr in den Container. In Städten mit einer gelben Tonne seien es 27 bis 33 Kilo.

Fast vollständig automatisiert: Müllsortieranlagen.
Fast vollständig automatisiert: Müllsortieranlagen. © Roland Weihrauch/dpa

Diese Zahlen bedeuten für Thielmann nicht, dass der Münchner besonders wenig Plastikmüll verbrauchen würde. Vielmehr seien sie für ihn ein Hinweis darauf, dass vielen der Weg zu den Wertstoffinseln zu umständlich sei - vor allem, weil diese im Laufe der Jahre immer weniger wurden. Etwa 100 Standplätze gebe es heute weniger als in den 90er Jahren, obwohl die Stadt in diesem Zeitraum um eine Viertelmillion Einwohner gewachsen ist.

Doch warum ist es überhaupt ein Problem, wenn die Münchner weniger Müll zu den Wertstoffinseln bringen als andere? "Alles, was im Hausmüll landet, wird komplett verbrannt und nicht mehr sortiert oder recycelt", sagt Thielmann. Das sei Verschwendung. Der AWM sieht das anders: "Bei Verpackungsabfällen gilt alles als ,recycelt', was einem Recycling zugeführt wird", schreibt AWM-Sprecher Schüler. Doch das sei irreführend. Maximal 18 Prozent des Plastiks werde weiterverarbeitet.

Sortierten Kunststoffe:  Werden ins Ausland verkauft

Fakt ist: Je weniger Kunststoffmüll Remondis in München einsammelt, desto weniger kommt in der Sortieranlage am Flughafen an. Innerhalb von drei bis fünf Minuten sortieren die Maschinen dort Plastikflaschen, Joghurtbecher, Styropor und Folien und pressen alles zu Würfeln. Vorher durchläuft der Müll die Anlage über Förderbänder - und passiert Walzen, Siebe, Magneten, Sauger und Infrarot-Kameras. Dieser Prozess habe sich in den vergangenen Jahren immer weiter optimiert, sagt Thomas Buchner, der in der Anlage arbeitet. Trotzdem müssen am Ende fünf Mitarbeiter noch einiges mit der Hand aussortieren - etwa Styropor und schwarze Kunststoffe.

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60 Prozent der 150 Tonnen Müll, die jeden Tag aus München und anderen Städten und Gemeinden in der Anlage ankommen werde zu neuen Kunststoffprodukten weiterverarbeitet, sagt Buchner. Der Rest werde "energetisch" verwertet. Mit anderen Worten: verbrannt. Zu einem Großteil besteht dieser Rest aus Verpackungsmaterial, das sich aus so vielen verschiedenen Schichten zusammensetzt, dass Maschinen dieses nicht mehr trennen können. Wurstschalen sind so eine Verpackung, die sich nicht recyceln lässt. Diesen Überschuss verkauft das Sortierunternehmen an verschiedene Zementwerke in Bayern und Baden-Württemberg, die den Müll als Brennstoff verwenden.

Auch ins Ausland verkauft die Firma Heinz die sortierten Kunststoffe. "Folien gehen zum Beispiel nach Österreich, Frankreich und Italien", sagt Buchner. Mindestens 90 Prozent der Menge bleibe jedoch in Deutschland. Nach Asien verkaufe sein Betrieb nichts.

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