Unterwegs mit Münchner Müllladern: "Kinder sind unsere größten Fans"

Sexheftchen, Turnschuhe, teures Teeservice: Müllmann Robert Schima macht jeden Tag kuriose Funde in den Tonnen in München.
| Christina Hertel
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Als Robert Schima (rechts) vor 20 Jahren bei der Müllabfuhr anfing, waren die Tonnen noch aus Stahl.
Als Robert Schima (rechts) vor 20 Jahren bei der Müllabfuhr anfing, waren die Tonnen noch aus Stahl. © Daniel Loeper

München - Für ein Kind sieht es vielleicht so aus, als würde ein orangefarbenes Ungetüm seinen Schlund öffnen und seine Nahrung tonnenweise in sich hineinkippen. Für einen Erwachsenen holt die Müllabfuhr den Abfall. So kommt es wohl, dass der Bub, drei, vier Jahre alt, starr da steht. Und die Frau, deren Hand er hält, ihn weiterzerrt.

"Kinder sind unsere größten Fans", sagt Robert Schima (57). Er arbeitet als das, was man umgangssprachlich Müllmann nennt und was offiziell Mülllader heißt: Schima steuert keines der 154 Müllautos, die in München umherfahren, sondern er kippt den Müll in die Wagen. 60.000 Tonnen entleeren seine Kollegen und er am Tag.

Vor 20 Jahren: Tonnen wogen fast 100 Kilo

Wer Müll verräumt, lernt auch etwas über diejenigen, die ihn produzieren. Und wer das wie Robert Schima seit mehr als 20 Jahren tut, weiß gut Bescheid. Erst wenn aus Kindern langsam Erwachsene werden, sagt er, halten sie sich die Nase zu. Wenn sie Erwachsene sind, ignorieren sie ihn. Und dann, wenn sie noch älter geworden sind, grüßen sie plötzlich wieder, so erzählt Schima es.

Als er 1999 bei der Münchner Müllabfuhr anfing, hatten die kleinen Restmülltonnen vor den Haustüren noch keine Räder und waren aus Stahl statt aus Plastik, selbst die großen. Manche Tonnen wogen im leeren Zustand fast 100 Kilo.

"Da hat man richtig Kraft gebraucht", sagt Schima. Die ersten fünf Jahre brachte er den Müll in Harlaching weg. Für ihn bedeutete das: viel laufen, vorbei an Gartenzäunen und Einfamilienhäusern.

"Die Arbeit wird immer mehr"

Michael Marseiler arbeitet seit zwei Jahrzehnten als Mülllader.
Michael Marseiler arbeitet seit zwei Jahrzehnten als Mülllader. © Daniel Loeper

Seit 2004 heißt sein Quartier Haidhausen. Und das wiederum bedeutet für ihn immer mehr Tonnen auf einer immer kleineren Fläche in das Müllauto zu kippen. Schima konnte zusehen, wie viele Gebäude plötzlich um ein Stockwerk wuchsen, wie aus Garagen Wohnungen und aus Wohnungen Lofts wurden. Der Mülllader beobachtete, was die Zahlen belegen: Etwa 10.000 Menschen wohnen heute mehr in Haidhausen als zu der Zeit, in der Schima anfing.

"Die Arbeit wird immer mehr", sagt Michael Marseiler, der Fahrer in Robert Schimas Trupp. Auch er arbeitet seit 20 Jahren für die Müllabfuhr. Doch tatsächlich wurde in diesem Zeitraum - zumindest pro Kopf - die Menge des Mülls immer weniger.

Durch Online-Handel: Viele unzerkleinerte Kartons

Fast 30 Kilo Restmüll verursacht ein Münchner heute weniger als in den Zeiten, in denen Marseiler anfing. Und würden die Münchner ihren Müll besser trennen, könnte es noch weniger sein: Denn der Restmüll besteht heute laut Abfallwirtschaftsbetrieb München (AWM) zur Hälfte aus Papier- und Bioabfällen.

Auch weniger Altpapier falle an - zumindest, was das Gewicht betrifft. 9,3 Kilo liegen heute pro Kopf weniger in den Tonnen als vor gut 20 Jahren. Weniger Arbeit bedeutet das für die Müllabfuhr allerdings nicht: Durch den Online-Handel würden immer mehr unzerkleinerte Kartons die Tonnen füllen, erzählen die beiden Müllmänner.

Auch Franz Lex ist Mülllader in Haidhausen. Der Tag beim AWM beginnt früh, schon um 6.30 Uhr.
Auch Franz Lex ist Mülllader in Haidhausen. Der Tag beim AWM beginnt früh, schon um 6.30 Uhr. © Daniel Loeper

"Früher lagen oft Sex-Heftchen im Altpapier", sagt Fahrer Michael Marseiler. Die sehe er heute kaum noch. Dafür finden seine Kollegen und er immer wieder andere Gegenstände. "Oft liegen nagelneue Turnschuhe oder Spielzeug im Müll", sagt Schima. "Einmal haben wir ein Tee-Service entdeckt. Da war sogar das Preisschild noch dran." 400 Euro habe das Geschirr gekostet.

Behalten dürfen die Müllmänner solche Funde nicht. Denn sobald ein Gegenstand in der Tonne liegt, gehört er dem Abfallwirtschaftsbetrieb. Würde Robert Schima oder einer seiner Kollegin etwas einstecken, was im Müll liegt, würden sie ihren Arbeitgeber beklauen.

"Oft stinkt es so - das ist fast Körperverletzung"

Robert Schima und Michael Marseiler sehen, wie reich die Münchner sind - aber auch wie arm. "An vielen Tagen stehen die Flaschensammler morgens schon da und warten nur darauf, dass wir die Tonnen herausholen", sagt Schima, während sich sein Kollege eine Zigarette dreht.

Auf dem Tritt des Müllautos steht eine Box Krapfen, die sie sich für ihre Pause geholt haben. Robert Schima und Michael Marseiler arbeiten schon fünf Stunden, seit 6.30 Uhr morgens.

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Beide sagen, dass sie ihren Job gerne machen - am liebsten im Herbst, wenn kein Schnee liegt und wenn es nicht mehr heiß ist. "Im Sommer könnten manchmal die Maden die Tonnen raustragen. So viele sind es", meint Schima. "Oft stinkt es so - das ist fast Körperverletzung." Doch er sei schon seit seiner Kindheit an Gestank gewöhnt. Schima wuchs auf in Oberbayern in einem Dorf mit 500 Einwohnern auf: "Der Gülle-Geruch ist ähnlich."

Eigentlich ist Schima gelernter Brauer. Bei der Müllabfuhr habe er sich beworben, weil er einfach mal etwas anderes machen wollte. Bereut habe er diese Entscheidung seitdem nicht. Auch wenn mit Ende 50 die Arbeit an seinem Körper Spuren hinterlassen habe. Mal habe er sich den Zeh gebrochen, mal das Schienbein, auch Bandscheibenvorfälle habe er erlitten.

Theoretisch bietet der AWM Gymnastik für seine Mitarbeiter an. Doch praktisch, das sagen Schima und Marseiler beide, sei das nichts für sie. In ein paar Jahren gehe er ohnehin in Rente, meint Schima. "Meine Frau kommt aus Thailand." Nicht von dort, wo die Touristen Urlaub machen, sondern aus der Mitte des Landes. Das Grundstück, wo sein Haus dann einmal stehen soll, habe er schon gekauft.

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