Interview

Warum Mülltrennung jemanden nicht gleich zum Umweltschützer macht

Helmut Schmidt hat lange für den Abfallwirtschaftsbetrieb gearbeitet. Im AZ-Interview erklärt er, warum Mülltrennen allein für den Umweltschutz nicht ausreicht.
| Christina Hertel
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Helmut Schmidt achtet lieber darauf, Müll zu vermeiden, anstatt alles zu den Wertstoffinseln zu tragen.
Helmut Schmidt achtet lieber darauf, Müll zu vermeiden, anstatt alles zu den Wertstoffinseln zu tragen. © Daniel von Loeper

München - Der gelbe Sack sei ein Symbol der Wegwerfgesellschaft, sagt Helmut Schmidt. Das könne er so offen aussprechen, weil er als Rentner keine wirtschaftlichen, nur ökologische Interessen habe. Schmidt sitzt im Vorstand der Umweltakademie. Bis zum Ruhestand arbeitete er fast 30 Jahre lang für den Abfallwirtschaftsbetrieb München. Im Interview erklärt er, warum einen Mülltrennung noch lange nicht zum Umweltschützer macht.

AZ: Herr Schmidt, eine Bekannte ist zu faul, ihre Plastikabfälle in den Container zu bringen. Sie schmeißt alles in den Restmüll. Wie groß ist diese Umweltsünde?
Helmut Schmidt: Tatsächlich ist der ökologische Nutzen, Plastik zu trennen, absolut überschaubar. Wenn Sie im Jahr auf eine Autofahrt von etwa 30 Kilometer verzichten oder ein Rindersteak im Jahr weniger essen, ist der Nutzen für die Umwelt genauso groß. Auf diese Weise würden Sie ebenso viel CO2 einsparen. Die Deutschen denken immer, dass sie schon alleine dadurch, dass sie ihren Müll trennen, etwas für die Umwelt tun. Doch das ist nicht so. Bisher ist aus einem alten Joghurtbecher noch nie ein neuer entstanden.

Trennen Sie Ihren Müll trotzdem?
Hartplastikschalen, also zum Beispiel Shampoo-Flaschen, bringe ich trotzdem zu den Containern - auch wenn der Nutzen überschaubar ist. Papier, Glas und Textilien trenne ich auch. Das ergibt tatsächlich Sinn. Denn da liegt die Wiederverwertungsquote bei fast 90 Prozent. Ich persönlich achte lieber darauf, Müll zu vermeiden. Das hilft am meisten.

"Es werden nur sieben Kilogramm pro Person recycelt"

Warum bringt es so wenig, Plastik zu trennen?
Einen großen Teil der Kunststoffe kann man technisch gar nicht recyceln, weil sie aus so vielen Komponenten und Beimischungen bestehen. Ein Joghurtbecher setzt sich zum Beispiel aus mehreren Schichten zusammen. Die Sortieranlagen schaffen es nicht, diese zu zerlegen. Deshalb wird heute aus einem alten Joghurtbecher niemals ein neuer. Da dürfen wir uns nichts vormachen. Papier, Glas und Metalle hingegen sind relativ homogene Stoffe. Deshalb funktioniert dort das Recycling deutlich besser.

Das alles sieht die Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung anders. In ihrer Bilanz steht, dass 55 Prozent des Kunststoffs recycelt werden.
Diese Zahlen sind Augenwischerei. Denn in dieser Quote sind alle Mengen enthalten, die in eine Sortieranlage hineingehen. Relevant ist aber nur das, was am Ende tatsächlich verwertet wird und das ist viel weniger. Insgesamt werden laut einer Studie der Heinrich-Böll-Stiftung nur 15,6 Prozent der Plastikabfälle zu Rezyklat verarbeitet und wiederverwendet.

In München gibt es keine gelbe Tonne. Doch offenbar bringen die Münchner nur wenig Plastikmüll zu den Containern. Die Recyclingfirma Remondis sammelt in Städten mit einer gelben Tonne fünfmal so viel. Wird in München also noch weniger recycelt als anderswo?
Nein - bundesweit werden nur sieben Kilogramm pro Person recycelt. Man darf nicht den Fehler machen und die Mengen, die in der gelben Tonne landen, mit denen vergleichen, die in den Depotcontainern anfallen. In den gelben Tonnen machen Fremdstoffe sowie Dosen und Tetrapacks etwa die Hälfte aus. 70 Prozent der Kunststoffe sind Verbundstoffe, die nicht zu recyceln sind. In München hingegen kommt es zu viel weniger Fehlwürfen. Schließlich ist es mit einem Aufwand verbunden, den Müll zu einem Container zu bringen. In Städten mit einer gelben Tonne wird auch nicht mehr recycelt als in München, wenn man all das herausrechnet, was fälschlicherweise darin landet.

Gelbe Tonne: Eine Beruhigungspille für Deutschland?

Der Restmüll hingegen wird in München nicht sortiert, sondern verbrannt. Wie problematisch ist das?
Den Restmüll und die darin enthaltenen Kunststoffabfälle zu verbrennen, ist aus energetischen und ökologischen Gesichtspunkten nicht schlechter, als ihn zu recyceln. Gerade in München ist der energetische Verwirkungsgrad der Müllverbrennungsanlage hoch. Die Energie, die in einem Kunststoff steckt, wird dort bestmöglich in Strom und Fernwärme umgesetzt.

Bei der Müllverbrennung kommt es jedoch zu einem Ausstoß von Schadstoffen.
In der Müllverbrennungsanlage in München gibt es eine sehr gute Rauchgasreinigung. Die Luft, die oben aus dem Kamin herauskommt, ist sauberer als die, die unten angesaugt wurde. Was man außerdem nicht vergessen darf: Auch das Sammeln, Transportieren und Sortieren von Plastik kostet Energie und setzt Emissionen frei.

Viele fordern, dass in München die gelbe Tonne eingeführt wird. Was halten Sie davon?
Ich bin dagegen - denn durch die gelbe Tonne rückt die Müllvermeidung völlig in den Hintergrund. Der gelbe Sack und die gelbe Tonne wirken wie eine Beruhigungspille für Deutschland. Seit die Regierung dieses System vor etwa 30 Jahren einführte, hat sich nichts verbessert - im Gegenteil. Die Kunststoffverpackungsmenge in Deutschland hat sich seitdem verdoppelt. Für mich ist die gelbe Tonne deshalb ein Symbol der Wegwerfgesellschaft.

Müll ins Ausland exportiert

Warum ist dieses System in Ihren Augen gescheitert?
Das Problem ist, dass Privatunternehmen mit der Müllentsorgung Geld verdienen. Deshalb haben sie kein Interesse daran, dass der Müll weniger wird. Hinzu kommt, dass das System in den vergangenen Jahren immer komplexer geworden ist. Inzwischen gibt es zehn sogenannte Duale Systeme, die den Müll sammeln und entsorgen. Der Preiskampf zwischen ihnen ist hoch, denn sie müssen sich alle die gleichen Hersteller und die gleichen Verwerter teilen. Der Markt verlangt, dass sie nach der billigsten und nicht nach der ökologischsten Entsorgungsmöglichkeit suchen.

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Wie sieht so eine billige Entsorgungsmöglichkeit aus?
Ich möchte niemandem kriminelles Handeln unterstellen. Aber es kommt immer wieder vor, dass Kunststoffe auf Deponien in Osteuropa landen. In Polen zum Beispiel gab es mehrere Brände auf Deponien. Die Staatsanwaltschaft untersucht nun auch Speditionen aus Deutschland, ob sie dort illegal Abfälle abgeladen haben. Oftmals ist es wirtschaftlicher, den Müll ins Ausland zu exportieren als in Deutschland weiterzuverarbeiten. Von unserem Gesamtkunststoffabfall, der angeblich recycelt wird, werden 64 Prozent ins Ausland transportiert, nicht nur nach Osteuropa, sondern auch nach Malaysia, Indonesien und Vietnam.

Warum ist das ein Problem?
Dort gibt es nicht die notwendigen Sortier- und Recyclinganlagen. Der Müll liegt dort auf Deponien herum. Bei einem Hurrikan oder einem Starkregen wird er von da in die Weltmeere gespült. Jedes Jahr gelangen acht Millionen Tonnen Müll in die Ozeane. Fast 90 Prozent werden über zehn asiatische Flüsse ins Meer gespült. Da ist auch Müll aus Deutschland darunter - von dem der Verbraucher dachte, er habe ihn dem Recycling zugeführt und etwas Gutes für die Umwelt getan.

Geringere Müllproduktion

Wollen Sie damit sagen, es kann sogar besser sein, den Müll nicht zu trennen?
Zumindest landet alles, was wir hier in München in die Restmülltonne schmeißen und was hier verbrannt wird, ganz sicher nicht in den Weltmeeren.

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Jedes Jahr hunderte Tonnen Plastik zu verbrennen, kann allerdings keine Lösung sein.
Unser Ziel sollte deshalb immer sein, so wenig Abfälle wie möglich zu produzieren. Zum Glück funktioniert es heute immer besser, verpackungsfrei einzukaufen. Tests haben gezeigt, dass es nicht wesentlich teurer ist, sondern bloß etwas mehr Zeit kostet.

Wie gut funktioniert die Abfallvermeidung in München?
In München ist dafür das Bewusstsein gestiegen: Als ich vor 30 Jahren bei den Abfallwirtschaftsbetrieben München angefangen habe, haben wir noch 1,2 Millionen Tonnen Restmüll und gemischte Bau- und Gewerbeabfälle jährlich entsorgt. Das waren ungefähr 1.000 Kilo pro Einwohner und Jahr. Heute sind es weniger als 400 Kilo pro Einwohner und Jahr. Das zeigt, dass Münchens Strategie, für Mehrwegverpackungen zu werben, auf die gelbe Tonne zu verzichten, Papier- und Bioabfälle direkt auf den Grundstücken zu sammeln sowie bei Bau- und Gewerbeabfall eine strikte Trennung zu verlangen, erfolgreich war. Außerdem kann man hier das Leitungswasser problemlos trinken, braucht also kein Mineralwasser in Einwegflaschen kaufen und kaum jemand kauft Bier in Dosen.

Nicht-recyclingfähige Materialien: Geldstrafen?

Trotzdem wird der Verpackungsmüll in Deutschland mehr. Was muss sich tun, damit sich das ändert?
Die Entsorgung der Verpackungsabfälle müsste auf komplett neue Beine gestellt werden. Dafür braucht es neue Gesetze. Zwar ist erst vergangenes Jahr ein neues Verpackungsgesetz in Kraft getreten. Darin fehlen allerdings verbindliche Ziele und Quoten. Ohne Sanktionen sind solche Regelungen nutzlos. Zum Beispiel ist es seit Jahren ein Ziel, dass sich die Mehrwegquote erhöht. Doch stattdessen ist sie bei Getränkeverpackungen sogar gesunken - von über 72 Prozent in 1991 auf jetzt zirka 42 Prozent. Nur bei den Plastiktüten hat die Freiwilligkeit halbwegs funktioniert. Statt 80 Stück verbraucht eine Person jetzt nur noch 20 pro Jahr. Aber auch da waren andere Länder mutiger. In Italien oder Ruanda sind Plastiktüten schon jetzt ganz verboten.

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Was müsste sich Ihrer Meinung nach noch ändern?
Es müsste Geldstrafen geben, wenn Verpackungen weiterhin aus nicht-recyclingfähigen Materialien bestehen. Gerade Verpackungen, die Verbraucher schnell wegschmeißen, könnten aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden. Grundsätzlich muss im Fokus stehen, weniger Müll zu produzieren. Neulich sagte ein Experte: Wir Menschen sind dümmer als alle anderen Lebewesen, weil wir die einzigen sind, die Müll produzieren. Damit hat er Recht.

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