Interview

Paul Breitner über Armut in München: "Für viele reicht’s nicht mehr"

Der frühere Fußballstar Paul Breitner (69) ist seit fast 15 Jahren bei der Tafel aktiv. Im Interview erklärt er, warum Armut eigentlich das wichtigste Thema der Gesellschaft sein müsste.
| Hüseyin Ince
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Jeden Montag packt das Ehepaar Breitner bei der Lebensmittelausgabe für Tafelgäste an der Kirche am Johannisplatz mit an.
Jeden Montag packt das Ehepaar Breitner bei der Lebensmittelausgabe für Tafelgäste an der Kirche am Johannisplatz mit an. © Sigi Müller

München - An jedem Montag stehen Hildegard und Paul Breitner bei der Münchner Tafel und überreichen den Gästen an der Haidhauser Johanneskirche Lebensmittel. Ein Gespräch über Armutsfallen, deren Ursachen und welche Verantwortung die Politik dabei ignoriert.

AZ: Herr Breitner, wie geht es Ihnen?
PAUL BREITNER: Besser, ich will mich nicht mehr beklagen. Ich bin zweifach geimpft und hoffe, dass wir alle auf einem guten Weg sind, um irgendwann in naher Zukunft einen Teil der Normalität vor der Pandemie zurückzubekommen. Und ich bestehe darauf, meine Grundrechte, und zwar sofort, zurückzubekommen. Öffnet, was geöffnet werden darf.

Stichwort Pandemie. Sie sind seit mehr als 14 Jahren bei der Tafel aktiv, stehen einmal pro Woche am Johannisplatz in Haidhausen und packen dort mit an. Hat sich seit der Pandemie etwas verändert?
Die Situation hat sich verschlechtert. So wie wir von einer zweiten und dritten Welle der Pandemie sprechen, befinden wir uns mitten in einer dritten, gewaltigen Welle der Altersarmut, die nicht nur Rentner betrifft.

Breitner: Die öffentliche Hand tut zu wenig gegen Altersarmut

Was meinen Sie mit erster und zweiter Armutswelle?
Die erste brachte der Krieg mit sich. Die zweite hinterließ - lange unbeachtet - das Wirtschaftswunder und ist später verbunden mit dem unsäglichen Spruch von Norbert Blüm, die Rente sei sicher. Und die dritte Welle betrifft das Hier und Jetzt derer, die sich schon länger ein Leben, vor allem in Großstädten wie München, einfach nicht mehr leisten können. Sie sind angewiesen auf die Tafel.

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Wir hatten schon vor drei Jahren über das Thema Altersarmut in München gesprochen. Warum wird es schlimmer?
Weil die öffentliche Hand viel zu wenig tut, besonders für die Geringverdiener. Auch durch die Pandemie entstehen noch mehr solche Jobs. Dazu die Kurzarbeiter, die vielleicht ihren Job verlieren. Oder denken Sie an die Jugendlichen, die durch die fehlende Bildung keinen Abschluss machen können. Auch die werden eventuell zu Geringverdienern. Irgendwann sprengt das alles unser Sozialsystem.

Breitner: "Man gerät schnell in die Armutsfalle"

Sie glauben also, alles wird noch deutlich heftiger?
Wenn ich etwa zehn bis 30 Jahre vorausschaue, da bin ich sicher, werden die heutigen Probleme im Vergleich zur künftigen Lage klein sein. Kaum ein Politiker denkt an die Verlierer, die gerade in einer wachsenden Wirtschaft entstehen.

Welche Verlierer meinen Sie genau?
Das sind oft Menschen mitten aus der Gesellschaft, die an der Tafel Lebensmittel bekommen. Manche hatten Pech. Ein Unfall, eine Scheidung oder beides zusammen... Man gerät schnell in die Armutsfalle. Oder schauen Sie sich mal auf der Baustelle die Maurer und die Pflasterer an. Manche buckeln so hart, dass ihr Körper nach 25 oder 30 Jahren nicht mehr mitmacht. Und deren Frührente reicht natürlich auch nicht, vor allem nicht für München.

Was müsste passieren?
Es müsste endlich ein Mindestlohn geschaffen werden, der es erlaubt, würdevoll zu leben und eine vernünftige Rente zu erhalten. Und man müsste unbedingt regional unterscheiden. In München bekommst du als Rentner für einen Euro nicht das, wie jemand auf dem Land, wo es günstiger ist. Wir müssen dringend differenzieren und gewichten. Bundesweit einheitliche Tarifverträge helfen da auch nicht weiter.

Eine Polizistin oder ein Lehrer in München verdient genauso viel wie ein Polizist oder eine Lehrerin im Bayerischen Wald. Eine Schieflage?
Klar. Warum kann man nicht sagen: Wenn du im Bayerischen Wald arbeitest, bekommst du den Betrag X. Aber wenn du ins teure München wechselst, dann erhöht sich dein Gehalt - und umgekehrt. Aber so ist es eben nicht. Wir brauchen uns nicht wundern, dass in München ein Durchschnittsverdienst nicht mehr reicht, um auf dem freien Markt eine Wohnung zu mieten.

"Wer Brezn verkauft, orientiert sich nicht am unteren Einkommen"

Wie ist das in Ihrem bestimmt recht großen Bekanntenkreis? Wundert man sich, dass Sie sich bei der Tafel engagieren?
Meine Freunde und Bekannten wundern sich überhaupt nicht. Die helfen tatkräftig mit und spenden häufig Kleidung. Aber von außen denken viele, im reichen München gibt es keine Armut. Das Gegenteil ist der Fall. Gerade in wohlhabenden Städten gibt es die größten Armutsraten. Und die Schere geht weiter auseinander, gerade dort, wo viel Geld ist. Wer Brezn verkauft oder eine Wohnung vermietet, orientiert sich bei der Preisgestaltung ja nicht am unteren Ende.

Wenn Sie die Tafelgäste vor Augen haben: Welche Probleme werden noch vernachlässigt?
Bei der Tafel sind auch viele Menschen, die vor Krieg geflüchtet sind und sich in München ein Leben aufbauen wollen. Da sind enorme sprachliche Barrieren. Oft sprechen fünf- oder sechsjährige Kinder für ihre Eltern. Da müssten wir als Gesellschaft massiv in Sprachkurse für ganze Familien investieren, um den Leuten eine Chance zu geben. Eine noch größere Barriere ist natürlich, wenn ich vereinzelt auf Tafelgäste treffe, die Analphabeten sind. Aber auch das könnten wir ja ändern.

Breitner: Es gibt "zu viele Karrieristen" in der Politik

Schaut man auf die Bundestagswahl im September, sieht es so aus, als ob sich einige Ihrer Forderungen erfüllen könnten. Grüne und SPD kündigen Reformen in der Sozialgesetzgebung an. Haben Sie Hoffnung?
Ein wenig. Die Grünen werden ja wahrscheinlich die Wahl aufgrund des parteipolitischen Selbstmordversuchs von CDU und CSU gewinnen. Eine grün-schwarze Koalition könnte ganz gesund sein. Die Grünen mit vielen sinnvollen Reformen, die sollen ruhig vorpreschen. Und dazu die Union als zügelnde Kraft. Wir müssen die Welt nicht alleine retten. So könnte sich vieles zum Positiven ändern.

Werden Sie eine der beiden Parteien wählen?
Ja natürlich. Aber wen, das werde ich mir bis zuletzt überlegen.

Warum bis zuletzt?
Grundsätzlich herrscht mir zu viel Gerede in der Politik. Es gibt dort zu viele Karrieristen. Und zu wenige, die Politik als Berufung sehen.

Hätten Sie ein Beispiel?
Schauen Sie auf die so wichtige Berufsgruppe der Pflegekräfte in Krankenhäusern, die alle viel zu wenig verdienen. Anfangs wurden Sie beklatscht, jetzt werden sie vergessen. Ja meine Güte, wie schwierig kann es sein, die Leute fair zu bezahlen? Seit mehr als einem Jahr wird da diskutiert und nichts passiert!

Breitner warnt: "Die Zahl der Bedürftigen wird sich erhöhen"

Die Caritas schreibt nach dem neuesten Armutsbericht: Das ist wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch. Kann man den Ausbruch noch verhindern?
Kaum. Der Armuts-ICE kommt der Wand, gegen die er fährt, immer näher. Armut ist für mich das wichtigste Thema in unserer Gesellschaft. Wer soll denn bitte mit monatlich 250 bis 300 Euro überleben können? Wir haben bei der Tafel einen Zulauf wie nie zuvor. Und die Zahl der Bedürftigen wird sich erhöhen.

Gibt es einen Aspekt, den Außenstehende bei der Tafel unterschätzen?
Die Zahl der Kinder. Derzeit sind allein bei unserer Ausgabe mehr als 90. Wir wissen, dass viele Kinder mit Hunger in die Schule gehen. So etwas kannte ich früher eigentlich nur aus Nachkriegszeiten, als meine Tante für die Nachbarskinder regelmäßig Butterbrote schmierte. Schauen Sie: Die Tafel gibt im Schnitt jede Woche 125.000 Kilogramm Lebensmittel aus. Das alles ist auch eine parteipolitische Katastrophe. Die ganze Situation treibt viele Menschen in die Arme der extremen Parteien.


Münchner Tafel: Es gibt 25 Ausgabestellen

20.000 Münchnerinnen und Münchner versorgt die Tafel laut eigenen Angaben wöchentlich an ihren 25 Ausgabestellen. Auch an Obdachlosenküchen, Frauenhäuser sowie Gemeinschaftsunterkünfte liefert der Verein. Das ist trotz der etwa 400 Ehrenamtler viel Arbeit. Daher ist der Verein stets dankbar um jede helfende Hand und um jeden gespendeten Euro. Bei der Münchner Tafel kann man sich entweder wie Paul Breitner ehrenamtlich engagieren oder eben spenden: Geld, Lebensmittel sowie auch Kleidung. Mehr Information dazu bekommen Sie unter: muenchner-tafel.de

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