FLINTA-Wiesn: Neuer Rosa Montag in der Bräurosl

700 FLINTA-Personen feiern erstmals ihren eigenen Wiesn-Montag in der Bräurosl, mit Regenbogenflagge, Freibier und politischer Botschaft. Die Premiere zeigt, wie stark und sichtbar die queere Community auf dem Oktoberfest geworden ist – und wie aus einer Idee Tradition werden kann.
Ruth Frömmer
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V.l.: Franziska Reichert, Sina Scherer, Ricarda Hofmann, Silke Völling, Mona Fuchs und dahinter Peter Reichert. Die Stimmung beim Anzapfen auf der Bühne war für alle sechs ein „Gänsehaut-Moment“, wie sie der AZ erzählen.
V.l.: Franziska Reichert, Sina Scherer, Ricarda Hofmann, Silke Völling, Mona Fuchs und dahinter Peter Reichert. Die Stimmung beim Anzapfen auf der Bühne war für alle sechs ein „Gänsehaut-Moment“, wie sie der AZ erzählen. © Daniel von Loeper

Ob Mann oder Frau, ob hetero, schwul, lesbisch oder ganz was anderes: Die Wiesn soll für alle da sein. Seit vielen Jahren gibt es den Rosa Sonntag in der Bräurosl. (Fast) alle wissen, dass das große Festzelt am ersten Wiesn-Sonntag fast nur von schwulen Männern besucht wird.

Und Sina Scherer, Silke Völling und Ricarda Hofmann ist es zu verdanken, dass in der Zukunft der Montag danach irgendwann den FLINTA-Frauen gehört. FLINTA steht für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht-binäre, transgeschlechtliche und agender Personen. Sina Scherer hat irgendwann nach der letzten Wiesn einfach mal angefragt bei den großen Festzelten, ob es nicht eine Möglichkeit für eine solche Veranstaltung gibt. Franziska Reichert von der Bräurosl hat sie direkt angerufen und war Feuer und Flamme.

Monique (3.v.l.) ist extra aus Berlin zur Flinta-Wiesn angereist und feiert mit ihren Freundinnen am Montag in der Bräurosl.
Monique (3.v.l.) ist extra aus Berlin zur Flinta-Wiesn angereist und feiert mit ihren Freundinnen am Montag in der Bräurosl. © Daniel von Loeper

"Gerade in Zeiten wie diesen ist es wichtig, sichtbar zu bleiben"

Nachdem das Interesse in der Community immer größer und größer wurde, haben die beiden mit 700 Plätzen geplant. "Aber wir hätten auch 1200 Bändchen vergeben können", erzählt Scherer. Die Nachfrage war riesig. "Nun hoffe ich, dass wir darauf aufbauen können und im nächsten Jahr vielleicht sogar ein ganzes Zelt bekommen", sagt Scherer.

"Gerade in Zeiten wie diesen ist es wichtig, sichtbar zu bleiben. Was wir gerade an Freiheit und Demokratie erleben, ist ja entstanden, weil irgendwann Leute auf die Straße gegangen sind." Mit Blick auf die aktuellen Landtagswahlen in Deutschland sehe man ja, wie wichtig es sei, zusammenzuhalten.

Monika (l.) und Melanie sind dankbar, dass es jetzt auch eine Veranstaltung für Frauen gibt.
Monika (l.) und Melanie sind dankbar, dass es jetzt auch eine Veranstaltung für Frauen gibt. © Daniel von Loeper

Aber an diesem Montag ist die Stimmung ausgelassen. Viele Frauen tragen Lederhosn, ein paar wenige normale Kleidung. Aber die Mehrheit ist im Dirndl gekommen. Silke Völling ist überwältigt: "Es ist so schön zu sehen, wie sich die Community an einem Montag gegenseitig unterstützt. Viele haben sich extra freigenommen, um heute hier zu sein."

An einem der Tische sitzt Mel mit ihren Freundinnen. Sie war immer Wiesn-Fan und hat in den letzten Jahren den Rosa Sonntag besucht. "Aber da haben wir dann vielleicht ein, zwei Tische. Und 99,5 Prozent der Gäste sind schwule Männer.“ An diesem Montag ist sie sich sicher: „Ich glaube, wir schreiben heute Geschichte."

Simon und seine Kolleginnen vom Musikverein aus Biberach wussten nichts vom Rosa Sonntag in der Bräurosl, genossen den Abend aber sehr.
Simon und seine Kolleginnen vom Musikverein aus Biberach wussten nichts vom Rosa Sonntag in der Bräurosl, genossen den Abend aber sehr. © Daniel von Loeper

"Wir sind nicht gay, aber es ist sympathisch und cool"

Ein paar wenige gibt es, die auch vom Rosa Sonntag noch nie etwas gehört haben. Am Tag zuvor trifft die AZ Simon vom Musikverein aus Biberach. Er hatte einen Tisch für sich und seine Kolleg*innen reserviert und erst vor Ort erfahren, dass sich an dem Tag alles um die schwule Community dreht. Das sei eine Überraschung gewesen. "Am Anfang war das ein bisserl komisch, aber mittlerweile haben wir uns zurechtgefunden“, erzählt er der AZ. "Wir sind nicht gay und sehr traditionell unterwegs. Aber es ist trotzdem sympathisch und cool!"

Ansonsten ist der Sonntag in der Bräurosl wie jedes Jahr voll besetzt und die Stimmung ausgelassen. Viele Besucher reisen an, um hier dabei zu sein. Ingenieur Thomas zum Beispiel. Er ist aus Amsterdam und sagt: "Ich bin absolut fasziniert und liebe es, hier zu feiern." Die Veranstaltung hat sich sogar bis in Promi-Kreise herumgesprochen. Am Abend betritt Topmodel Heidi Klum die Bühne.

Mona Fuchs zapft an und prostet den 700 Frauen zu.
Mona Fuchs zapft an und prostet den 700 Frauen zu. © Daniel von Loeper

Am FLINTA-Montag begrüßt Bräurosl-Wirt Peter Reichert die Zweite Bürgermeisterin Mona Fuchs (Grüne) auf der Bühne. Sie ruft den queeren Frauen laut zu: "Wie toll, dass ihr heute die Bräurosl füllt!" Souverän zapft sie ein Fass Freibier an und anschließend hisst die Bräurosl-Wirtin Franziska Reichert feierlich die Regenbogenflagge – und 700 Frauen jubeln vor Freude und Rührung.

"Der Tag heute ist ganz besonders", sagt Fuchs danach zur AZ. Der Rosa Sonntag sei zwar auch wunderschön gewesen. "Aber das sind halt schon sehr, sehr viele Männer. Und es ist besonders schön, dass heute so viele Frauen da sind. Ich hoffe, dass sich das etabliert und auch hier eine Tradition draus wird – möglichst im ganzen Zelt!"

Leila fühlt sich gut aufgehoben in der queeren Szene.
Leila fühlt sich gut aufgehoben in der queeren Szene. © Daniel von Loeper

"Das ist Frauen-Power!"

Peter Reichert sieht da kein Problem und würde sich freuen. "Schauen Sie sich mal an, wie viele Frauen hier glücklich sind", sagt er. In Zukunft werde es wie den Rosa Sonntag bestimmt auch den Rosa Montag geben. "Das ist Frauen-Power! Fast das ganze Zelt ist voller Frauen, das ist doch sensationell", so Reichert weiter.

Seine Frau Franziska ist ebenfalls überwältigt. "Man geht ja schon so beflügelt aus dem Rosa Sonntag raus“, erzählt sie, "und da jetzt weiterzugleiten in den Montag mit der Energie dieser unglaublich tollen Community“, das sei einfach nur toll.
"Wenn das Leben und die Liebe gefeiert werden, gibt es nichts dagegen zu sagen", findet die Wiesn-Wirtin. Zumindest in der ersten Hälfte der Tagesschicht möchte sie auf jeden Fall in Zukunft den Rosa Montag in der Bräurosl etablieren. "Denn wenn ganz viele Frauen zusammentreffen, ist es immer besonders."

"Wir schreiben hier heute auch ein Stück History, oder besser ‘Herstory’“, sagt Sina Scherer zur AZ. "Entstanden ist das Ganze aus einer sehr schönen Idee und nun ist es so gewachsen. Ich bin überwältigt." Der Regenbogen in der Bräurosl ist auf jeden Fall noch einmal um ganz viele Farben bunter geworden.

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