Interview

Münchner Wahrsagerin: "Du bist, was du denkst"

Von Rio über Dubai nach Bayern: Joelma Araujo ist eine vielgereiste Frau. In München lebt sie seit etwa 13 Jahren. Im Univiertel sagt sie Menschen aus aller Welt die Zukunft voraus.
| Hüseyin Ince
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Joelma Araujo am Muschelorakel in Schwabing. Sie lässt gerade die Steine fallen, aus denen sie die Zukunft liest.
Joelma Araujo am Muschelorakel in Schwabing. Sie lässt gerade die Steine fallen, aus denen sie die Zukunft liest. © Bernd Wackerbauer

München - Zeit, nach vorne zu schauen. Also warum nicht mal eine Wahrsagerin befragen. Joelma Araujo kann das, sagt sie. Ein Blick in die "Glaskugel" kann ja nicht schaden.

Königsdisziplin Muschelorakel

Die Brasilianerin deutet die Zukunft aber nicht mithilfe einer Glaskugel, sondern befragt das Muschelorakel: Jogo de Buzios heißt das. Sie nennt es: die Königsdisziplin des Wahrsagens. Araujo lässt kleine Steine in Muschelform auf ihr Brett fallen. Völliger Zufall also, werden einige sagen.

Doch aus der Konstellation deutet Araujo die nächsten zwölf Monate. Auch dass die AZ bei ihr anruft, habe sie vorausgeahnt. Ein Gespräch wie ein Vokalbad, wenn Araujo mit portugiesischem Brasilien-Akzent wahrsagt.

AZ: Frau Araujo. Werden wir nächsten Winter noch mit Corona ringen?
JOELMA ARAUJO: (schließt die Augen, schüttelt die Muschelsteine in den Händen, Geraschel, sie beschwört Geister auf Portugiesisch, "ohbahbahteng...", öffnet die Hände, die Steine fallen auf das Holztablett, sie schaut mich an, schaut auf die Konstellation, atmet lange aus) Muss ich das beantworten?

Oh ja, bitte.
Wissen Sie, das sage ich jetzt ungern. Das ist auch der Grund, warum ich es nicht mag, guten Freunden die Zukunft vorauszusagen.

Weil Sie ungern schlechte Nachrichten überbringen?
Genau.

Also die Antwort ist ja.
Ich sehe sehr viele Covid-Erkrankte. Aber auch Neuanfang.

Ein Jahr kann sie in die Zukunft blicken

Wie weit können Sie denn in die Zukunft schauen?
Bis zum Ende des nächsten Jahres. Danach haben Sie gefragt. Und danach frage ich dann die Geister.

Welche Geister sind das, wie heißen die?
(lächelt) Das kann ich Ihnen nicht sagen, das muss mein Geheimnis bleiben.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie die Fähigkeiten zum Wahrsagen haben?
Das war mit etwa sieben Jahren in Rio. Wir lebten mit meinen beiden Brüdern in sehr engen Verhältnissen, ich schlief in der Küche. Und eines Nachts wachte ich auf. Da saßen sieben Personen am Küchentisch, also Geister. Das war mein allererstes Erlebnis dieser Art.

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Keine Angst vor Geistern

Hatten Sie Angst?
Nein, überhaupt nicht.

Warum? Die meisten Kinder hätten in so einer Situation Angst.
Meine Familie und ich, wir sind Angehörige der Umbanda, einer weltoffenen, spirituellen Religion in Brasilien. Der Glaube an Geisterwesen gehört dazu. Wir haben mehrere Gottheiten. Vielleicht hat mich deshalb die Situation nachts nicht verängstigt.

Wie sind Sie dieser Gruppe beigetreten?
Meine Großmutter hat mich mit der Magie der Umbanda vertraut gemacht, schon seit meiner Kindheit.

"Oft bin ich gegen drei Uhr morgens wach"

Sehen Sie heute auch noch Geister?
Regelmäßig. Ich befrage sie, wie ich handeln soll. Oft bin ich gegen drei Uhr morgens wach, um sie zu sprechen. Ich kann auch Geister rufen. Oxun ist zum Beispiel die Gottheit der Schönheit und der Familie. Haben Sie einen Angehörigen, der bereits verstorben ist und den ich zum Gespräch bitten soll?

Lieber nicht.
Wie Sie wollen. Es wäre kein Problem.

Das überfordert mich ein wenig, wäre eher etwas für eine nächste Sitzung, glaube ich. Können Sie für mich persönlich in die Zukunft sehen?
Natürlich. Schauen wir mal. Ich schreibe erst ein paar Rahmendaten auf. Ihr Geburtsdatum, mhm, Ihr Name, Ihr Sternzeichen. (zeichnet ein Kreuz mit Zahlen an den Enden, führt ein paar Rechnungen durch, spricht dazu hörbar portugiesisch)

"Ich habe hier verschiedene Häuser auf dem Muschelorakel"

Was können Sie jetzt hieraus lesen, aus diesen Zahlen?
13, hmm. Quarenta. Erst einmal sehe ich sehr viel positive Energie bei Ihnen. Das ist schon mal ein Anfang.

Was bedeutet die Anordnung auf Ihrem Brett?
Ich habe hier verschiedene Häuser auf dem Muschelorakel. Was ich nun erforschen kann, ist die Tendenz. Der grüne Stein zum Beispiel steht für Finanzen. Hier ist auch das Haus der Vergangenheit, das Haus der Gerechtigkeit, der Gesundheit, Liebe, zuhause. Alles zu je einem Stein zugewiesen. Jetzt lasse ich mal die Muschelsteine fallen. (Es raschelt rhythmisch, es klimpert, sie beschwört auf Portugiesisch, "Ohbabahteng...", die Steine fallen)

Und?
Eine kurze Frage.

Ja, bitte.
Fühlen Sie sich in der Arbeit anerkannt?

Ja, doch.
(kurze Pause, blickt auf das Brett) Ja. Das sieht hier auch so aus. Aber ich lese aus den Steinen, dass da noch Luft nach oben ist.

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Okay. Wie ist es mit der Zukunft?
Es sieht so aus, als ob sich nächstes Jahr Ihre finanzielle Lage verbessert.

Eine schöne Nachricht.
Aber momentan sollten Sie keine große Investition riskieren. Warten Sie noch etwas ab. Muss jemand aus Ihrem Umfeld zum Arzt?

Regelmäßig.
Das sollten die Personen beibehalten. Die Behandlungen sind wichtig. Sie sind übrigens grundsätzlich sehr positiv eingestellt. Aber Ihnen stehen sehr viele Möglichkeiten offen. Haben Sie Mut.

Das Leben mit positiven Gedanken beeinflussen

Meinen Sie so etwas wie Eigenmotivation?
Ja! Machen Sie sich positivere Gedanken. Ich sage immer: Du bist, was du denkst! Übrigens: Es sieht so aus, als ob Sie wesentlich mehr Geld verdienen könnten. Eine andere Frage: Weiß Ihre Frau, dass Sie heute bei einer Wahrsagerin sind?

Ja sicher. So etwas macht man ja nicht alle Tage.
Werden Sie ihr von dem Gespräch erzählen?

Bestimmt.
Sie mag sie sehr. Ich sehe auf dem Muschelorakel, dass Sie grundsätzlich sehr gemocht werden, von vielen Menschen. Darauf deutet die Gottheit Oxala. Der Hauptgott. Als Sie bei mir angerufen haben, mochte ich Sie übrigens auch sofort. Wissen Sie, mein Guru hatte vorausgesagt, dass Sie sich bei mir melden werden.

Wer ist Ihr Guru, wenn ich fragen darf?
Pai Edinho, er lebt in Rio. Wir telefonieren regelmäßig. Vor einigen Wochen hatte sich ein anderer Journalist gemeldet. Ich hatte ein schlechtes Bauchgefühl. Davon habe ich Pai auch erzählt. Er hatte damals gesagt: Ich glaube nicht, dass der sich noch einmal meldet.

Und meldete sich der Kollege dann?
Nein! Pai hat das sofort richtig eingeschätzt. Und jetzt sitzen Sie hier.

Interessant.
Welche Fragen haben Sie noch?

Hmm. Was bringt mir das nächste Jahr alles?
(Sie nimmt die Steine in die Hände. Es raschelt, "Ohbabah...", die Steine knallen auf das Brett) Ich sehe wieder: Tendenz ist sehr positiv, viel Progress, Sie haben sehr viel Schutz von Geistern. Aber, Sie sind irgendwie zu, wie soll ich sagen, zu ausgeglichen, äußerlich zumindest. Streben Sie nach mehr, egal welche Hindernisse kommen. Intelligenz, Gesundheit... Sie haben die Möglichkeiten. Soll ich Ihnen ein Beispiel von mir geben?

Gerne.
Ich hatte ja mein Büro an der Leopoldstraße. Ich wollte etwas Größeres, hier in der Gegend, Univiertel am besten. Alle haben gesagt, das sei fast unmöglich, vor allem jetzt während Corona. Und jetzt schauen Sie sich um.

Wahrsagen an der Schellingstraße

Sie sind in größeren Räumen an der Schellingstraße.
Richtig, erst seit kurzem. Habe mir immer wieder gesagt, Joelma, du musst dranbleiben, immer wieder mit Leuten darüber sprechen. Und das neue Büro ist sogar bezahlbar. Oder ein anderes Beispiel: Ich hatte zwei Brüder. Beide sind bei Bandenkriegen in Rio erschossen worden, im Teenageralter beide, vor mehr als 20 Jahren.

Schrecklich, mein Beileid.
Danke. Ich hätte mich jahrelang der Trauer hingeben können. Aber ich bin positiv geblieben, habe dieses grausame Schicksal hingenommen. Irgendwann kam dann die Möglichkeit, als Model in Dubai zu arbeiten. Ich habe sie ergriffen. Die Arbeit und das Leben dort waren mir nach einigen Jahren zu langweilig. Und so suchte ich nach Veränderung, wieder mit ganz viel positiver Energie. Und jetzt bin ich in München, habe eine Familie und arbeite als Wahrsagerin.

Verstehe. Aber das klingt alles so einfach. Vielleicht zu einfach?
Unterschätzen Sie die Kraft der eigenen Gedanken nicht. Wenn Sie abends zu Hause sind und sich sagen: Was für ein anstrengender Tag, ich habe keine Kraft mehr, noch irgendetwas zu machen. Was glauben Sie, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass sie da noch etwas unternehmen?

"Gedanken sind mächtig"

Sie meinen, das wird dann zu einer Prophezeiung, die sich von selbst erfüllt?
Natürlich! Die Gedanken sind mächtig. Sie entscheiden über das Handeln. Wenn Sie sich abends fest vornehmen, noch jemanden zu treffen oder etwas zu unternehmen, dann tun Sie das auch meistens. Also noch mal, bleiben Sie positiv, mit viel Eigenmotivation. Sie haben den größten Einfluss auf sich selbst.

Blicken Sie auch länger als ein Jahr in die Zukunft.
Nein.

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Warum?
Ich kann ja nicht voraussehen, dass ein bestimmtes Ereignis eintritt. Was ich sehe, sind Tendenzen, was also passieren kann. Und diese Tendenzen kann jeder beeinflussen. Sie können meine Vorhersage aufgreifen und die Dinge auch ändern. Das ist ja nicht ausgeschlossen.

Die beliebtesten Themen beim Wahrsagen?
Geld, Liebe, Gesundheit.

Wer kommt alles zu Ihnen?
80 Prozent Männer. Zuletzt war eine 21-jährige Frau da, wunderhübsches Mädchen, wie ein Fotomodell. Sie sagte, Joelma, ich werde jetzt doch nicht Medizin studieren. Anscheinend hatte ihr eine andere Hellseherin gesagt, dass sie nicht mehr lange leben wird. Deshalb wirkte ein Studium für sie sinnlos.

Was haben Sie ihr gesagt?
Natürlich wirst du Medizin studieren, habe ich gesagt. Man kann eben solche hellseherischen Tendenzen in die Zukunft durchaus beeinflussen.

Aber das widerspricht ein wenig dem Wahrsagen. Oder?
Das denke ich nicht. Jeder hält die Fäden selbst in der Hand. Ob man an ihnen zieht oder nicht, das ist die eigene Entscheidung.

Man muss das Glück ergreifen

Sie ermutigen also Menschen zu mehr Kontrolle im Leben.
So kann man es sehen. Das Glück im Leben ist schon da. Man muss es aber ergreifen.

Haben Sie selbst schon eine ähnliche Erfahrung gemacht?
Natürlich. Regelmäßig. Ich hatte zum Beispiel früher sehr wenig Glück in der Liebe. Ich merkte, dass ich zu impulsiv bin, etwas aufbrausend. Ich hatte viele Gespräche mit meinem Guru und habe dann gezielt mein Temperament unter Kontrolle gebracht. Und dann hat es irgendwann geklappt.

Schauen Sie manchmal für sich selbst in die Zukunft?
Nein. Man schneidet sich ja normalerweise auch nicht die Haare, das können andere besser.

Letzte Frage: Wird sich der Klimawandel aufhalten lassen?
("Ohbabah...") Oh. Negative Energie: Wir müssen viel investieren. Sonst sieht es schlecht aus.

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