Münchner Stadtrat: Wer drinnen ist - und wer draußen

Die 80 neuen Stadträte stehen (fast) fest. Große Überraschungen – und bitterste Enttäuschungen – zeichnen sich ab. Am Dienstag werden die allerletzten Wahllokale ausgezählt.
| Emily Engels
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Der Häufel-König: Rettungssanitäter Jens Luther (CSU).
CSU 3 Der Häufel-König: Rettungssanitäter Jens Luther (CSU).
Marian Offman erstattet Anzeige gegen den Pegida-Aktivisten Heinz Meyer.
Daniel von Loeper 3 Marian Offman erstattet Anzeige gegen den Pegida-Aktivisten Heinz Meyer.
Jens Röver (SPD) hat es wohl nicht in den Stadtrat geschafft.
Daniel von Loeper 3 Jens Röver (SPD) hat es wohl nicht in den Stadtrat geschafft.

München - Auch wenn noch unsicher ist, wer mit wem in die Koalition gehen wird, stehen immerhin schon die 80 Stadträte (fast) fest, die ab Mai im Rathaus sitzen werden. Während die Kandidaten auf den aussichtsreichsten Listenplätzen sich ihres Platzes relativ sicher sein durften, war es für einige Kandidaten eine Zitterpartie bis zum Schluss.

Die AZ fasst zusammen, auf welchen neuen Stadtrat es am Montagabend zulief, bevor die Auszählung unterbrochen wurde. Am Dienstag werden die allerletzten Wahllokale ausgezählt. Theoretisch ist also noch denkbar, dass der ein oder andere Sitz sich doch noch verschiebt,

Neue Gesichter im Münchner Stadtrat

Zwar nur 18 Sitze im neuen Stadtrat, dafür aber einen besonders hohen Anteil an neuen Gesichtern hat die SPD-Fraktion. Darunter ist Liedermacher und Kabarettist Roland Hefter. Als die AZ ihn anruft, ist er gerade dabei, ein neues Lied zu schreiben. "Ich kann mich gar nicht so recht freuen", sagt der 52-Jährige, den sein Anti-AfD-Song "Mia ned" weit bekannt gemacht hat. "Ich bin schon traurig über das Gesamtergebnis der SPD", sagt er.

"Verhaltene Freude" herrscht auch bei Micky Wenngatz, die auf Platz 15 der SPD gewählt wurde. Ihre Sorgen gelten neben dem schlechten SPD-Ergebnis vor allem auch der Corona-Krise. Die "München ist bunt"-Chefin sagt: "Wer ernsthaft ist und sich ansatzweise mit der Lage auseinandersetzt, weiß, welche Verantwortung auf den neuen Stadtrat zukommt."

Der Häufel-König: Rettungssanitäter Jens Luther (CSU).
Der Häufel-König: Rettungssanitäter Jens Luther (CSU). © CSU

Lena Odell: "Gleichzeitig irgendwie auch im Corona-Wahn"

Auch Juso-Chefin Lena Odell (35) kann sich noch nicht so recht freuen. "Gerade bin ich mit meinen zwei Kindern (1 und 5 Jahre alt) im Homeoffice daheim." Monatelang habe sie darauf hingearbeitet, in den Stadtrat zu kommen. Dass es geklappt hat, freue sie natürlich wahnsinnig. "Gleichzeitig ist man irgendwie auch im Corona-Wahn", sagt sie. Von den Jusos hat es auch Christian Köning geschafft.

Clara Nitsche (22) von der Grünen Jugend wird ebenfalls in den Stadtrat einziehen. "Auf jeden Fall eine super Bestätigung, ich freue mich sehr, dass es geklappt hat", sagt Nitsche, die Soziale Arbeit studiert. Mit ihr zieht als neue Grünen-Stadträtin auch die junge Julia Post ein, Gründerin von "Coffee To Go Again".

Geschafft hat es auch Andreas Schuster, Sprecher vom Radentscheid. "Es freut mich, dass ich solide auf Platz 13 gewählt wurde." Diese Kommunalwahl sei auch "eine Wahl der Nachhaltigkeit und des Radentscheids".

Stadtratswahl 2020: Die Häufel-Könige

Andreas Schuster spielt darauf an, dass auch die Radentscheids-Sprecherinnen Gudrun Lux (Grüne) und Sonja Haider (ÖDP) es wohl in den Stadtrat geschafft haben. Vor allem bei Lux eine echte Überraschung. Sie war ursprünglich auf Listenplatz 29, bei der Aufstellungsveranstaltung im September gab es großen Streit darüber, ob ihre Kandidatur überhaupt vertretbar sei.

Denn sie ist mit Fraktionschef Florian Roth verheiratet. Fraktion und Partei sind traditionell sehr selbstständig und selbstbewusst. Jetzt hat sie es doch geschafft: Sie wurde auf Platz 14 gehäufelt.

"Wahnsinnig“ freut sich Jens Luther (34). Der Rettungssanitäter wurde auf der CSU-Liste von Platz 21 auf Platz 7 gehäufelt. "Eine riesige Überraschung", sagt Luther. Gleichzeitig zeige das Ergebnis, dass alle, die sich wie er für die Gesellschaft einsetzen, einen guten Stand in der Bevölkerung hätten.

Jeweils neun Plätze gut gemacht haben die beiden SPDler Klaus-Peter Rupp (vom Wackelplatz 21 auf 12) und Lars Mentrup (von 17 auf 8).

Marian Offman erstattet Anzeige gegen den Pegida-Aktivisten Heinz Meyer.
Marian Offman erstattet Anzeige gegen den Pegida-Aktivisten Heinz Meyer. © Daniel von Loeper

Stadtratswahl 2020: Die Häufel-Nieten

Überraschend schlecht abgeschnitten hat die amtierende CSU-Stadträtin Dorothea Wiepke, die gleich zehn Plätze verliert und damit trotz eines eigentlich sicheren Listenplatzes (15) nicht mehr in den Stadtrat einzieht – sie muss abgeben an ihre Fraktionskollegin Alexandra Gaßmann, die sich vom schlechten Platz 24 auf 15 vorgearbeitet hat.

Auch CSUler Armin Gastl verliert zehn Plätze (von 17 auf 27) und ist damit raus.

Stadtratswahl 2020: Geplatzte Hoffnung

Bei der SPD-Fraktion ist gleich für zwei erfahrene Stadtratsmitglieder der Traum, wieder in den Stadtrat zu gelangen, geplatzt: für den verkehrspolitischen Sprecher der SPD, Jens Röver (39), und für den Sozialpolitiker Marian Offman. Röver sagt zur AZ: "„Es ist nicht so, dass ich mich nicht daraufvorbereiten konnte."

Woran lag die Niederlage? "Der Listenplatz war einfach ungünstig", sagt er. Jetzt freue er sich auf ein "geregeltes Leben". Röver: "Ich werde deutlich mehr Zeit mit meiner Frau verbringen können."

Bitter enttäuscht klingt hingegen Marian Offman. Der ehemalige CSU-Stadtrat war erst im Juli 2019 zu den Genossen gewechselt, hatte dort aber nur den unsicheren Listenplatz 23 bekommen. "Es ist schon eine sehr große Enttäuschung", sagt er. Gleichzeitig sei das einzige Votum, das er wirklich akzeptiere, das des Wählers.

Jens Röver (SPD) hat es wohl nicht in den Stadtrat geschafft.
Jens Röver (SPD) hat es wohl nicht in den Stadtrat geschafft. © Daniel von Loeper

Offman (72) war 18 Jahre im Stadtrat. "Mein Wunsch wäre schon gewesen, dass zumindest ein Jude es in den Stadtrat geschafft hätte, das ist jetzt nicht gelungen", sagt Offman, der auch Mitglied des Vorstands der Israelitischen Kultusgemeinde ist. Eine Mini-Chance sieht Offman doch noch. Denn Offman ist erster Nachrücker bei der SPD.

Auf der CSU-Liste knapp durchgefallen ist Michael Haberland, Gründer und Präsident des Auto-Clubs "Mobil in Deutschland". Bei den Freien Demokraten hatte Thomas Ranft (Listenplatz 7) bis zuletzt gehofft. Diese Hoffnung ist jetzt geplatzt. "Ich trage es mit Fassung", sagt Ranft. Natürlich sei er enttäuscht, aber Stadtrat sei eben ein "Amt auf Zeit".

Thomas Ranft: "Ich habe Enkelkinder, außerdem will ich schreiben"

Insgesamt weist er auch auf das "katastrophale Ergebnis" seiner FDP hin. Ranft vermutet: "Das ist bestimmt nicht nur auf Thüringen zurückzuführen, das müssen wir uns in Ruhe anschauen." Ebenso wie Röver freut sich Ranft auf die gewonnene Zeit. Er sagt: "Ich habe Enkelkinder, außerdem will ich schreiben."

Ebenfalls bei den Liberalen nicht geschafft hat es die Ex-"Bunte"-Chefin Patricia Riekel, die auf Platz acht angetreten war. Sie ist zwar auf Platz sechs vorgehäufelt worden, das reicht aber nicht aus. Auch Stadtrat Johann Sauerer wird nicht mehr im Rathaus mitmischen dürfen.

Erst vor einigen Monaten hatte er die CSU-Fraktion verlassen und war zur ÖDP gewechselt. "Ich bin enttäuscht, es ist aber kein Zusammenbruch", sagt er der AZ. Nachforschen, warum man gescheitert sei, bringe nichts.

Stadtratswahl 2020: Neue Kleine

Die Zersplitterung ist nicht ganz so groß ausgefallen wie erwartet. Es ziehen dennoch einige Parteien mit wenigen Sitzen in den neuen Stadtrat ein. Ebensoviele Sitze wie FDP, ÖDP und Linke bekommt die AfD.

Iris Wassill, Markus Walbrunn und Daniel Stanke ziehen für die AfD im Mai in den Stadtrat. Ein neues Gesicht in der ÖDP ist Nicola Holtmann. Die 48-Jährige ist Umwelt-Ingenieurin im Bereich der Solarenergie.

Lesen Sie hier: Der neue Stadtrat - Grün-Rot rückt näher

Lesen Sie hier: Kommunalwahl - Frank oder Pretzl als Zweiter Bürgermeister?

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