Münchner im Oberland nicht willkommen? Der Konflikt ist historisch gewachsen

Pfingstferien - und kaum Chancen auf Urlaub in der Ferne. Viele Menschen zieht es wieder in die nahen Berge. Schon im Winter klagten Einheimische über parkende Autos und Müll - und gerade Münchner spürten: Sie sind nicht immer willkommen. Stadt, Land - Streit?
| Sabine Dobel/dpa
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Ärger über Übertourismus, Staus und Müll: Die Oberland-Bevölkerung hat vergangenen Sommer gegen die Ausflügler demonstriert.
Ärger über Übertourismus, Staus und Müll: Die Oberland-Bevölkerung hat vergangenen Sommer gegen die Ausflügler demonstriert. © Peter Kneffel/dpa

München – Das "M" war zuletzt nicht immer gern gesehen im Oberland. Das Münchner Autokennzeichen hat einen Makel: Es taucht zu oft auf. "Warum müsst ihr hierherkommen? Ihr könnt bei euch im Wald spazieren gehen", war als Gipfelgruß für Münchner zu hören.

München und das Oberland: Beide gehören unlösbar zusammen, zugleich herrscht teils eine erhebliche Distanz. Die Corona-Krise hat das verschärft. Ausflüge waren für die Münchner im Lockdown oft der einzige Lichtblick, Einheimische fühlten sich überrannt. Sie klagten über Müllberge und rücksichtloses Parken. An Pfingsten blieb Chaos aus, der Andrang hielt sich in Grenzen - allerdings war das Wetter in den Bergen vielfach schlecht.

Einheimische und Bewohner der Gemeinde Grainau bei einer Demonstration für eine Verkehrswende im Oberland unter dem Motto "Ausbremst is!" im August 2020.
Einheimische und Bewohner der Gemeinde Grainau bei einer Demonstration für eine Verkehrswende im Oberland unter dem Motto "Ausbremst is!" im August 2020. © Peter Kneffel/dpa

Corona-Regeln gelockert: Touristen dürfen wieder einkehren

Hatten Lokalpolitiker im vergangenen Frühjahr und auch im Winter verlangt, den Zustrom aus München zu drosseln, so stehen die Zeichen zu Pfingsten wieder auf Grün: Gastronomie, Hotels und Lifte dürfen bei einer Inzidenz unter 100 öffnen - die Betreiber freuen sich über die Rückkehr der Touristen. Das klang schon einmal anders.

Mit einem Brandbrief hatten Bürgermeister im Tegernseer Tal vor gut einem Jahr verlangt, in der Corona-Krise Ausflüge behördlich zu beschränken. "Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Verwaltungen auch in zwei Monaten noch arbeitsfähig sind. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wer hinter den "Münchnern" den Dreck wegräumen soll", hieß es von einem der Bürgermeister.

Spannungen zwischen Städtern und Landbevölkerung gibt es nicht erst seit Corona

Die Münchner reagierten pikiert: Solange man Geld bringe, sei man willkommen. Kaum seien Gastronomie, Läden und Lifte dicht, solle man daheimbleiben. Und schließlich kämen die Menschen aus dem Oberland sonst auch in Scharen nach München und verstopften hier die Straßen: Zehntausende pendeln täglich zur Arbeit in die Landeshauptstadt. Auch zur Wiesn, zu Messen, zum Shoppen fährt man gerne nach München.

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Die Reiberei zwischen Stadt und Land ist kein Corona-Problem, sondern historisch gewachsen. Arrogante Städter, einfache Landbevölkerung: Die Klischees halten sich spätestens seit dem 19. Jahrhundert. "Das Thema ist eingebunden in eine prinzipielle Bipolarität zwischen Stadtbewohnern und Landbewohnern. Das ist nichts Neues - und auch nichts speziell Bayerisches", sagt Oberbayerns Bezirksheimatpfleger, Norbert Göttler. "Es gibt viele Regionen in der Welt, in denen es viele Spannungen zwischen Stadt und Land gibt."

Dumme Bauern, dumme "Stodara"?

Dazu gehöre das lächerlich machen des Landbewohners, der wiederum auf die "Stodara" (Städter) schimpfe, weil sie "von nichts eine Ahnung haben und durchgefüttert werden müssen". Früher gab es Bildungsunterschiede, da Bauern ihre Kinder nicht gern zur Schule schickten - Städter wiederum fuhren zum Nahrung-Hamstern aufs Land.

Im 19. Jahrhundert kamen die Sommerfrischler. Ihre Gastgeber setzten bauernschlau und profitorientiert in ihren Bauernstücken das Image um, das die Gäste erwarteten. "So entstand ein Bild vom Bauernlackl, der nichts tut als saufen, raufen und fensterln", sagt Göttler.

Wer vom Land in die Stadt übersiedelte, musste aufpassen, dass ihn nicht der Dialekt verriet. "Es gab eine Liste von Begrifflichkeiten, die man nicht verwenden durfte - um nicht als Landpomeranze zu gelten", sagt Göttler. Der späteren Autorin Lena Christ habe der Großvater beim Gang von Glonn nach München "haufenweise" Wörter mitgegeben, die sie vermeiden sollte, da sie aufsteigen wollte.

Reiche Münchner besetzen Wohnraum auf dem Land

Heute sorgt der massive Druck von der Stadt nach draußen ins Grüne für Unmut - auch jenseits der Pandemie. Betuchte Münchner kaufen Ferienwohnungen am Tegernsee oder im Chiemgau, treiben so die Preise in die Höhe - Einheimische finden keinen bezahlbaren Wohnraum mehr.

Vor zwei Jahren hatten einige Gemeinden - allen voran Berchtesgaden - Satzungen erlassen, die keine neuen Zweitwohnungen mehr zulassen. Der Wohnraum solle denen zur Verfügung stehen, die im Ort leben und arbeiten. Das Vorgehen sorgte bundesweit für Aufmerksamkeit.

Verkehr und Verhalten: Ausflügler sorgen für Stau, einige benehmen sich nicht

Für dicke Luft sorgen auch die Staus. Am Wochenende drängt München ins Grüne. Unter dem Motto "Ausbremst is!" gingen Einheimische im vergangenen Jahr gegen den zunehmenden Verkehr auf die Straße.

Im Januar gipfelte der Ärger in einem Plakat am Ortsteingang von Miesbach, das Münchner - unterlegt mit besagtem Kennzeichen "M" - aufforderte: "Verpisst euch!! Wir wollen Euch nicht.."

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Oft sei das Verhalten der Gäste das Problem, klagte der Garmischer Landrat Anton Speer im März. "Wenn im Halteverbot geparkt wird, private Einfahrten zugestellt werden, die Landschaft zugemüllt und das Wild aufgescheucht wird, Trampelpfade im Naturschutzgebiet entstehen, Chemietoiletten von Wohnmobilen im Wald entsorgt werden und Ausflügler beziehungsweise Touristen teils überaus gereizt reagieren, wenn sie auf ihre Handlungen angesprochen werden, dann trägt das nicht sonderlich zum guten Miteinander bei."

Autos stehen während einer Demonstration für eine Verkehrswende im Oberland unter dem Motto "Ausbremst is!" vor der Ortschaft im Stau.
Autos stehen während einer Demonstration für eine Verkehrswende im Oberland unter dem Motto "Ausbremst is!" vor der Ortschaft im Stau. © Peter Kneffel/dpa

Die Herausforderungen: Interessen von Stadt und Land vereinen

Wenig später Krisengespräche: Eine Taskforce aus Tourismusvertretern sollte Ideen entwickeln, damit Münchner und Oberländler mehr Verständnis füreinander aufbringen. Die Herausforderung sei, die Interessen von Stadt und Land zu vereinen - "am besten so, dass es nur Gewinner gibt", sagte Miesbachs Landrat Olaf von Löwis (CSU).

Im Januar hatte von Löwis per SMS einen Hilferuf an Ministerpräsident Markus Söder geschickt: Der Tagestourismus vor allem an Spitzingsee und Schliersee ufere aus. Der Appell, zu Hause zu bleiben, müsse durch Regeln bei der Ausgangsbeschränkung untermauert werden. Als die Inzidenz stieg, sperrte der Landkreis - wie einige andere Landkreise auch - Ausflügler komplett aus. Zu Pfingsten allerdings rangen von Löwis und sein Landkreis darum, es unter die Inzidenz von 100 zu schaffen - damit Hotels und Gaststätten für Touristen öffnen können.

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) mahnte kürzlich, vor allem das Miteinander zu betonen. "Denn die Stadt profitiert vom Land und das Land von der Stadt."

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