Oh du volles Oberland - Konflikt zwischen Land und Stadt brodelt weiter

Der Konflikt zwischen Münchner "Stodaran" und Landbevölkerung ist mancherorts durch Corona hochgekocht. Wie geht es jetzt weiter?
| Ruth Schormann
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Zahlreiche Ausflügler genießen das schöne Wetter am Ufer des Tegernsees in Bayern. (Archivbild)
Zahlreiche Ausflügler genießen das schöne Wetter am Ufer des Tegernsees in Bayern. (Archivbild) © Sven Hoppe/dpa/dpa

München - "Sowohl am Stümpfling als auch am Rosskopf ist einiges los, ebenso auf den Parkplätzen am Spitzingsee" - das meldete der Ausflugsticker der Alpenregion Tegernsee-Schliersee am Sonntag.

Martin Emig vom Polizeipräsidium Oberbayern-Süd bestätigt der AZ ein hohes Verkehrsaufkommen am Wochenende. Wander- und Ausflugsparkplätze seien regional sehr unterschiedlich belegt gewesen, "von gut bis sehr stark frequentiert, aber größtenteils nicht überlastet", berichtet Emig.

Warme Temperaturen locken Münchner aufs Land

Ein Verbot touristischer Tagesausflüge gibt es momentan nicht mehr und die frische Frühlingswärme lädt freilich nach draußen ein - sorgt das also für neue alte Probleme im Süden Münchens? Die Stimmung hatte sich bekanntlich in den vergangenen Monaten zugespitzt. "Da wurde völlig falsch kommuniziert", sagt aber Harald Gmeiner, Tourismus-Chef der "Alpenregion Tegernsee Schliersee".

Es gehe nicht um "die Münchner", sondern um Tagestouristen allgemein, die "alle herzlich willkommen" seien, aber eben gewisse Regeln kennen müssten. Mit dem Ausflugsticker wird versucht, die Besucher zu lenken, Ranger werden auf Parkplätzen und Bergen eingesetzt. "Ich bin sicher, dass sich da in den nächsten Jahren noch einiges mehr tut", sagt Gmeiner.

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Wildparken und hinterlassener Müll sorgen für Ärger

Schliersees Bürgermeister Franz Schnitzenbaumer sagt der AZ lachend über die aktuelle Situation: "Es ist nicht so dramatisch, wie mancherorts dargestellt." Natürlich seien viele Menschen vor Ort, "wie immer bei schönem Wetter".

Doch dadurch, dass die Inzidenzzahlen sinken, die nächtliche Ausgangssperre vielerorts aufgehoben ist und auch das Ausflugsverbot nicht mehr gilt, kehrt wohl Milde ein. Schnitzenbaumer meint, es sei "vorher auch ein bisserl ein psychologisches Problem" gewesen.

Beschwerden gibt es zwar schon, räumt er ein, hauptsächlich wegen des Wildparkens und hinterlassenem Müll. Emig vom Polizeipräsidium in Rosenheim teilt der AZ mit, am Wochenende seien wegen Wildparkens 138 Fahrzeuge beanstandet worden.

Finden Anwohner die Münchner "ein Graus"?

An besucherstarken Tagen wird der Verkehr nun verstärkt überwacht, sagt Schnitzenbaumer, und mit Online-Informationen und Hinweistafeln werde versucht, "die Menschen aufzuklären, dass die Berge nicht nur für die Freizeitgestaltung da sind, sondern Lebensraum vieler Tiere".

Der BR hingegen berichtet, dass der Stadt-Land-Konflikt stetig weiter schwele, Münchner würden blöd angeredet, was sie hier wollten, Einheimische sagten, es sei "ein Graus", was sie vor ihrer Tür erleben müssten.

Miesbachs Landrat Olaf von Löwis teilt der AZ aber mit: "Ich denke nicht, dass wir es mit einem Konflikt zu tun haben. Viel eher handelt es sich um eine Herausforderung, die verschiedenen Interessen von Stadt und Land zu vereinen." Er kündigt an, dass bald "eine Videokonferenz mit mehreren überregionalen Politikern und verschiedenen Tourismus- und Verkehrsorganisationen" stattfinde und er sich viel von dem gegenseitigen Austausch erhoffe. "Ich bin froh, dass durch die Diskussion das Thema nun an der Stelle angekommen ist, wo es hingehört, nämlich auf überregionaler Ebene. Das ist kein Landkreis-Miesbach-Problem."

Der DAV appelliert, Bus und Bahn für den Ausflug zu wählen

Wie schlimm es rund um den Jahreswechsel war, zeigte die Tatsache, dass sich Miesbachs Landrat Olaf von Löwis gezwungen sah, eine "Brand-SMS" als Hilferuf an den Ministerpräsidenten zu schicke. "Um Weihnachten rum war es oben am Spitzing so, als gäbe es kein Corona", erinnert sich Gmeiner.

Dieses Spannungsfeld ist aber kein neues. Während die Ausflugsregionen touristisch von Tagesgästen und Urlaubern profitieren, pendeln andererseits rund 390.000 Beschäftigte täglich nach München rein, die Landbevölkerung kommt aber auch fürs Kultur- und Einkaufsangebot in die Stadt. Ein Geben und Nehmen, eigentlich. Doch wird momentan zu viel genommen?

Markus Block von der Alpenvereinssektion München und Oberland sagt der AZ, es sei eine "traurige Entwicklung", die in den vergangenen drei Monaten stattgefunden habe.

Mit Tipps für unbekanntere Regionen abseits von Spitzing und Garmisch versucht der Verein, eine Entzerrung voranzutreiben. "Es gibt schöne Touren, deren Startpunkt man mit der S-Bahn erreichen kann von München aus", wirbt Block. Ein weiterer Punkt ist: Das Wandern, "der gesamte Bergsport, das gesamte Jahr über boomt seit Jahren", sagt er. "Die Verkehrsbelastung durch das Freizeitverhalten hat in den vergangenen fünf Jahren stetig zugenommen", sagt Gmeiner.

Block verweist in dem Zusammenhang auch auf den Bergsteigerbus, der ab Pfingsten an nicht ohnehin schon gut erschlossene Wanderziele fahren wird.

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