Interview

Münchner Bademeister: "Der schönste Job der Welt"

Daniel Zemmrich arbeitet als Bademeister. Ein Gespräch auf seinem Sonnendeck über Bienenstiche, Beckenkontrollen und seine Leidenschaft: das Reisen.
| Hüseyin Ince
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Daniel Zemmrich auf seinem Sonnendeck im Westbad. Von hier aus hat er alle Schwimmer und Nichtschwimmer gut im Blick
Daniel Zemmrich auf seinem Sonnendeck im Westbad. Von hier aus hat er alle Schwimmer und Nichtschwimmer gut im Blick © Bernd Wackerbauer

München - Westbad. Es ist 11.12 Uhr am vergangenen Dienstag, an der Weinbergerstraße 11. Das Thermometer zeigt 29 Grad Celsius. Perfektes Wetter für Bademeister Daniel Zemmrich beim Nachmittagsdienst. Erst einmal Zigarette anzünden. Die Marke mit den Cowboys. Auf seinem Funkgerät knarzt ab und zu die Stimme seiner Kollegen. Ein Gespräch über ferne Länder, gelb-grüne Flüsse und wie Zemmrich Münchner Bademeister wurde.

AZ: Herr Zemmrich, sind Sie gebürtiger Münchner?
DANIEL ZEMMRICH: Nein. Geboren wurde ich in Döbeln, nahe Leipzig. Ich bin noch vor der Wende nach Westdeutschland ausgereist. Damals, 1988, mit meinen Eltern.

Das ging einfach so?
Es war nicht leicht. Man stellte einen Ausreiseantrag, wartete jahrelang. Manche durften.

Und der Ausreisegrund?
Familienzusammenführung. Mein Großvater lebte im Schwarzwald. Dort hat mein Vater den ersten Job im Westen bekommen, in einer Kuckucksuhr-Fabrik. Wir waren in Triberg. Ein Naturparadies.

Dort lebten Sie dann zuerst?
Ja, ich bekam einen Ausbildungsplatz als Werkzeugmacher. War dann vier Jahre bei der Bundeswehr, als Flugzeugmechaniker.

"Ich bin aus Zufall Bademeister geworden"

Bin gespannt, wie Sie nun Bademeister in München wurden.
Völliger Zufall. Nach der Bundeswehr bin ich sechs Monate nach Indien gereist. Danach landete ich in München. In der S8 stand: Rettungsschwimmer gesucht. Meine Eltern lebten schon in München, weil meine Mutter einen Job als Schneiderin am Theater bekommen hatte. Zwei Tage später stand ich am Becken, abwechselnd im Maria-Einsiedel- und im Schyrenbad. Ich hatte eine Rettungsschwimmer-Ausbildung von der Bundeswehr.

Und bald darauf waren Sie hier im Westbad?
Erst war ich Saisonarbeiter, danach drei Jahre im Dantebad. Seit 17 Jahren arbeite ich als Bademeister im Westbad. Der schönste Job der Welt.

Als Sie mit 16 Jahren nach Westdeutschland ausgewandert sind, wie war das für Sie?
Es fühlte sich schon an, wie ein Land und eine Sprache. Aber zwei völlig unterschiedliche Systeme. Anderer Alltag, andere Schule. Volle Kaufhäuser, saubere Straßen, viel bessere Luft. Das fiel mir am meisten auf.

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Warum bessere Luft?
Ich glaube die Kohle- und Chemieindustrie in Leipzig und Halle hat ihre Abluft nicht sonderlich gefiltert. Die Freiberger Mulde, der Fluss durch Döbeln, färbte sich manchmal gelbgrün.

Was fiel Ihnen noch auf?
Wichtig für mich war die Möglichkeit zu reisen. Einfach ins Flugzeug und weg, ohne zu betteln, ohne zu bitten. Ich hatte schon als Jugendlicher wahnsinnig Fernweh.

Und die Möglichkeit haben Sie nach Ihrer Ausreise genutzt?
Reichlich. Ich habe nach der Bundeswehr alles verkauft, was ich besaß: Fernseher, Schrankwand, mein altes Auto. Und war sechs Monate in Indien. Eine Wahnsinnsreise. Ich bin in den letzten 30 Jahren in mehr als 100 Ländern gewesen. Farbfernseher, fester Wohnsitz, sichere Arbeit: Hat mich damals überhaupt nicht interessiert.

Wo waren Sie überall?
Fragen Sie lieber, wo ich noch nicht war.

Nämlich?
In Australien und in der Südsee. Sonst hab schon fast alles gesehen. Madagaskar, Äthiopien, Grönland bis Bolivien, Transsibirische Eisenbahn bis Hongkong, Myanmar bis Indien.

"Manchen reicht ihr Schrebergarten, mich zieht's in die Welt"

Toll. Sie sind in der DDR groß geworden, wo reisen verboten war. Woher kam Ihr Fernweh?
Vielleicht ist das eine Art Gen. Manchen reicht ihr Schrebergarten, manchen reicht es, einmal im Jahr in Italien oder ab und zu am Starnberger See zu sein. Mich zieht es immer möglichst weit weg. So weit, wie es nur geht. Ich habe nicht einen einzigen Tag Urlaub in Deutschland verbracht.

Welches Land ist Ihnen in Erinnerung geblieben?
Bolivien.

Warum?
Die Vielseitigkeit ist faszinierend: die Salzwüste, die berühmte Silbermine, der Titicacasee, die Menschen. Bolivien hat den höchsten indigenen Anteil in Amerika, glaube ich. Aber auch an Mexiko, Kolumbien, Madagaskar und Nicaragua erinnere ich mich noch sehr gut. Wunderschöne Länder.

Können Sie uns aus einer spannenden Episode erzählen?
Kolumbien. Wir sind mal mit einem ganz kleinen Boot sechs Tage und sechs Nächte zu den San-Blas-Inseln bis Panama gefahren. Das war abenteuerlich. Indien war meine erste große Reise. Alleine. Daran erinnere ich mich auch noch sehr gut.

Sie haben vorhin gesagt, dass Ihr Job als Bademeister Ihr Traumjob ist. Warum?
Es ist die Abwechslung. Das Medium Wasser, der Kundenkontakt und das sehr gute Arbeitsklima im Westbad.

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Von außen denke ich mir: Was ist denn so abwechslungsreich? Den ganzen Tag am Becken sein, aufpassen ...
So ist es nicht. Da gehört viel mehr dazu. Du bist Kassierer, Saunakraft, Gärtner, Techniker, Animateur, Schwimmlehrer, machst Aufsicht. Du überprüfst die Wasserwerte: Chlor, pH-Wert, Redox, Hygiene-Hilfsparameter, Temperatur, alles drum und dran. Das ist nicht das Klischee, sich den ganzen Tag von der Sonne bräunen zu lassen. Dazu brauchst du Empathie, Einfühlungsvermögen, Durchsetzungsvermögen. Es sind ja nicht alle Badegäste pflegeleicht. Du musst immer nervenstark, zuverlässig und kundenorientiert sein.

Wie sieht denn so ein typischer Tag als Bademeister aus?
Du kommst an und machst deinen Anlaufdienst. So heißt das. Als Schwimmbad haben wir eine Verkehrssicherheitspflicht. Du misst das Wasser, Chlor und pH-Wert, räumst auf, was eventuell vergessen wurde, Reinigungskontrolle. Fußballplatz, Volleyballplatz, Beckenabsperrungen kontrollieren. Dafür sorgen, dass unser Bad öffnen kann. Unsere Gäste sollen keinen Anlass haben, sich zu beschweren.

"Vom Drei-Meter-Brett springen? Hat mich noch nie gereizt"

In welchem Rhythmus arbeiten Sie?
Dreischicht-Betrieb. Sieben Tage Arbeit, drei Tage frei, sieben Tage Arbeit, vier Tage frei. Das liebe ich.

Nutzen Sie auch die Gelegenheit, ins Wasser zu springen?
Täglich. Am Dienstende schwimme ich 45 Minuten. Das hält in Form, ist mein Ausgleich: ein gelenkschonender Sport.

Springen Sie zum Feierabend auch vom Drei-Meter-Brett?
Nein, das hat mich noch nie gereizt. Rutschen auch nicht.

Gibt es Dinge, die Sie in Ihrem Job nerven?
Ganz wenige.

Welche?
Mich wundert es manchmal, dass hin und wieder Gäste um den Eintrittspreis feilschen. Ich meine: Es kostet fünf Euro für Erwachsene, für den ganzen Tag! Ich finde, das ist wirklich fair. Was auch ärgerlich ist: Wenn Leute einfach ganz bewusst Müll liegen lassen. Aber die allermeisten sind da gewissenhaft. Und manchmal schauen Eltern mehr aufs Handy als nach ihrem kleinen Kind.

Nach dem Motto: Es ist ja eh ein Bademeister da?
Richtig. Da suche ich dann häufig das Gespräch und bitte sie, etwas mehr Aufmerksamkeit auf die Kinder zu lenken.

"Drei Menschen musste ich wiederbeleben"

Was nervt noch?
Eigentlich nichts. Wie gesagt: Es ist für mich der beste Job der Welt. So wie Jogi Löw einmal gesagt hat, dass es sein Traumjob ist, Bundestrainer zu sein. Hab nur keine Millionen auf dem Konto. Aber das ist nicht schlimm. Die Stadtwerke München zahlen faire Löhne, finde ich. Außerdem bin ich aktuell sehr stolz darauf, dass die Stadtwerke bei einer Erhebung der Gemeinwohl-Bilanz super abgeschnitten haben. Das habe ich als eine Bestätigung für meine tägliche Arbeit gesehen. Bei der Erhebung habe ich mitgewirkt.

Was waren die extremsten Erlebnisse im Schwimmbad?
In den etwa 20 Jahren als Rettungsschwimmer und Bademeister musste ich drei Menschen wiederbeleben. Zum Glück haben sie alle überlebt. Zwei Mal waren es Kinder, sieben und zwölf Jahre alt, die an der Kante zum Tiefbecken abgerutscht sind. Einmal war es ein älterer Mann, der in der Sauna umgekippt ist. Das beschäftigt einen noch Tage danach. Aus dem Wasser ziehen, Herzdruckmassage, beatmen. Da schüttest du Adrenalin aus und musst die Nerven behalten. Als Bademeister ist man für solche Notfälle gut vorbereitet. Aber solche Extremsituationen kommen sehr selten vor. Meistens versorgen wir Schürfwunden, Bienenstiche, manchmal eine Beule.

Wie sieht man das, wenn jemand wegtaucht und nicht mehr auftaucht?
Der große Vorteil im Schwimmbad ist, dass man bis zum Beckenboden sehen kann. Das erkennt man schnell.

Nochmal zum Fernweh: Wenn Sie reisen, sind Sie da gedanklich in München, am Becken?
Kein Stück. Nur an meine Tochter denke ich dann. Sie ist 14, lebt in der Stadt. Von ihrer Mutter bin ich geschieden. Aber wir haben ein gutes Verhältnis.

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Wird Ihre Tochter einmal Bademeisterin?
Die ist noch jung, macht sich darüber keine Gedanken, glaube ich. Aber ich habe einen 28-jährigen Sohn im Schwarzwald, der auch als Bademeister arbeitet. Er liebt auch seinen Job. Da hat man immer Gesprächsstoff.

Sie sind viel gereist. Sind Sie als gebürtiger Sachse überzeugter Münchner geworden oder können Sie sich vorstellen, auch in einem anderen Land zu leben?
Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Südostasien. Sri Lanka oder Kambodscha vielleicht. Oder Spanien. Aber derzeit will ich in München leben. Ich habe ja eben meine Tochter. Sie braucht mich. Ich verbringe sehr gerne Zeit mit ihr.

"Hauptsache, es ist warm und das Meer ist nicht weit weg"

Ist Deutschland ein Reiseziel?
Puh. (denkt einige Sekunden nach) Deutschland ist Deutschland. Ich kenne die Städte hier schon sehr gut, bin über die Bundeswehr viel rumgekommen. Daher liegt für mich der Reiz viel mehr in der Ferne.

Eine letzte Frage: Hat es Sie jemals in Ihre Geburtsstadt Döbeln zurückgezogen?
Nein. Nie. Ich habe mal eine Städtereise mit meiner Tochter dorthin gemacht, ihr gezeigt, wo ich groß geworden bin. Vor zwei Jahren etwa. Aber keine Verwandtschaft, keinen Bezug zu der Stadt: Mich zieht es dort überhaupt nicht hin.

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