München 1968: Die Folgen der Bewegung - Das Spiel geht weiter

1969 wollte die CSU den Zuzug außerbayerischer Studenten stoppen, Franz Josef Strauß zeigte Günter Grass an – und beim Olympia-Bau hatte man Angst vor Brandanschlägen. Die Folgen der 68er-Bewegung.
| Karl Stankiewitz
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Alois Hundhammer 1968 an seinem Schreibtisch. Der Minister musste zurücktreten.
Ullstein Alois Hundhammer 1968 an seinem Schreibtisch. Der Minister musste zurücktreten.

Dass die allgemeine Berichterstattung allein das Jahr 1968 im Fokus hat und auch die zünftige Zeitgeschichte sich gern dieser symbolischen Jahreszahl bedient, wird dem Geschehen nicht gerecht. Tatsächlich hatte jene "neue soziale Bewegung" – so eine "offizielle" Bezeichnung – nicht nur das zum Start der AZ-Serie skizzierte Vorspiel, sondern auch ein noch viel längeres Nachspiel.

Hier eine kurze Zusammenfassung der Folgen – mit ersten Anzeichen terroristischer Entartung:

Januar

Neben der Justiz soll jetzt die Bundeswehr Angriffsziel werden, beschließt das Münchner APO-Hauptquartier. Die erste Aktion vor dem Hauptbahnhof, wo Wehrpflichtige zur Verweigerung des Waffendienstes aufgefordert und mit Sprüchen wie "Zerschlagt die NATO!" empfangen werden, bricht aber bald im Schneesturm zusammen.

An der Uni wollen Studenten ein neues "Basismodell" durchsetzen; angestrebt wird ein Rätesystem, das die Wissenschaft samt ihrer gesellschaftlichen Funktion neu bestimmen soll. Die CSU möchte den "Import" außerbayerischer Studenten beschränken, um die Ruhe an den heimischen Hochschulen wiederherzustellen. An der Pädagogischen Hochschule wird erstmals in Deutschland "antiautoritäre Erziehung" unter professoraler Anleitung praktiziert.

Februar

Rund 120 Studenten besetzen die Akademie der Bildenden Künste, alle werden sofort festgenommen und erkennungsdienstlich fotografiert. Das Kultusministerium schließt die Akademie, weil es die "Aufrechterhaltung eines Mindestmaßes an Ordnung nicht mehr gewährleistet" sieht. In der Universität dringen 200 Studenten während einer Senatssitzung in die Rektoratsräume ein. Münchner Gymnasiasten arbeiten am Fundament einer "Gegenschule", in der Sachverhalte von den Schülern gemeinsam erarbeitet werden.

Die katholische Zeitung Neue Zelle empfiehlt der Kirche ein "Rätesystem" und wird vom Bayernkurier scharf angegriffen. In der Evangelischen Akademie Tutzing meint Pfarrer Peter Göpfert: "Eines Tages könnte der Augenblick reif sein für gemeinsame Aktionen der Christen, mag man das Revolution nennen." Studenten "befreien" bestimmte Gebäude und bemalen sie mit revolutionären Parolen, andere rufen zur Aktion "Rettet die Münchner Fassaden" auf.

Die Humanistische Union präsentiert sich als "Kader der Radikaldemokratie", sie will "jeden Bürger zum Widerstandskämpfer gegen totalitäre Entwicklungen und Gefahren ausbilden". Landwirtschaftsminister Alois Hundhammer tritt an seinem 69. Geburtstag zurück; er war Exponent des konservativ-klerikalen CSU-Flügels. Als Kultusminister hatte er gegen die "Lausbuben" an den Hochschulen den Einsatz "sehr weitgehender staatlicher Machtmittel" gefordert.

März

Ein Richter wendet sich in aller Schärfe gegen einen Gesetzentwurf der CSU, der eine Verschärfung der Ordnungsstrafen bei "Ungebühr vor Gericht" vorsieht. Die bayerische SPD unternimmt einen neuen Vorstoß, um endlich die körperliche Züchtigung als "pädagogisches Erziehungsziel aus der Zeit des autoritären Staates" abzuschaffen; die CSU windet sich – von der entsprechenden Bestimmung werde ja kaum mehr Gebrauch gemacht.

Mehr als ein Drittel der bayerischen Jugendlichen im Alter von 17 bis 19 Jahren hat eine eher negative Meinung über die Polizei, ergibt eine Umfrage der Wickert-Institute. 77 Prozent der Abiturienten und Hochschüler meinen, die Polizei solle gegenüber Demonstranten "großzügiger" sein, während 59 Prozent der Bayern insgesamt für ein energischeres Vorgehen sind.

Mai

Der aus der Regierung gedrängte Hundhammer wettert gegen allerlei Reformer: gegen die Katholische Akademie, die den "Pornographen und Gotteslästerer" Günther Grass zu Wort kommen lasse, gegen die viel zu liberale Münchner Katholische Kirchenzeitung und gegen das Katholikenblatt Publik, dem die Finanzierung aus Kirchensteuern entzogen werden solle. Zum Bundeskongress des DGB in München fordert die oppositionelle Linke eine Reform an Haupt und Gliedern sowie "Arbeiterkontrolle statt Mitbestimmung". Das Hauptproblem, die Neugliederung, wird aus dem Weg manipuliert.

Alois Hundhammer 1968 an seinem Schreibtisch. Der Minister musste zurücktreten.
Alois Hundhammer 1968 an seinem Schreibtisch. Der Minister musste zurücktreten. © Ullstein

Juni

Auf einem Plakat rufen die Studentenausschüsse von fünf Münchner Hochschulen zu einer Kundgebung gegen den Entwurf eines Hochschulgesetzes auf dem Königsplatz. Motto: "Zerschlagt die reaktionäre Bildungspolitik der CSU". Auf dem "Kongress der Werbung 69" bekennen sich die jungen Marktmacher zum "mündigen Verbraucher", versprechen mehr Einsatz für das Gemeinwohl und verkünden: "Opas Werbung ist tot!"

Juli

Nach einem 23 Stunden dauernden Hearing und viel Krach auf der Straße beginnen im Landtag die Beratungen über das neue Hochschulgesetz. Der Entwurf sieht den Ausschluss von "Störern" bis zu drei Jahren vor. Aus Protest treten die Studierenden der meisten Münchner Hochschulen noch einmal in einen Vorlesungsstreik. Schüler des Oskar-von-Miller-Gymnasiums drehen einen 35-Minuten-Film zum Thema Liebe, um Eltern und Lehrer "aufzuklären". Als sie Plakate dafür kleben, kommt die Funkstreife, die dann aber die Werbung genehmigt.

September

Im Wahlkampf zieht der CSU-Vorsitzende und Bundesfinanzminister Strauß, den Günter Grass wegen Volksverhetzung angezeigt hat, noch einmal alle Register gegen die "Prediger der Revolution, die unser Vaterland zugrunde richten, wenn wir ihnen nicht das Handwerk legen". Jungen Zuhörern droht er: "Noch ein solcher Zwischenruf, und Sie fliegen raus." Die "Tiere", als die sich die APO-Leute in Bamberg gebärdet haben sollen, werden nun zu "Viechern" und "Faschisten".

Die Organisatoren sollten darauf gefasst sein, dass bei den Olympischen Spielen 1972 "auch politische Diskussionen ausbrechen", warnt Sportpfarrer Martin Hörmann, als 20 Vertreter der kirchlichen Akademien mit Soziologen, Pädagogen und Praktikern darüber diskutieren, wie die "Leibesübungen" intensiver, aber ohne Leistungsfetischismus betrieben werden könnten. Die Olympia-Baugesellschaft bezieht das Werfen von Molotow-Cocktails in ihre Planungen mit ein. "Bei der heutigen politischen Lage könnten herostratische Naturen versuchen, in APO-Manier das Dach zu bombardieren."

November

In den nächsten Jahrzehnten seien ökologische Katastrophen wie Hungersnöte, Wassermangel, Zersiedelung, Klimaverschlechterung und so weiter zu befürchten, meint Professor Dr. Ing. Karl Steinbuch, Verfasser des alarmierenden Buches "Falsch programmiert", auf einem Kongress der Zukunftsforscher in München. "Wir können den technischen Fortschritt nicht mehr so wild weiterlaufen lassen wie bisher, sondern müssen ihn ethischen Bedingungen unterwerfen."

Der BR verweigert ein "Wort zum Sonntag", das der Studentenpfarrer Theo Schmidkonz bestreiten und mit einem Lied und ein paar Worten von Udo Jürgens anreichern wollte.

Dezember

Mit einem scharfen Ruck nach links übernehmen die 150.000 Jungsozialisten auf ihrem Münchner Bundeskongress die selbstbestimmte neue Funktion als "innerparteiliche Opposition" (so der Titel einer Programmschrift) und als "Avantgarde der SPD". Bundesgeschäftsführer Wischnewski wird als Redner abserviert, der "rote Steffen" wegen warnender Worte ausgebuht, der im Bundestag sitzende bisherige Juso-Vorsitzende Cortier abgewählt. Die Parteiführung erwägt, nachdem schon ihr Studenten-Ableger SDS verloren ging und durch einen neuen ersetzt wurde, die Gründung einer neuen Jugendorganisation.

"München 68 – Traumstadt in Bewegung" erscheint am 26. Februar in einer Neuauflage im Volk-Verlag. Das Buch hat 224 Seiten und kostet 14,90 Euro


Was sonst noch geschah

1968: Schwarzenegger jobbt in München und der Fernsehturm wird feierlich eingeweiht.

Damals kannte den brünetten Bodybuilder aus Österreich noch kaum jemand: Arnold Schwarzenegger, 1968 zarte 21 Jahre alt, der damals mit seinem weiß-blauen Taunus durch die Stadt kurvte und in einem Fitnessstudio arbeitete. 1968 wanderte der Steirer in die USA aus, wo er den Titel "Mr. Universum" zum zweiten Mal gewinnen konnte.

Ein großes Ereignis war die Eröffnung des Fernsehturms am 22. Februar 1968 nach knapp drei Jahren Bauzeit. Eine Sensation: das Drehrestaurant (in 53 Minuten einmal rum). 290 Meter war der Turm damals hoch – heute ist er, nach Erneuerung der Spitze 2005, einen Meter höher.


München 1968: Die große AZ-Serie

Teil 1 der AZ-Serie: Die APO und die Opas

Teil 2 der AZ-Serie: Was für ein Theater!

Teil 3 der AZ-Serie: Lust- und Kriegsspiele

Teil 4 der AZ-Serie: Der Deifi is do

Teil 5 der AZ-Serie: Knast und Gewalt

Teil 6 der AZ-Serie: Die Polizei als Schutzengel

Teil 7 der AZ-Serie: Die Rezepte der Politiker

Teil 8 der AZ-Serie: Parolen, Phrasen, Sponti-Gehabe

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