Interview

"Kanackische Welle"-Macher: "Ich bin deutsch, nicht exotisch"

Die beiden Münchner Malcolm Ohanwe und Marcel Aburakia sind mit ihrem Podcast "Kanackische Welle" erfolgreich. Ein Gespräch über rassistische Lehrer und weiße Manuels.
| Lea Kramer
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Malcolm Ohanwe (l.) und Marcel Aburakia am Königsplatz.
Malcolm Ohanwe (l.) und Marcel Aburakia am Königsplatz. © privat

München - Im Oktober 2018 produzierten Malcolm Ohanwe (27) und Marcel Aburakia (25) die erste Folge für ihre Sendung "Kanackische Welle".

In ihrem Podcast geht um das Aufwachsen und Leben als PoC (Person of Color, nicht-weißer Mensch) in Deutschland und auch speziell in München. Mittlerweile haben die beiden mehr als 10.000 Zuhörer pro Folge und bekommen viele Zuschriften aus der post-migrantischen Community.

AZ: Herr Ohanwe und Herr Aburakia, Ihr Podcast heißt "Kanackische Welle". Das klingt in vielen Ohren wie ein Schimpfwort. Wie empfinden Sie das?
MARCEL ABURAKIA: Das Wort Kanake ist zwar ursprünglich negativ konnotiert, aber wir versuchen, es umzudeuten. Denn es gibt sehr viele positive Eigenschaften, die damit einhergehen. Es gibt keine 0815-Identität eines Kanaken - auch jemand, der weiß-deutsch gelesen wird, kann Kanake sein. Es könnte auch einen Maximilian geben, der in türkischen Communities aufgewachsen ist und sich daher als Kanake fühlt. Aber klar, wenn wir das Gefühl bekommen, jemand nennt uns Kanake, der sonst niemals Kanake sagen würde, dann ist es immer noch eine Beleidigung.

"Wir sind ein Teil der DNA, die dieses Land ausmacht"

Wie überschneiden sich Ihre beiden Biografien?
MALCOLM OHANWE: Wir haben beide je einen palästinensischen Elternteil. Ich hatte aber das Gefühl, dass es nicht sinnvoll ist, einen Podcast zu machen, der sich nur mit palästinensischer oder arabischer Identität beschäftigt. Der Name viele meiner Verwandter kommt zwar von dort, aber meine Tanten, Onkels, Cousins und Cousinen und deren Kinder sind einfach alle hier aus München. Deshalb fühle ich mich auch nicht unbedingt primär als Teil einer Diaspora, sondern mehr Teil der Deutschen mit Mehrfach-Identität. Kanake wird man in Deutschland. Wir sind hier. Wir sind ein Teil der DNA, die dieses Land ausmacht.

Herr Ohanwe, Ihre Familie hat ihren Lebensmittelpunkt seit Längerem in Deutschland. Wie war es denn als Schwarzer Deutscher in München aufzuwachsen?
OHANWE: Meine Oma kam als junge Frau nach Deutschland und hat hier ihre vier Kinder - darunter meine Mutter - zur Welt gebracht. Meine Mutter ist also in Deutschland mit zwei palästinensischen Eltern aufgewachsen, ebenso ihre Geschwister und deren Kinder. Mein Vater ist aus Nigeria, auf seiner Seite habe ich auch viele hier in Deutschland aufgewachsene Verwandte.

Das heißt: Ich habe mehrheitlich mit Menschen zu tun gehabt, die nicht weiß-deutschen Phänotyps waren, aber Deutsch als Muttersprache gesprochen haben. In der Straße, in der ich in Johanneskirchen aufgewachsen bin, hatte fast jeder eine andere Haut- und Haarfarbe und einen anderskulturellen Nachnamen, doch wir waren ganz selbstverständlich aus Deutschland, auch wenn zu Hause eine weitere Sprache gesprochen wird. Das war einfach die Norm. Ich habe das alles nie großartig hinterfragt.

"Ich hatte nie einen Minderwertigkeitskomplex"

Gab es also nie Probleme?
OHANWE: Die ersten weißen deutschstämmigen Menschen, die ich kannte, waren Menschen, die in prekären Verhältnissen lebten. Klassische Vorurteile von Alkoholikern, schreienden alleinerziehenden weißen Müttern. Ich habe erst später in der Schule gelernt, dass es viele weiße Menschen gibt, die gebildet sind. Dass sich weißdeutsche Leute auch gewählt ausdrücken können und oft adrett gekleidet sind. Ich hatte also nie einen Minderwertigkeitskomplex, wenn überhaupt umgekehrt. Ich glaube, das ist für sehr viele weiße Menschen ungewohnt.

Welche Rolle spielte Ihr Elternhaus?
OHANWE: Obwohl wir nicht viel Geld hatten und mein Vater in Sexshops putzte, war es meiner Mutter sehr wichtig, uns in Tanzkurse zu stecken oder in den Urlaub zu fahren. Mittlerweile ist mein Vater erfolgreicher selbstständiger Ladenbesitzer. Auch wenn wir arm waren, fühlte ich mich nie unterlegen. In der vierten Klasse war ich der männliche Klassenbeste.

Wie haben Sie Ihre Schulzeit erlebt?
OHANWE: Meine Grundschullehrerin kam zum Beispiel nicht damit klar, dass ich besser war als Florian B. - ein weißer blonder Junge. Das wurmte sie. Die Schulzeit war schon mit viel rassistischem Widerstand verbunden. Das hat mich aufmüpfiger gemacht.

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Wie äußerte sich das?
OHANWE: Lehrkräfte haben mich mit dem N-Wort bezeichnet oder immer als "Gangsta" dargestellt, obwohl ich ein Streber war. Einmal, da wollte ich Schülersprecher werden. Ich hatte Plakate in der Bibliothek gedruckt und hatte mich sehr bemüht. Ich habe mein Plakat überall aufgehängt, wurde aber dafür mit einem verschärften Verweis gerügt.

Warum?
OHANWE: Ich hätte mir vor Aufhängen des Plakats eine Genehmigung holen sollen. Das war natürlich entmutigend.

"Ich habe ein Schattenleben geführt"

Herr Aburakia, wie erinnern Sie sich an Ihre Kindheit?
ABURAKIA: Ich bin erst in Laim aufgewachsen. Wir waren zu fünft in einer 60-Quadratmeter-Wohnung. Da war ich sehr glücklich. Mit der Einschulung sind wir nach Großhadern umgezogen. Es war vermutlich die einzige Straße in diesem Viertel, in der es Sozialwohnungen und geförderten Wohnraum gab. Drum herum gab es nur Einfamilienhäuser. Im Kontrast: Auf dem Gymnasium oder im Fußballverein waren fast alle weiße, deutsche Dominiks und Manuels.

Wie wirkte sich das auf Ihr Leben aus?
ABURAKIA: Die Sommerferien habe ich am Bolzplatz verbracht - mit Türken, Kurden, Italienern und Arabern, aber mein Tagesalltag war mehrheitlich weiß. Dort habe ich meine arabische Identität nicht wirklich ausleben können. Ich hatte nicht das Gefühl, dass die dort reinpasst. Es war die München-Erfahrung: Die Eltern hatten viel Geld, fuhren beide ein Auto, an Klamotten und Fußballschuhen mangelt es nicht. Ich habe ein Schattenleben geführt, aber wollte trotzdem immer dazugehören.

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Hat sich das verändert?
ABURAKIA: Erst nach dem Gymnasium und mit dem Studium habe ich gemerkt, dass es ein Schmarrn ist, dass man da dazugehören möchte. Dabei hat mir übrigens auch der Podcast geholfen.

Inwiefern?
ABURAKIA: Es ist einfach sehr bestärkend zu spüren, dass da jemand anderes ist, der diese Gefühle, die ich selbst immer unterdrückt habe, ausgelebt hat. Ich habe gemerkt, wie glücklich Malcolm das gemacht hat. Daraufhin habe ich mit einigen weißen Bekannten und Freunden gebrochen.

Warum kam es dazu?
ABURAKIA: Einigen war es ein Dorn im Auge, dass ich aus dieser Duckhaltung kam. Sie haben mir abgesprochen, dass mich zum Beispiel Araberwitze verletzt haben.

"Viele weiße Menschen wollen eine Hierarchie aufrechterhalten"

Was raten Sie weißen Menschen. Wie können Sie sich gegenüber PoC besser verhalten?
OHANWE: Es sind eigentlich gar nicht die Alltagsdinge, wie eine Beleidigung, die das Problem sind. Das ist zwar punktuell schlimm und scheiße. Grundsätzlich aber wollen viele weiße Menschen eine Hierarchie aufrechterhalten, die auf dem Motto beruht: "Du musst dankbar sein, dass Du hier bist".

Wie äußert sich das?
ABURAKIA: Viele konnten schon nicht normal in die Schule gehen, weil ihnen nie erlaubt wurde, das Leben unbekümmert zu leben. Weil da einer ist, der ihnen das Gefühl gibt, nicht dazuzugehören.

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"Wir sind richtige Münchner!"

Hat München da ein spezielles Problem?
OHANWE: München wähnt sich im Vergleich zu anderen bayerischen Städten als super kosmopolitisch und "international". Mit einer guten Absicht werden dann aber Menschen, die nicht blond und hellhäutig sind, immer als fremd erzählt. Das passiert auf eine romantische Art und Weise und ist nett gemeint. Aber: Ich bin nicht international, ich bin deutsch. Es ist nichts Exotisches an mir dran. Ich bin ja kein Tourist.

Was ist ein richtiger Münchner?
ABURAKIA: Wir sind das. Wir sind richtige Münchner! Wir sind hier aufgewachsen, sind hier zur Schule gegangen, haben hier studiert, wir kennen die ganze Stadt auswendig. Was würde jemanden noch mehr qualifizieren?

Wo haben weiße Menschen Privilegien?

Sie fordern die Menschen auf, ihr Weißsein kritisch zu hinterfragen. Was heißt das?
OHANWE: Asiatisch aussehende Menschen oder Schwarze oder viele Dunkelhaarige müssen ständig ihre Herkunft erklären. Weiße müssen das in Deutschland nie. Sie werden nicht mit so Fragen konfrontiert wie "Wie fühlt es sich an, weiß in Deutschland zu sein?"
ABURAKIA: Uns ist es wichtig, aufzuzeigen, wo weiße Menschen Privilegien haben. Es bringt meiner Ansicht nach wenig, immer wieder einzelne Schicksale zu erzählen. Zum Beispiel: Hier wurde ich mit dem N-Wort bezeichnet. Die Menschen, die diese Beleidigung nicht benutzen, glauben dann, sie wären aus der Rassismus-Debatte raus. So einfach ist das aber nicht. Die Vorteile, die einem Weißsein bringt, müssen wir kritisch betrachten.

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"Man muss es auch aushalten, Fehler zu machen"

Was sind solche Vorteile?
ABURAKIA: Das fängt beim Wohnungsmarkt an. Die Leute müssen verstehen, dass du, wenn du Maximilian Müller heißt und als weißer Nur-Deutscher wahrgenommen wirst, egal wo in Deutschland, immer eine Wohnung bekommen wirst. Für viele Menschen, die nicht so heißen, ist das ein Ausschlussgrund - ob beim Job oder bei der Wohnung. Viele haben darüber noch nicht nachgedacht.

Gibt es tatsächlich Dinge die weiße Deutsche nicht sagen dürfen?
ABURAKIA: Ich finde, dass das eine Scheinaussage ist, dieses "Ich weiß nicht, was ich machen darf". Denn es gibt das Internet, es gibt Literatur dazu. Es gibt so viele Menschen, die schon längst einen Kompass gegeben haben zu dieser Thematik. Wer sich dahinter versteckt, der zeigt nur, dass er sich nicht damit auseinandergesetzt hat. Und dann gibt es wieder die Erwartungshaltung an PoC, dass sie in den Erklärungsmodus gehen mit: Das darfst du, das darfst du nicht. Jeder sollte diese Arbeit selbst machen.
OHANWE: Die Angst, im Kampf für Gerechtigkeit Fehler zu machen, darf nicht größer sein als der Kampf selbst - und da muss man auch aushalten, Fehler zu machen. Es gibt keine Verbote, wenn das Herz am rechten Fleck ist. Wir als Podcast machen ständig sexistische, rassistische, dickenfeindliche, queerfeindliche Fehler. Das macht uns nicht zu schlechten Menschen.
ABURAKIA: Einfach zuhören, verstehen und daraus lernen, wenn man auf etwas hingewiesen wird.

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