Höher als die Frauenkirche - Hochhaus-Pläne für München

München will etwas höher hinaus – und ein hundertjähriger Streit soll künftig nicht bei jedem neuen Projekt neu aufleben.
| Karl Stankiewitz
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Umstritten: 69 Meter hoch soll der Büro-Turm am Starnberger Flügelbahnhof werden.
Auer Weber Umstritten: 69 Meter hoch soll der Büro-Turm am Starnberger Flügelbahnhof werden.

München - Es darf wieder nachgedacht werden über "echte" Hochhäuser in München. Investoren, Architekten und, zwar vereinzelt, Kommunalpolitiker wagen sich in den (Mittleren) Ring.

Vor allem an zwei Brennpunkten hat sich die Diskussion neuerlich entzündet: am Neubau des Hauptbahnhofs und an der Umfeld-Planung für die Paketposthalle im Westen der Stadt, die selbst nur 30 Meter hoch ist. Im Osten, nahe der Einfahrt zur Riemer Autobahn, wo Hitlers Baumeister sechsstöckige Wohnblocks mit großen Höfen und Hochbunkern vorsahen, haben soeben zwei "Wolkenkratzer" ihre geplanten Höhen erreicht: 84 Meter der Sky Tower, 72 sein kleinerer Bruder, der Blue Tower.

Umstritten: 69 Meter hoch soll der Büro-Turm am Starnberger Flügelbahnhof werden.
Umstritten: 69 Meter hoch soll der Büro-Turm am Starnberger Flügelbahnhof werden. © Auer Weber

Auch im Bereich der früheren Bayernkaserne soll ein 88-Meter-Haus emporwachsen. Und am Arabellapark plant die Bayerische Versorgungskammer sogar ein 115 Meter hohes Haus. Geht’s nun also doch wieder aufwärts? Oder bleiben die hundert Höhenmeter der Frauentürme das ungeschriebene Richtmaß? Sie ist jetzt genau hundert Jahre alt, die Münchner Hochhaus-Frage. Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg war Deutschland von einer sogenannten "Turmbau-Epidemie" erfasst worden. Diese wurde ausgelöst durch die spektakulären Sky Scrapers in den USA und die im revolutionären Russland geplanten "Wolkenhügel" rund um Moskau. Am 1. Februar 1921 näherte sich auch Münchens Stadtrat den "Wolkenkratzer-Projekten" – so eine Schlagzeile im SPD-Blatt "Vorwärts"

Freilich hatten jene frühen Ideen eher ästhetische als revolutionäre Aspekte. Hochhäuser wären, so erkannte ein Ausschuss, "an rechter Stelle das Straßenbild ganz außerordentlich zu beleben und zu wahrhaft künstlerischer Wirkung zu steigern imstande”. Die eigentliche Altstadt allerdings sei möglichst zu schonen. Trotzdem wurden von privater Seite gewaltige, hochragende Bauten ersonnen. Zum Beispiel für den Sendlinger-Tor-Platz, den Maximiliansplatz und die Zweibrückenstraße.

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Für den Viktualienmarkt entwarf der Architekt Otho Orlando Kurz drei Hochhäuser: ein zylinderförmiges, ein rechteckiges und ein sehr ausladendes, welches ein Hotel werden sollte. Die Skizzen faszinierten auch den schriftstellernden Regierungsbaumeister Hermann Sörgel. Ihm schwebte ein "starkes neues städtebauliches Moment" vor, nämlich ein 1,5 Kilometer großer Kreis von Türmen rund um die Altstadt, mit dem Dom als Mittelpunkt.

Fünf Kirchen sowie die Türme des Deutschen Museums und der Technischen Hochschule (TH, die heutige TU) sollten als Dominanten dienen, dazu sollten vier Hochhäuser zwischen Hackerbrücke und Isar gruppiert werden. Sörgel und Kurz entwarfen Kuben mit 15 Stockwerken und zehn Aufzügen. Diese sollten 50 Meter hoch und aus Eisenbeton konstruiert sein. Vorbauten, Strebepfeiler und Türmchen sollten sie "für München erträglich" gestalten. 25 Planskizzen und erste Kostenvoranschläge über 43 Millionen Mark sind erhalten. Auch TH-Professor Theodor Fischer, der geniale Stadtplaner, entwarf eine Reihe von Hochhäusern mit 22 bis 27 Geschossen. Alle diese Vorschläge und Standorte wurden von einem Ausschuss geprüft – und verworfen.

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Die Argumente: kein Geld, wichtigere Vorhaben

Allein das 45 Meter hohe Technische Rathaus von Hermann Leitensdorfer wurde 1928/29 am Angertor für 1350 Beamte gebaut. Es blieb bis nach dem Zweiten Weltkrieg mit seinen elf Geschossen lange das einzige Hochhaus in der Innenstadt – und nach Ansicht von Fachleuten eines der schönsten Bauwerke Münchens.

Erst in der Spätphase des Wiederaufbaus plante man auch wieder in die Höhe. Doch keine der Ideen, etwa die von "Hängehochhäusern", schlug an der Isar Wurzeln. Auf einer Fachtagung wurde manches Negative über das Leben in Hochhäusern, etwa vermehrt gesundheitliche und soziale Probleme, berichtet. Sogar Staatssekretär Hubert Abreß, der in München die Fußgängerzone und das erste Amt für Stadtforschung initiiert hatte (und dann in einem Bonner Scheibenhochhaus wohnte), hielt es für erwiesen, dass Kinder aus oberen Stockwerken eher verhaltensgestört seien als andere.

Entschiedene Gegner waren – und blieben bis heute – die amtlichen Denkmalpfleger. Hochhäuser hätten grundsätzlich eine "das Ensemble eines Ortes schädigende Wirkung", hieß es in einer im März 1977 vom Bayerischen Landesdenkmalrat verabschiedeten Empfehlung. Immerhin entstanden in den 1970er Jahren einige Stern- und Punkthochhäuser für Wohn- und Gewerbezwecke. Alle allerdings weitab von der Innenstadt. 1981 überwand das Hypo-Haus in Bogenhausen erstmals die magische Grenze der genau 98,57 Meter hohen Frauentürme – um 14 Meter.

Der weitere Hochbau hielt sich sehr in Grenzen: 1995 zählte man im Stadtbereich gerade mal 197 Häuser mit Dachkanten über 40 Meter. Echte Hochhäuser, hieß es in einer Studie, sollten ein besonderer Bautyp bleiben und nicht die Regel werden. Immerhin schafften es zwei echte Hochhäuser noch im Jahr 2004, die nach wie vor die Höhenrekorde in München halten: das Uptown mit 146 Metern in Moosach und die beiden Highlight Towers mit maximal 126 Metern in Freimann.

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"Verschandelung der Stadt durch Vierkantbolzen"

Durch diese Bürotürme sah OB Georg Kronawitter alsbald die "Sichtachse" hinterm Siegestor gestört. Eine offiziöse Studie stellte indes fest, dass nach möglichen Standorten für derartige Bauwerken nur noch "Stadttor-Situationen" wie Stadteinfahrten, Kreuzungsbereiche und Schnittpunkte in Betracht kommen sollten. Auch sollten alle Projekte darauf geprüft werden, ob historisch wertvolle Bauten verdeckt würden und wie sich die geplante Höhe in die Silhouette der Stadt einfügen würde.

Auf diese Studie stützte sich Kronawitter, als er gegen die von seinem Nachfolger Christian Ude geförderte "Verschandlung unserer Stadt durch Vierkantbolzen" zu Felde zog. Der Volksentscheid vom November 2004 blockierte eine sehr knappe Mehrheit bei geringer Wahlbeteiligung alle über 100 Meter hohen Projekte – scheinbar für alle Zeiten. Penibel und eigentlich ohne rechtlichen Zwang haben sich Bauherren und Behörden seither daran gehalten, und auch bei der aktuellen Paketposthalle zögern sie noch.

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Inzwischen stehen in München genau 46 Hochhäuser

Bei dieser Zählung geht man allerdings von mindestens 50 Meter Dachhöhe aus. Genau 50 Meter hoch sind denn auch das Verwaltungsgebäude der Holzberufsgenossenschaft am Knie sowie die Ten Towers, die zehn Telekom-Türme in Berg am Laim.

"Mit einer Größenordnung zwischen 60 und 80 Metern kann man gut bauen," hat Stadtbaurätin Elisabeth Merk eine ungefähre Skyline vorgegeben. In Zukunft werde man "normale Häuser etwas höher strukturieren". In solchen Häusern könne man noch die Fenster öffnen und einen "Bezug nach draußen" haben. Sogar in den Highlight Towers können Kippfenster einen Spalt weit geöffnet werden. "Die Deutschen mögen es halt gut durchlüftet," so die Begründung der Hausverwaltung. Offenbar ist das immer noch, wie die Sichtachse, ein Kriterium bei Hochhaus-Entwürfen.

Als 2011 die ADAC-Zentrale an der Hansastraße bei 92 Metern gekappt wurde, spöttelte OB Christian Ude: "Acht Meter unter Kronawitter." Anders als sein Vorgänger wollte Ude seine Stadt "nicht klein halten". Auch die 2017 fertig gewordenen Hochhäuser mussten relativ klein bleiben. 65 Meter misst das Hotel MO82, Moosacher Straße 82, während es der hübsch verschachtelte Medien-Riese Highrise One im visionären Werksviertel auf ganze 70 Meter geschafft hat. Dass die dortigen Mietwohnungen (20,50 Euro pro Quadratmeter) schnell vermarktet waren, spricht für den Bedarf an solchem "Höhenleben".

Vergeblich warten Interessenten immer noch auf den lange angemahnten Masterplan, der Ort und Höhe von Hochhäusern verbindlich bestimmen und das hinderliche Hundert-Meter-Limit vielleicht aufheben oder wenigstens auflockern könnte. Selbst Diplom-Ingenieur Mathias Pfeil, Architekt und Chef des Landesamts für Denkmalpflege, der das am Starnberger Bahnhof geplante Hochhaus kritisiert, sieht in einem Masterplan eine Antwort auf die hohe Zuwanderung und eine Möglichkeit, "die Stellen im Stadtgefüge zu finden, an denen sich eine moderne Silhouette in Ergänzung zur traditionellen zeigen darf".


Der Beitrag stützt sich u. a. auf das Buch "München – Stadt der Träume" von Karl Stankiewitz.

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