Historisches München: Fasching - immer nur scheintot

Die narrische Jahreszeit in München gab schon oft Anlass zur Sorge. Vor genau 50 Jahren fiel sie (fast) ganz aus. AZ-Reporterlegende Karl Stankiewitz erinnert sich - und blickt auf Fasching 2021.
| Karl Stankiewitz
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Ein bisserl Fasching ging dann doch: buntes Treiben auf dem Königsplatz 1971.
Ein bisserl Fasching ging dann doch: buntes Treiben auf dem Königsplatz 1971. © H.-A. Bock

München - Traurige Botschaften hatten das vorolympische Jahr 1971 eingeläutet: Das traditionsreichste und wichtigste Ereignis der "fünften Jahreszeit", der Faschingszug, sollte ausfallen. Desgleichen die glanzvollste Veranstaltung, der Bal paré. Gekündigt wurden gleich noch die Faschingsausgaben der Münchner Zeitungen. Zu allem ärgerlichen Überfluss sollte im Februar, wenn die Gaudi-Saison ihren Höhepunkt erreicht, der Bierpreis erhöht werden.

Gefährdet war der große Umzug am Faschingssonntag schon lange. "Beim Münchner stellt sich die Heiterkeit halt nicht auf Kommando ein", begründete der Hotelier Dr. Paul Stengel, der 14 Jahre lang als Narrhalla-Präsident "die Gaudi verwaltet" hatte, einmal die schon von Karl Valentin bespöttelte Unlust des Volkes bei der ältesten der satzungsgemäßen Lustbarkeiten.

Bayerischer Faschings-Schlachtruf? Fehlanzeige

Vergebens suchte der für den Zug und die Geldbeschaffung zuständige "Festring München e.V." nach Vorschlägen für einen wirklich lustigen Fasching, nach einem Schlachtruf ähnlich dem rheinischen "Helau" oder "Alaaf", die Millionen von "Jecken" alljährlich auf die Straßen treibt, ungebrochen bis heute.

Als die Stadt für die Olympischen Spiele rüstete, drohte der Faschingszug wegen der finanziellen und baulichen Kalamitäten komplett zu platzen. Allein durch einen Appell an das Goldene Münchner Herz konnte der neue OB Hans-Jochen Vogel erreichen, dass sich der von ihm gepriesene "Farbtupfer in der grauen Umbauzeit" doch noch einmal, wenn auch auf Nebenstraßen, durch die Großbaustelle München bewegte. An jenem 25. Februar 1968 lockte er sogar über 100.000 Feiernde an die Isar. Doch es gab noch andere Widrigkeiten, so dass man für 1971 völlig die Lust verlor.

"Die Entwicklung in den letzten Jahren war so, dass wir auch, wie die Kölner Karnevalisten, die professionelle Richtung hätten gehen müssen, und dann hätten wir unseren Fasching kaputtgemacht," erklärte mir Robert Huber, der Geschäftsführer des Festrings, die Einstellung des großen Umzugs. Statt den Spaß auf den Straßen "spannend und frisch" zu erhalten, sei man als Veranstalter immer mehr in eine Auftragssituation hineingeraten.

Der Aufwand für den "Gaudiwurm" war auf 100.000 Mark angewachsen. Die Freude der Münchner an immer gleichen Späßen aber hielt sich in Grenzen. Huber: "Die Sache musste stagnieren, weil die beteiligten Vereine nicht mehr ganz so jung waren. Vielleicht ist das auch ein Generationsproblem." Junge Leute lachen halt anders und über andere Dinge. Die Wirklichkeit allein schien ihnen oft lächerlich genug.

"Junge Leute lachen halt anders - und über andere Dinge"

Ähnliche Gründe nannten die Presseverlage für die Einstellung der "Müddeutschen Zeitung" und des "Münchner Mucker": Immer wieder seien Ereignisse, die "spekulativ und böszüngig karikiert" wurden, aus dem Reich der Fantasie in die Wirklichkeit übergewechselt.

Das Faschingsheft des Gesellschaftsmagazins "Münchner Leben" bewies das durch alte, spaßig gemeinte Schlagzeilen wie "Generalaufreissplan für die Innenstadt" und "Die SPD schießt den Vogel ab".

Kehrausstimmung äußerte auch Poppy Eglinger, die seit 35 Jahren die weibliche Prinzengarde dirigierte: "Heute weiß man fast nicht mehr, was man bringen soll; die Leute sind zu sehr verwöhnt." Die Zeremonienmeisterin gab dem Fernsehen die Hauptschuld. Und Hunter, Klatschkolumnist der Abendzeitung und selbst Ballveranstalter, raunzte zum Auftakt: "Der Fasching wird nicht mehr so nackt sein wie voriges Jahr, die Preise höher und die Umsätze geringer."

Doch der Fasching in München war ja schon öfter totgesagt worden und mehrmals, zuletzt wegen des Golf-Kriegs 1991 tatsächlich ausgefallen, aber er ist immer wieder auferstanden. Dass er 1971 genauso nackt sein wird wie der vorjährige, deutete sich schon an, als bei der Inthronisation des Prinzenpaares - er war Frauenarzt, sie Schnupftabaksfabrikantentöchterlein - ein Go-Go-Girl vollendeten Striptease vorführte. Derlei Narrenfreiheit erlaubte sogar der Narrhalla-Vizepräsident Hans-Joachim Bomba, der als sittenstrenger Amtsrichter zuvor ein Plakat für den Film "Josefine Mutzenbacher" hatte beschlagnahmen lassen.

10.000 Luftballons aus Hubschraubern und "aggressive Musik"

Auch die Stars konnten weiter strahlen. Statt des "Bal paré", den der veranstaltende Senator Burda als "nicht mehr zeitgemäß" aufgab, starteten zwei neue Superbälle: der erste "Olympiaball", zu dem hohe Politiker aus Bonn und München kamen, sowie der erste offizielle "Filmball", der unter anderem Senta Berger, Uschi Glas, Maria Schell, Nadja Tiller, Pierre Brice, Horst Buchholz, Curd Jürgens, einen Prinzen von Preußen und den faschingsnärrischen Franz Josef Strauß anlockte.

Ganz tot war auch der Faschingszug nicht. Auf drei großen Plätzen durften die Münchnerinnen und Münchner erstmals ein aufgelockertes "München narrisch" feiern. Hier wollte Festringkommandant Huber vor allem ein jüngeres Faschingspublikum rekrutieren: mit 10.000 aus Hubschraubern abgeworfenen Luftballons, wechselnden Farbsituationen und "aggressiver Musik".

Auf dem Marienplatz wurden eine Western Show, ein Männerballett und ein vom Party-König Käfer bewirtschafteter Jahrmarkt mit Schieß- und Trinkbuden geboten. Das "freie Treiben" am Ende der Gaudizeit wurde später auf die ganze Fußgängerzone und den Viktualienmarkt ausgedehnt, ohne dass Kritik und Gespött bisher verstummt wären.

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So ist denn auch der heurige Corona-Fasching nur scheintot. "Trotz aller Widrigkeiten," sagt Vereinssprecherin Beatrice Nawrath, "hat sich die Narrhalla entschlossen, an Tradition und Erhalt des Brauchtums des Münchner Faschings festzuhalten". Er werde halt einfach "online stattfinden", beginnend mit der "Volkstümlichen Inthronisation" von Berni I. (Filser) und Margarethe I. (Stadlbauer) am 11. Januar um 11 Uhr. Ebenso will sich das Prinzenpaar mit Kurzvideos und Infos per Livestream präsentieren.

Für den "Unsinnigen Donnerstag" am 11. Februar ist ein "Narrhalla Schlagerfasching" geplant. Unter dem Motto "Fasching daheim" schenken Narrhalla und "Kraft Stiftung" 3.000 Seniorinnen und Senioren ein Päckchen mit dem von Dieter Hanitzsch gestalteten Orden zum besonderen Jahr 2021. Kreativität und Freude unseres Prinzenpaares und des Narrhalla Teams sollen damit aber "sicher noch nicht ausgeschöpft sein". Die zunächst noch eingeplante Verleihung des oft umstrittenen Karl-Valentin-Ordens entfällt - keiner weint ihm nach.


Der Beitrag verwendet Texte aus dem Stankiewitz-Buch "Die Große Gaudi - Geschichte und Geschichten vom Münchner Fasching".

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