Radio-Johandl schließt nach 71 Jahren: "Mit einer wunden Seele"

Nach 71 Jahren Firmengeschichte schließt in Haidhausen ein weiteres alteingesessenes Geschäft. Dabei gäbe es sogar einen Nachfolger.
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Sperren nicht mehr auf: Karin und Franz Johandl vor ihrem Laden an der Metzstraße.
Sperren nicht mehr auf: Karin und Franz Johandl vor ihrem Laden an der Metzstraße. © my

Haidhausen - "Von den Kunden her tut es mir schon sehr leid", sagt Karin Johandl und schnauft tief durch. Immerhin, der derzeitige Lockdown, der viele Geschäftsleute und gerade die kleinen Ladenbesitzer hart trifft, verschafft ihr etwas Luft: "So haben wir jetzt mehr Zeit, den Laden auszuräumen."

Radio-Johandl: Geschlossen wird offiziell zum Jahresende

Der Laden, das ist ihr Geschäft in der Metzstraße/Ecke Kellerstraße. Ihres und das ihres Mannes Franz. "Radio-Johandl" wird seit 1949 von der Familie geführt, seit 1980 am heutigen Standort.

Geschlossen wird das Geschäft offiziell zum Jahresende. "Wir wollten uns eigentlich noch schön verabschieden von den Kunden - mit Glühwein und Plätzchen im Laden", sagt Karin Johandl. "Aber wegen Corona geht das ja sowieso nicht." Die Kunden, "das sind einfach unwahrscheinlich liabe Leit", sagt sie. Überhaupt "ist das jetzt schon alles mit einer wunden Seele".

Obwohl der Laden schon recht leer ausschaut in diesen letzten Dezemberwochen, zu tun haben die Johandls reichlich. "Viele Kunden haben sogar extra noch einmal etwas gekauft. Als Abschiedsgeschenk sozusagen", sagt Karin Johandl.

Schließt nach 71 Jahren: Radio-Johandl in der Kellerstraße.
Schließt nach 71 Jahren: Radio-Johandl in der Kellerstraße. © my

1949 haben Johandls Schwiegereltern Franz und Anna das Geschäft eröffnet. Am Weissenburger Platz, wo heute ein großes Ärztehaus ist, war früher das "Textilhaus Hans Goetzke", "da hat die Oma gelernt", sagt Karin Johandl.

Der erste Laden der Johandls war in der Lothringer Straße, dann zog man um an den Weissenburger Platz. "Dort hatten die so schöne alte Ladentheken, die hatten wir dann auch noch die erste Zeit im Laden an der Metzstraße, aber irgendwann hat man das alles weggetan."

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Schon immer und bis heute hatten die Johandls Stammkunden. Karin Johandl erzählt: Zu Zeiten der Großeltern "haben die Leute überwiegend auf Teilzahlung gekauft, da waren Fernseher ja wahnsinnig teuer. Das haben die dann abgestottert." Als ihr Mann und sie das Geschäft 1985 übernahmen, kam dieses Geschäftsmodell freilich aus der Mode.

Karin Johandl: "Wir hatten immer total nette Kunden"

Im Viertel gab es einmal viele Radio- und TV-Geschäfte. Als die nach und nach immer weniger wurden, kamen auch deren Stammkunden zu den Johandls. "Wir hatten immer total nette Kunden!", sagt Karin Johandl.

Ein großer Brocken an den sie sich erinnert? "Die DVBT-Umstellung in München, die war ja ein Drama", sagt Johandl. "Die Leute haben alle einen Receiver gebraucht und plötzlich sitzen dann da 80-Jährige mit zwei Fernbedienungen, die riefen dann alle bei uns an. Mein Mann hat geschuftet. Und kaum war er zur Tür raus bei dem Kunden, da wurde schon wieder gerufen - ,Es funktioniert nicht!' Das war der Horror pur."

In all den Jahren war Karin Johandl immer im Verkauf gestanden, ihr Mann in der Werkstatt oder unterwegs. Montag bis Samstag war der Laden offen, auch an den langen Samstagen. Die zwei Kinder waren die ersten drei Jahre im Laden dabei, dann kümmerten sich die Großeltern.

Später pflegte Karin Johandl einige Jahre zudem ihre Schwiegermutter. "Wir haben schon echt richtig geleistet", sagt die 58-Jährige. "Die Samstage haben wir die letzten Jahre nicht mehr gemacht, das hat sich nicht gelohnt", sagt Karin Johandl.

Der Aushang an der Scheibe.
Der Aushang an der Scheibe. © my

"Nur vom Verkauf zu leben, war fast nicht möglich"

Ein großer Posten des Betriebs war früher die Werkstatt des Radio- und Fernsehtechniker-Meisters. "Mein Mann hat viel repariert bei den alten Röhrenfernsehern." Mit den moderneren Geräten fiel auch die Werkstatt fast komplett weg.

"Nur vom Verkauf zu leben, war fast nicht möglich", sagt Johandl. Das ist nun auch der Grund für die Schließung, "wir sind einfach nicht mehr konkurrenzfähig. Dabei hätten wir sogar einen Nachfolger". Ihr Sohn Andreas (27) ist gelernter Elektriker und würde das Geschäft übernehmen, würde es sich lohnen.

"Ich muss schauen, dass ich noch einen Halbtagsjob kriege"

Denkt sie an all die arbeitsreichen Jahre, sagt sie: "Wir waren schon ein gutes Team, mein Mann und ich". Franz Johandl ist 60 und geht in den Ruhestand.

"Der baut viel um am Haus, der ist ein Workaholic, sagt Karin Johandl und lacht. Sie selbst hat noch fünf Jahre zu arbeiten. "Ich muss schauen, dass ich nochmal einen Halbtagsjob kriege." In den Laden wird im neuen Jahr eine Künstlerwerkstatt einziehen. So etwas wie ihr Geschäft, "so etwas fehlt halt jetzt im Viertel".

Während der Corona-Pandemie sehen sich immer mehr Traditionsgeschäfte zur Schließung gezwungen. Eines der prominentesten Beispiele ist Sport Münzinger im Rathaus. Das Sportgeschäft, das es seit 1904 in München gab, macht ebenfalls Ende des Jahres dicht.


Anmerkung der Redaktion: Einige Leserkommentare beziehen sich auf eine frühere Version des Artikels vom 16. November 2020.

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