München: Das Hackenviertel stirbt - Traditionsgeschäft muss schließen

In Münchens wohl schönstem Teil der Altstadt muss wieder ein Traditionsgeschäft schließen - das "Bottles & Glashaus" trifft es nach 32 Jahren.
| Linda Jessen
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Peter und Ljiljana Ozols in ihrem "Lebenswerk".
Daniel von Loeper 2 Peter und Ljiljana Ozols in ihrem "Lebenswerk".
Im "Bottles & Glashaus" findet man seit 1988 alles, was mit Gläsern zu tun hat.
Daniel von Loeper 2 Im "Bottles & Glashaus" findet man seit 1988 alles, was mit Gläsern zu tun hat.

In Münchens wohl schönstem Teil der Altstadt muss wieder ein Traditionsgeschäft schließen - das "Bottles & Glashaus" trifft es nach 32 Jahren.

München - An der Tür hängt ein großes Plakat – er verkündet den ankommenden Stammkunden die traurige Nachricht: Den Laden in der Josephspitalstraße 1 wird es bald nicht mehr geben. Die Begründung klingt unangenehm vertraut: Verkauf, Kernsanierung, Kündigung – und die Miete wäre ohnehin nicht mehr bezahlbar.

An den Regalen mit Glasschalen, Flaschen, Weingläsern und Einmachgläsern hängen überall Schilder: "Räumungsverkauf – 30 Prozent auf alles". Bis Mitte Februar versuchen Ljiljana und Peter Ozols noch so viel Ware wie möglich zu verkaufen, dann haben sie noch etwas Zeit auszuräumen, bis der Mietvertrag Ende Februar nach 32 Jahren endgültig beendet ist.

"Industrial Chic" seit 1988

1988 haben Peter und Ljiljana Ozols den Laden im Hackenviertel gegründet, damals noch ganz praktisch orientiert – die Kunden nahmen sich die Ware und zahlten, ähnlich wie im Supermarkt. Nur, dass sie schon damals in Zeitungspapier statt in Plastik eingepackt wurde.

Doch bald sollte der Laden mehr sein, schöner und mit direktem Kontakt mit den Kunden statt Selbstbedienung. Der Laden wurde umgebaut – von den Inhabern selbst – und bekam, lang bevor es hip wurde, das, was heute "Industrial Chic" heißt. "Es war eine schöne Zeit, vor allem Anfang der 90er Jahre", erinnert sich Peter Ozols.

Peter und Ljiljana Ozols in ihrem "Lebenswerk".
Peter und Ljiljana Ozols in ihrem "Lebenswerk". © Daniel von Loeper

Hackenviertel: ein Netz von Problemfaktoren

Doch seitdem die Damenstiftstraße nicht mehr als Trasse zwischen Sendlinger Tor und Kaufingerstraße genutzt wird und das Hackenviertel von Baustellen gebeutelt ist, zeichnete sich für Ljiljana Ozols der Abwärtstrend des ganzen Viertels an.

Es ist ein ganzes Netz aus Problemfaktoren, das die Ozols’ im Hackenviertel beobachten. Die immer teurer werdenden Mieten sind sicher einer der maßgeblichen Faktoren. "Die Filialen bestimmen das Bild, weil sie sich die Mieten noch leisten können. Für inhabergeführte Geschäfte ist es aber unmöglich, hier noch zu bestehen", sagt Ljiljana Ozols. "Schmuckkästchen Münchens wird es genannt – da kann ich nur lachen", ergänzt ihr Geschäftspartner. Die Konkurrenz im Online-Geschäft tut ihr Übriges.

Stammkunden seit Kindheit

Doch auch die vielen Baustellen, die die Luxussanierungen mit sich bringen, sind ein Problem. Es ist ein Schneeballeffekt: Baustellengerüste machen die Straße unattraktiv zum Durchlaufen, ein Geschäft muss dichtmachen. Dessen treue Kunden kommen nicht mehr vorbei, weniger Fenster sind abends erleuchtet, noch weniger Leute wollen hier durch und die Laufkundschaft bricht weg. Und das zwingt dann bald das nächste Geschäft in die Knie. "Das Hackenviertel stirbt", fasst es Ljiljana Ozols zusammen.

In einem seltsamen Kontrast dazu stehen all die tief betroffenen Stammkunden. "Wir kennen einige schon, seit sie Kinder waren" erzählt Peter Ozols. Menschen, die tieftraurig sind, dass wieder ein Laden zumachen muss auf der einen Seite, ein allgemeiner Trend weg vom Einkauf in diesen Läden auf der anderen. Was am Ende der Grund ist für das Ende von "Bottles & Glashaus" lässt sich so leicht nicht sagen.

Im "Bottles & Glashaus" findet man seit 1988 alles, was mit Gläsern zu tun hat.
Im "Bottles & Glashaus" findet man seit 1988 alles, was mit Gläsern zu tun hat. © Daniel von Loeper

"Man steht vor den Trümmern des Lebenswerkes"

Es ist ihr persönliches Schicksal und auch das der Mitarbeiter, die seit 24 Jahren mit im Laden stand. Groll gegen den Hausbesitzer, der ihnen gekündigt hat, empfinden die Ozols’ aber nicht. "Es ist natürlich klar: Man steht vor den Trümmern des Lebenswerkes. Das, was man aufgebaut hat, wird einem einfach weggenommen. Aber was bringt es, zornig zu sein? Ich bin dafür, nach vorne zu blicken", sagt Ljiljana Ozols.

Sie wird mit der "Zauberperle" in das Gärtnerplatzviertel umziehen – wer im Geschäft in der Josephspitalstraße bisher die "Trollbeads", eine Art Schmuckperlen für Armbänder, gekauft hat, wird das also auch in Zukunft an anderer Stelle tun können. Wenn es klappt, wird es Kreativkurse geben. Oder Ljiljana erklärt, wie das Einmachen funktioniert – denn eigentlich sollten Flaschen und Einweckgläser in einer Gesellschaft, die weniger Verpackungsmüll produzieren und mehr selbstmachen will, viele Abnehmer finden.

Vorerst kommt ein Online-Shop

"Bottles & Glashaus" wird die Waren vorerst übers Internet vertreiben. Doch die Hoffnung bleibt, dass sich wieder eine Ladenfläche findet. "Wir könnten auch mit 80 Quadratmetern arbeiten. Es muss halt finanziell stemmbar sein", äußert Peter Ozols seine Hoffnung auf einen wohlgesonnenen Vermieter. Es wäre ein Neuanfang, alles müsste von Neuem aufgebaut werden. Peter Ozols ist bereit dazu. Nur halt woanders. Wohlfühlen tut er sich im Hackenviertel inzwischen eh nicht mehr.

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