Heckl - der schnellmalende Reparierer

Wolfgang Heckl ist der Chef des Deutschen Museums – zudem Tüftler seit Kindesbeinen, Autor, Recycler und ein guter Unterhalter, wie man hier erfährt
| Stephanie Schönberger
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Bastler, Tüftler, Maler: Wolfgang Heckl im Deutschen Museum.
ho 2 Bastler, Tüftler, Maler: Wolfgang Heckl im Deutschen Museum.
Wolfgang Heckl an der Tür zum Deutschen Museum.
ho 2 Wolfgang Heckl an der Tür zum Deutschen Museum.

München - Und dann singt der Generaldirektor: „Komm ein bisschen mit nach Italien, komm ein bisschen mit ans schöne Meer.“ Hängt noch eine weitere Textzeile dran aus dem 50er-Jahre-Sehnsuchts-Schlager von Caterina Valente.

Zuvor hat er Kaffee serviert. Und dann gefragt: „Worum geht es denn überhaupt?“ – „München und ich, mit Ihnen als ich.“ Worauf er sagt, das sei ihm schon klar. Was sowieso klar war, dass ihm das klar ist. Einer wie Professor Dr. rer. nat. Wolfgang Martin Heckl, Leiter des Deutschen Museums seit 2004, weiß, um was es geht.

Es begann damit, dass er daheim das Radio (z)erlegte

Und zwar schon von klein an, schon in Parsberg in der Oberpfalz, wo er vor 56 Jahren auf die Welt kam.

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Gerade mal fünf Jahre alt war er, als er das Radiogerät des Vaters auseinandernahm. „Ich wollte wissen, wie es sein kann, dass da einer drinsitzt und rausspricht“, erzählt er. Also das Ding auseinandergeschraubt – und keinen sprechenden Mann gefunden.

Enttäuscht? Nein, er habe ja stattdessen entdeckt, dass es Metalle gibt, die eine anziehende Wirkung haben. Diesen Magneten habe er dann „fein säuberlich“ vom Lautsprecher abgetrennt. Zusammenbauen konnte er „den Radio“ damals dann leider nicht mehr.

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Doch das befürchtete Donnerwetter der Eltern blieb aus: „Ist ja dumm, dass du den Radio geschlachtet hast“, hätten sie zwar gesagt. Aber auch noch: „Vielleicht wird einmal was aus dir, weil du hinter die Dinge blickst.“

Und was aus ihm geworden ist. Studium der Physik in München und Toronto. Promotion. Habilitation. Professur erst an der LMU, später TU München, er lehrt jetzt aber nur noch zwei Stunden die Woche. Bundesverdienstkreuz am Bande sowie weitere prestigeträchtige Auszeichnungen, Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde für die Arbeit „Kleinstes Loch der Welt“, Berater der Bundesregierung für Nanotechnologie.

Nebenbei sucht er nach außerirdischem Leben, designt Sitzmöbel, schreibt Bücher, ist Dauergast am sonntäglichen BR-Stammtisch – und malt. Er malt im Urlaub, weil nur am Strand sitzen, das gehe nicht. „Meine Frau sagt immer: Mach halt mal nix“, erzählt er.

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Kann der Vater einer Tochter aber nicht, sein kluger Geist ist dafür vermutlich zu ruhelos. Und deshalb sind selbst Tätigkeiten wie Malen bei ihm niemals nur banale Kunstfertigkeiten. Dazu ist einer, der weiß, dass er eine schnelle Auffassungsgabe besitzt, der schon im Gymnasium den Physik-Unterricht für seine Lehrer übernehmen durfte, gar nicht in der Lage.

Wenn er malt, dann hat das natürlich auch mit seinem Forschungsgebiet, der Nanotechnologie, zu tun. Molecular Art nennt er seine Kunst, das Malen an sich einen „nanotechnologischen Vorgang“. Das Ergebnis erinnert an Miro und die Pointillisten, ist bunt, sehenswert und gut sichtbar. Sein Dienstzimmer ist vollgehängt mit den eigenen Werken, genauso das Vorzimmer. „Ich bin ein Schnellmaler“, sagt er, und „ein kleines Licht, kein großer Künstler“.

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Vor der Tür seine Büros sitzt trotzdem schon jemand, der ein Bild abholen will, Charity, ein echter Heckl zum Versteigern. Er erzählt das nebenbei. Später wird er sagen, dass man im Hinblick auf die eigene Existenz „von Anfang an“ bescheiden sein sollte. Alles andere wäre dumm.

„Nimm dich nicht so wichtig“, sagt er, das habe schon, wer war das doch gleich, „ich glaube Papst Johannes XXIII“ gesagt. Und wenn Don Camillo rede mit dem lieben Gott, dann sage er das auch immer so.

Er ist einer, der – nicht nur weil er das als Museumsdirektor quasi aus Berufsgründen muss – das Alte mag. Besonders, wenn und weil es sich reparieren lässt, was ein „intellektueller Vorgang“ sei, der „ein analytisches Denkvermögen vorraussetzt“.

Zum Tanzen geht er im Anzug des Großvaters

Er kauft gerne auf Flohmärkten ein, „Kulturguterhaltung“ nennt er das. Zuletzt hat er einen alten Föhn erworben, den er für „die nächsten 50 Jahre“ wieder funtionstüchtig gemacht hat. Mit einem neuen Gerät wäre das nicht möglich gewesen, sagt Heckl, denn das „hätte ich nicht aufschrauben können“.

Der Professor ist ein Verfechter der Reparaturbewegung. Er sieht sie als einen Weg aus der „Sackgasse“, in der sich die „Wegwerfgesellschaft“ seit ungefähr 40 Jahren befände. „Im Mittelalter hat doch auch keiner seine Rüstung weggeschmissen, weil sie gequietscht hat“, sagt er. Er selbst gehe im Anzug des Großvaters mit seiner Frau, einer promovierten Juristin, tanzen. Und weil die Ressourcen begrenzt seien, müsse in Zukunft alles recycelt werden.

Sein Buch „Die Kultur der Reparatur“ handelt davon. Es wird, wie er in aller Bescheidenheit erzählt, übrigens gerade ins Koreanische übersetzt.

Wolfgang Heckl ist ein Reparierer, der dabei gleichzeitig auf Erfindungen und Entdeckungen setzt, denn wer heute die Welt retten wolle, brauche „technische Lösungen“. Und die erhalte, jetzt mal ganz grob zusammengefasst, wer Naturwissenschaften studiere, so wie er das tat, in München an der LMU, weil seine Mathe- und Physiklehrer sagten, „das ist die beste Universität Bayerns“. Und da habe er gesagt: „Jawohl.“ Anti ist der Herr Professor, das sagt er selbst, nämlich nicht.

Die Lehrer hätten gesagt, man müsse Physik studieren, wenn man die Welt erkennen und „hinter die Kulissen blicken“ will. Das ist die Zukunft. Hat außerdem auch sein Onkel aus München so gesehen, dem er als Bub ab und an einen Besuch abstatten durfte. Auf dem Weg von Parsdorf zum Onkel und zurück sind sie immer am Atomei in Garching vorbeigekommen. Der Onkel hat dann stets gesagt: „Da wirst du mal arbeiten.“

Überhaupt die Verwandschaft. Der Großonkel hat am Stachus eine Wirtschaft gehabt, die Großeltern haben diesen Onkel öfter besucht. Aber nicht nur den, sondern auch das Deutsche Museum, das damals erst in der Aufbau-Phase war.

Er hat noch Eintrittskarten von 1905

Im Nachlass der Großeltern fand Heckl Eintrittskarten vom Deutschen Museum. Datiert auf 1905. „Ältere haben wir nicht mal im Archiv des Deutschen Museums“, sagt er. Die Karten hängen jetzt mit den Porträts der Großeltern an der Wand seines Büros.

Dass er eines Tages Direktor des Hauses werden würde, daran habe er als Kind aber nie gedacht und auch nicht davon geträumt. „Lieber wollte ich Techniker werden, was basteln und bauen.“ So wie er es beim Vater gesehen hatte.

Seit bald 25 Jahren lebt und arbeitet Wolfgang Heckl inzwischen in München. Er schätzt das wissenschaftlich-technische Umfeld, die Dax-Unternehmen und dass es hier Menschen gibt, die wüssten, worauf der Exportwohlstand Deutschlands beruhe. Er mag die Stadt, auch wenn er findet, dass die Verkehrssituation reparaturbedürftig sei.

Außerdem gefällt ihm das Gefühl, das nördliche Italien zu sein. Man müsse nur über die Berge „hopsen“, schon sei man an der Adria, in Rimini. „Wir sind so traditionell. Altmodisch kann man schon sagen“, sagt er. So wie der Schlager, von Caterina Valente. Dann singt der Generaldirektor: „Komm ein bisschen mit nach Italien, komm ein bisschen mit ans Meer.“

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