Hans-Jochen Vogel und der Streit um die Stadt

Hans-Jochen Vogel ist tot. Die AZ blickt in einer Serie zurück auf seine Zeit als OB. Heute: Zwischen Linksruck und Hofgarten-Café, die wilden 70er Jahre.
| Karl Stankiewitz
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Engagiert in jeder Debatte: Hans-Jochen Vogel auf einem Foto aus dem Jahr 1970.
imago images / Sven Simon 4 Engagiert in jeder Debatte: Hans-Jochen Vogel auf einem Foto aus dem Jahr 1970.

München - Einen deutlichen Linksruck, ganz dem Geist der Zeit entsprechend erlebte die traditionsreiche und mit 11.000 Mitgliedern sehr starke Münchner Sozialdemokratie auf ihrem Unterbezirksparteitag am 21. Februar 1970 im noch nicht abgeräumten Bürgerbräukeller. Wohin fortan der Weg führen sollte, formulierte der neu gewählte Vorsitzende Helmut Meyer (41), stellvertretender Stadtschulrat: radikale Bildungsreform, Mitbestimmung in allen Lebensbereichen, sozial gerechtere Versorgung aller Bürger, entschiedene Friedenspolitik.

Ein solches Programm hätte dem amtierenden Oberbürgermeister durchaus gefallen können. Doch bei den meist jüngeren Genossen, die nun den Ton in Partei und Kommune angaben, wurden bald radikalere Stimmen laut. Etwa die des bayerischen Juso-Vorsitzenden Rudolf Schöfberger; der sogenannte Rote Rudi, der später sogar an die Spitze der bayerischen SPD rückte, ließ keine Gelegenheit aus, um das "große Geld" anzuprangern und, als Verwaltungsbeamter, an die – anscheinend abgewanderte – Arbeiterklasse zu appellieren, während Stadtrat Siegmar Geiselberger um Verbündete bei frustrierten Gastarbeitern warb. Gemein war allen der marxistische Kampf gegen den Kapitalismus.

Vogels Leitbild: Maß und Machbarkeit

So musste es zum Konflikt kommen zwischen Vogel, dessen Leitbild lebenslang Maß und Machbarkeit waren, und seiner eigenen Partei, deren historische Wurzeln ihm nie aus dem Kopf gingen. Vergebens blieben jedoch alle seine Argumente und die Mahnung an die umtriebigen Genossen, sie könnten mit einer Linksaußenpolitik die kleine Mehrheit in der Bundesregierung gefährden.

Dies empfanden die ideologischen Gegner des Stadtregenten als "Kriegserklärung". Sie warfen ihrem OB sowie dem Polizeipräsidenten Manfred Schreiber gar vor, Faschisten zu unterstützen, weil eine Feier für die griechische Junta vor Gegendemonstranten geschützt worden war.

"Idealopolis" - eine Info- und Mitmachkampagne

Zeit also, das Handtuch zu werfen? Anfang März 1970 besprach Bundeskanzler Willy Brandt, frisch vom ersten Treffen mit seinem DDR-Kollegen Willi Stoph aus Erfurt kommend, vor geschlossenen Türen in München mit Spitzenfunktionären die Möglichkeit, den umstrittenen Vogel, den auch nicht alle in Bonn mochten, aus der Schusslinie zu ziehen und nach den Olympischen Spielen von 1972 in die Landespolitik oder gar in das Bundeskabinett zu holen. Alsbald versuchte denn auch die Münchner SPD, den hemdsärmeligen Staatsanwalt Manfred Schmidt für höhere lokale Ämter aufzubauen.

Willy Brandt bei einem seiner München-Besuche 1970 auf der Olympia-Baustelle auf dem Oberwiesenfeld.
Willy Brandt bei einem seiner München-Besuche 1970 auf der Olympia-Baustelle auf dem Oberwiesenfeld. © imago images / WEREK

Zeit, sich anderen, vielleicht wichtigeren Herausforderungen zu stellen. Vogel, der längst seinen weitreichenden Stadtentwicklungsplan anpacken konnte, implantierte im Investitionsplanungs- und Olympiaamt eine Forschungsstelle. Junge Soziologen und Ökologen, einige aus der Studentenbewegung hervorgegangen, sollten eine Studie erarbeiten, die auf Grundlage genauer Bestandsaufnahme künftige City-Funktionen erkunden und eines Tages auch für andere Städte nutzbar sein könnte. Unter dem Motto "Idealopolis" startete im Juni 1970 eine Info- und Mitmach-Kampagne.

Visionärer Praktiker, der drohende Gefahren rechtzeitig erkannte

Es war die Zeit eines epochalen, von allen Parteien und wohl auch den meisten Bürgern mitgetragenen Stadtumbaus. Wobei Vogel und seine CSU-Bürgermeister – erst Georg Brauchle, dann Hans Steinkohl – die olympischen Zwänge und Gelder geschickt zu nutzen wussten. Und es war wiederum der visionäre Praktiker Vogel, der auch die einer Boom-Town drohenden Gefahren rechtzeitig erkannte. So wie ihn schon bald nach Amtsantritt ein Besuch in Los Angeles vom damaligen Trend zur "autogerechten Stadt" abgebracht hatte. (Die Zeit zum Gegensteuern blieb ihm allerdings nicht, das sollte erst sein Nachfolger Georg Kronawitter versuchen, während Vogel selbst noch im Alter von 93 Jahren ein Buch wider die kapitalistische Bodenpolitik schrieb).

CSU-Bürgermeister Georg Brauchle (l.) mit Vogel.
CSU-Bürgermeister Georg Brauchle (l.) mit Vogel. © Stadtarchiv

Bedrohung Nr. 1 war eine übergreifende Teuerung. Aus dem Urlaub heimgekehrt, musste der Oberbürgermeister Anfang September 1970 im Stadtrat den sogenannten Warenkorb auspacken. Der jetzt durchschnittlich 36.500 DM kostete, in anderen Großstädten nur 22.200 Mark. "Ein gewisser Zusammenhang mit den Olympischen Spielen ist denkbar", vermutete Vogel vorsichtig.

Er wollte aber nicht einsehen, warum ein komplettes Schlafzimmer in München ganze 1.222 DM kostete, in Essen aber nur 924 DM, oder ein Kühlschrank 314 DM, in Frankfurt 277 DM. Auch die ungewöhnliche Steigerung des Bierpreises lag dem Stadtvater im Magen. Zornig wie so oft forderte er den Einzelhandelsverband, die Verbraucherverbände und die Gewerkschaften auf, diese Entwicklung zu untersuchen und notfalls zu bremsen.

Ein sachorientiertes und freundschaftliches Verhältnis zu den "Kapitalisten"

Auf die Agenda kam natürlich auch der jüngste Skandal in der Stadt: der Verkauf des historischen Hofgarten-Cafés Annast an eine auswärtige Wirtschaftsbank. In puncto Sauberkeit in Politik und Verwaltung ließ sich dieser persönlich anspruchslose Politiker niemals übertrumpfen.

Das Hofgarten-Café Annast auf einem Bild um 1935.
Das Hofgarten-Café Annast auf einem Bild um 1935. © Stadtarchiv

Mit dem in die Stadtentwicklung vernetzten Baulöwen Josef Schörghuber zum Beispiel pflegte er – wie mit anderen "Kapitalisten" auch – ein sachorientiertes und freundschaftliches Verhältnis; zur Einweihung des Arabellahauses landete er sogar per Hubschrauber auf dem Dach. Die Verschleuderung von städtischem Grund an diesen Konzern sollte sich ein anderer OB einer anderen Partei leisten, wenn auch nur vorübergehend.

Lesen Sie hier: Erinnerungen an Hans-Jochen Vogel - Konkret und visionär

 

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