"Gleichstellung ist Normalzustand, alles andere Diskriminierung"

Beim Christopher Street Day in München fordern Politiker aller Parteien, dass die Gesetze der Lebensrealität der Menschen angepasst werden müssen. Josef Schmid gibt zu, dass er auch gegen die Ehe für alle war.
| Jasmin Menrad
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In einem Kostüm mit überdimensionalen Messern und Gabeln posiert eine CSD-Teilnehmerin mit Bürgermeister Josef Schmid (CSU,l) und Oberbürgermeister Dieter Reiter.
dpa In einem Kostüm mit überdimensionalen Messern und Gabeln posiert eine CSD-Teilnehmerin mit Bürgermeister Josef Schmid (CSU,l) und Oberbürgermeister Dieter Reiter.

München - Immer noch haben nicht alle Menschen in Deutschland die gleichen Rechte – daran erinnern Aktivisten und Politiker am Samstag auf dem Christopher Street Day (der AZ-Liveblog zum Nachlesen). Die stärksten Worte fand Grünen-Stadträtin Lydia Dietrich, als sie sagte: "Gleichstellung ist der Normalzustand, alles andere ist Diskriminierung."

Und die gibt es leider immer noch, wie CSD-Sprecherin Rita Braaz, die mit Thomas Niederbühl (Rosa Liste) durch das Programm führt, erklärt: "Wir haben nur einen Teil der Diskriminierung abgebaut. Hass, Gewalt und Diskriminierung sind immer noch an der Tagesordnung. Auch im Netz haben wir so viel Gewalt, dass es unerträglich ist." Sie mahnt auch, dass Schwule und Lesben in rechten Parteien wie AfD und NPD nichts zu suchen haben und dass die Menschen ihr demokratisches Recht zur Wahl wahrnehmen sollen. Weil es mit Rechten keine Rechte für die bunte Community gibt.

Wer meint, durch die Ehe für alle seien die LSBTIQ (Lesben, Schwule, Bi, Trans*, Inter*, Queer) rechtlich gleichberechtigt, der wurde auf dem Marienplatz und bei der Parade aufgeklärt. "Es ist kaum zu ertragen, dass lesbische und schwule Geflüchtete in Länder abgeschoben werden, in denen ihnen Tod und Verfolgung droht", sagte Dietrich und nannte Beispiele von Geflüchteten aus Uganda und dem Irak, denen die Abschiebung droht. Auch für die Geflüchteten kämpfen die CSD-Veranstalter mit ihrem Motto "Gleiche Rechte – Gegen Rechts".

Gleich sind nämlich nur die deutschen Staatsbürger – und nicht einmal die. Politiker aller Parteien riefen dazu auf, die Rechtslage an die Lebensrealität anzupassen und es Schwulen und Lesben zu erleichtern, gemeinsam eine Familie zu gründen. Nicht nur durch Adoption, aber natürlich auch. Denn wenn lesbische Frauen ein Kind bekommen, muss die Frau, die das Kind nicht ausgetragen hat, in einem komplizierten Verfahren als Elternteil eingetragen werden. Das dauert und könnte so einfach sein, wenn sie eine Mutterschaft anerkennen könnte.

Manfred Krönauer, Bundestagskandidat der FDP, ging sogar so weit, dass in Deutschland die Mehrelternschaft anerkannt werden sollte, so dass lesbische und schwule Paare gemeinsam Kinder bekommen können. Krönauer forderte außerdem eine Rente für die Verfolgten LSBTIQ aus der Nazizeit und dass die geschlechtsangleichenden Operationen von Transsexuellen von der Krankenkasse übernommen werden. Aber er mahnte auch an: "Akzeptanz wird nicht im Bundestag beschlossen. Das ist ein langer und zäher gesellschaftlicher Prozess."

Jetzt müssen nur noch die Schwarzen bunter werden

Geht es um die Gleichstellung, scheinen sich fast alle Parteien einig zu sein. Auch Dominik Lehmann von der Linken konnte nur unterschreiben, was seine Vorredner gesagt hatten und forderte weitergehend eine Veränderung im Arbeitsrecht, weil LSBTIQ oft Nachteile am Arbeitsplatz haben.

Nur eine Partei wehrt sich vehement gegen die Gleichstellung, auch wenn es innerhalb der CSU mittlerweile sogar eine lebisch-schwule Union gibt, die heuer zum zweiten Mal mit einem Wagen vertreten war und Politiker wie Josef Schmid, der seit Jahren beim CSD dabei ist. Josef Schmid hatte auf der Bühne am Marienplatz einen schweren Stand, weil seine Partei eine Verfassungsklage gegen die Ehe für alle prüft. Er fasste sich kurz und bezeichnete sich als "Brückenbauer zu jenen, die aus einer religiösen Anschauung heraus mit dem Thema Probleme haben." Er gab aber zu, dass er früher auch so einer war, der mit dem Thema Probleme hatte.

Alexander Miklosy (Rosa Liste) sieht eine Zerrissenheit innerhalb der Community, die stärker zusammenhalten sollte. "Wir haben nimmermüde Gegner in unserer Gesellschaft, die es zu überzeugen gilt."

Überzeugt werden musste von den über 100.000 Menschen, die am Samstag friedlich in der Innenstadt gefeiert haben, wohl niemand. Angeführt von Oberbürgermeister Dieter Reiter und Josef Schmid startete der Zug überpünktlich einige Minuten vor 12 Uhr, umjubelt von den Menschen, die die Straßen säumten. Mit in der Parade auch ungewöhnlich viele große Konzerne wie Google, Microsoft, Daimler, Allianz und Rewe, die stolz darauf sind. München, das zeigte sich deutlich, ist bunt. Jetzt müssen nur noch die Schwarzen bunter werden und ein paar depperte Gesetze ändern.

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