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Franz "Bulle" Roth über den Sommer 1966: "Der FC Bayern prägte mein Leben"

Die Fußball-Ikone Franz "Bulle" Roth erinnert sich für die Abendzeitung an den Sommer 1966, der sein Leben völlig verändert hat. Seither hat er auch seinen Spitznamen - kaum einer nennt ihn noch Franz.
| Franz "Bulle" Roth
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Franz Roth bei der Vertragsunterschrift, neben dem damaligen FC-Bayern-Präsidenten Wilhelm Neudecker.
Franz Roth bei der Vertragsunterschrift, neben dem damaligen FC-Bayern-Präsidenten Wilhelm Neudecker. © Archiv Familie Roth/Werek

München - Als die Münchner Abendzeitung bei mir angerufen hat und fragte, welcher Sommer meines Lebens für immer in großer Erinnerung geblieben ist, musste ich überhaupt nicht lange nachdenken.

Franz "Bulle" Roth: Der Sommer 1966 veränderte sein Leben

Eigentlich hätte es ja auch irgendein Sommer meines Privatlebens sein können, an den ich besonders gerne denke. Aber für mich war sofort klar: Es ist und bleibt der Sommer 1966, der mein Leben prägte und veränderte. Es war das Jahr, in dem ich aus der Bayernliga zum FC Bayern berufen wurde. Es war mein großer Karrieresprung.

Bulle Roth am Grünwalder Stadion - dort, wo alles begann, dort, wo seine fußballerischen Träume wahr wurden.
Bulle Roth am Grünwalder Stadion - dort, wo alles begann, dort, wo seine fußballerischen Träume wahr wurden. © Sigi Müller

Anfangs, als sich der Wechsel anbahnte, dachte ich noch an einen Telefonscherz. Zu gut klang das alles an einem Tag im Mai 1966. Ich erinnere mich genau. Es war um die Mittagszeit. Wie so oft arbeitete ich am elterlichen Hof mit, in Hausen bei Marktoberdorf. Ich holte mit dem Bulldog gerade Gras von der Wiese für die 24 Kühe auf dem Hof.

"Franz Roth hier, wollen Sie mich veräppeln, fragte ich zurück"

Meine Mutter kam aus dem Haus gelaufen, sagte: "Du Franz, da ist ein Herr Schwan vom FC Bayern München am Telefon und will dich sprechen." Ich dachte mir: Wie bitte, der Manager des FC Bayern?

Völlig ungläubig starrte ich einige Sekunden ins Leere und ging dann Richtung Telefon. Meine Mutter verzog keine Miene, machte offensichtlich keine Scherze - aber bestimmt der Mann am Telefon, dachte ich mir, der scherzte sicher. Überzeugt davon, dass sich da jemand vielleicht nur verwählt hat oder es eben nicht ernst meinte, griff ich zum Hörer. "Grüß Gott, Robert Schwan hier, Manager des FC Bayern", sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung. "Ja, Franz Roth hier, wollen Sie mich veräppeln?", fragte ich zurück.

Bulle Roth auf dem väterlichen Hof beim Kühemelken, 1967. Auch nach seinem Engagement beim Münchner Rekordmeister half er daheim aus.
Bulle Roth auf dem väterlichen Hof beim Kühemelken, 1967. Auch nach seinem Engagement beim Münchner Rekordmeister half er daheim aus. © Archiv Familie Roth/Werek

Aber die Stimme blieb ernst. Herr Schwan, er war es wirklich, erklärte mir, dass mich die Talent-Späher des FC Bayern entdeckt hatten. Und was ich überhaupt nicht glauben konnte: Der Bayern-Manager persönlich bot mir einen Profi-Vertrag an. 900 Deutsche Mark Monatsgehalt, plus Bonus-Zahlungen für Spieleinsätze - und zwar ganz ohne Probetraining.

"Ich musste diese einzigartige Karriere-Gelegenheit nutzen"

Das war völlig außergewöhnlich. Viel Geld für einen wie mich, der auf einem Bauernhof arbeitete und nebenher Fußball spielte. Eine Semmel kostete Mitte der 60er Jahre 15 Pfennig, wenn ich mich richtig erinnere.

Ich legte den Hörer auf und erzählte meinen Eltern sowie meinen Geschwistern davon. Es war eine wichtige Entscheidung, die nun anstand, eine Familienentscheidung. Schließlich bin ich unter sechs Geschwistern der einzige gewesen, der auf dem Hof mitarbeitete, als Zweitjüngster. Am Ende waren alle einer Meinung: Ich musste diese einzigartige Karriere-Gelegenheit nutzen.

28. Juni 1972, ein Team, vollgepackt mit Legenden beim FC Bayern, mit der frisch eroberten Meisterschale im Münchner Olympiastadion. Von links, stehend: Franz Beckenbauer, Wilhelm Hoffmann, Uli Hoeneß, Trainer Udo Lattek, Georg Schwarzenbeck, Gerd Müller, Franz Krauthausen, Franz Roth; hockend: Rainer Zobel, Johnny Hansen, Sepp Maier, Paul Breitner.
28. Juni 1972, ein Team, vollgepackt mit Legenden beim FC Bayern, mit der frisch eroberten Meisterschale im Münchner Olympiastadion. Von links, stehend: Franz Beckenbauer, Wilhelm Hoffmann, Uli Hoeneß, Trainer Udo Lattek, Georg Schwarzenbeck, Gerd Müller, Franz Krauthausen, Franz Roth; hockend: Rainer Zobel, Johnny Hansen, Sepp Maier, Paul Breitner. © -/dpa

Etwa eine Woche später, es muss Ende Mai 1966 gewesen sein, fuhr ich in die Landwehrstraße. Dort war in den 60er Jahren das Büro des FC Bayern. Ich war nervös. Dort traf ich dann tatsächlich auf Robert Schwan, den legendären FC-Bayern-Manager. Händeschütteln. Ein kurzes Gespräch. "Wir haben Sie beobachtet und sind der Meinung, dass sie ein geeigneter Spieler für den FC Bayern sind", sagte Schwan.

Roth: "Wow, wenn ich da mal spielen dürfte, im Grünwalder!"

Dann lag der leistungsbezogene Zwei-Jahres-Vertrag auf dem Tisch, plus Option auf ein weiteres Jahr. Ich unterschrieb. Es war das Beste, was ich jemals getan habe. Ein fußballerischer Traum ging in Erfüllung, den ich seit meiner Kindheit hatte.

Schon bald bezog ich ein Apartment in Nymphenburg. Jeden Tag Training. Mindestens zwei Mal. Und immer, wenn ich den Giesinger Berg hoch zur Säbener Straße fuhr, tauchte das Grünwalder Stadion langsam auf, wo ja der FC Bayern damals spielte. Das Olympiastadion, wo wir später so viele Erfolge feierten, gab es noch lange nicht. Und jedes Mal, wenn ich zum Training fuhr, dachte ich mir: "Wow, wenn ich da mal spielen dürfte, im Grünwalder!"

Im Juli 1966 fuhren wir in ein Trainingslager in Stegen am Ammersee. Daran habe ich auch sehr intensive Erinnerungen, vor allem an zwei Ereignisse. Das eine ist ein schönes, das andere ein sehr trauriges. Das schöne und auch prägende: Franz Beckenbauer, Sepp Maier und Gerd Müller kamen während des Trainingslagers von der Nationalmannschaft zurück. Sie hatten gerade bei der Weltmeisterschaft in England mitgespielt.

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Roth: "Ein Mitspieler verunglückte tödlich, das beschäftigte uns lange"

Beim Abendessen stellte Bayern-Trainer Tschik Cajkovski die vier neuen Spieler des FC Bayern vor. Als er mich nannte, sagte er in seinem berühmten, gebrochenen Deutsch: "Und das ist Franz Roth, hat Kraft wie Muh!" Sepp Maier meldete sich zu Wort, er sagte: "Trainer, das heißt Bulle!" Seit diesem Moment heiße ich eben Bulle Roth. Auch Freunde nennen mich so. Franz sagt eigentlich kaum jemand.

Das traurige Ereignis: Am 28. Juli 1966 baute einer der vier neuen FC-Bayern-Spieler einen Unfall, in Inning am Ammersee. Rudolf Schmidt verunglückte tödlich, mit nur 25 Jahren. Wir waren alle geschockt. Der Verein brach das Trainingslager ab. Das Team reiste zurück nach München.

Der Unfall beschäftigte uns noch sehr lange. Aber wir mussten weitermachen. Bald startete schließlich die Saison. Für mich ging es perfekt weiter. Schnell wurde ich zum Stammspieler. Ich glaube, ich habe das auch der harten täglichen Arbeit auf dem Hof meiner Eltern zu verdanken, wodurch ich eine sehr gute Kondition und große Grundkraft mitgebracht hatte.

Roth: "Es entstanden Freundschaften für das ganze Leben"

Ich hätte zwei Spiele durchgehend rennen können und musste körperlich niemanden fürchten. Ich konnte und wollte mich 24 Stunden am Tag auf Fußball konzentrieren. Sportlich und beruflich waren die Jahre beim FC Bayern die beste Zeit meines Lebens.

Privat aber auch. Denn es entstanden Freundschaften für das ganze Leben. Franz Beckenbauer, Sepp Maier sowie Gerd Müller, der vor kurzem leider verstorben ist: Sie waren nicht nur meine Mitspieler, mit denen ich jahrelang deutlich mehr Zeit auf dem Platz verbrachte als mit meiner Familie. Es ist eine sehr große Verbundenheit, die durch die vielen gemeinsamen Jahre, ja sogar Jahrzehnte, entstanden ist.

Franz Roth: Das ist der Bulle aus dem Allgäu

Franz "Bulle" Roth, gebürtiger Memminger, war ein Spieler, der von allen sportlich gefürchtet wurde, mit schier endloser Kraft. Zwölf Jahre lang war er eine tragende Säule des FC Bayern. In 322 Bundesligaspielen schoss er 72 Tore. Bereits in seiner ersten Saison gelang ihm 1967 ein wichtiges Tor: das 1:0 in der Verlängerung gegen die Glasgow Rangers. Am Ende waren die Bayern die Gewinner des Europapokals der Pokalsieger.

Auch im Europapokal-Finale 1976 erzielte Roth das entscheidende 1:0 gegen St. Etienne. Uli Hoeneß sagte einmal über das Training mit Roth: "Es war ein Überlebenskampf." Angeblich trug Hoeneß wegen Roth sogar Schienbeinschoner. Legendär ist auch, dass in einem Spiel bei Rapid Wien bei einem Roth-Tor das Netz riss.

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