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Gesa Tiedemann über den Sommer 1971, der ihr ganzes Leben geprägt hat

Gesa Tiedemann (65, Grüne) ist Schwabinger Lokalpolitikerin. Für die AZ erinnert sie sich an den Sommer 1971 in England, der ihr ganzes Leben geprägt hat.
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"Bis heute zehre ich von diesem Sommer in England": Gesa Tiedemann in Tunbridge Wells.
"Bis heute zehre ich von diesem Sommer in England": Gesa Tiedemann in Tunbridge Wells. © Fotoarchiv Gesa Tiedemann

München - Es war der Sommer 1971, ein Juli, den ich nie vergessen werde. Mit 15 Jahren fuhr ich nach England, zu einer Familie, die meinem Vater und unserer Familie sehr nahe stand. Es war die Idee meiner Eltern. Ich fand den Gedanken reizend und spannend zugleich, wusste überhaupt nicht, was mich dort erwartet.

Gesa Tiedeman fuhr mit 15 Jahren nach England

Ich bin in Brunsbüttel groß geworden, einem Ort mit damals etwa 10.000 Einwohnern. Bis zu meiner Fahrt nach England war ich noch nie in einer so großen Stadt wie London gewesen. Brunsbüttel liegt fast direkt am Meer, am Auslauf der Elbe. Und auf der anderen Seite des Wassers, Richtung Westen, da lag irgendwo London.

V.l.: Cynthia, Charlie und Joan Robinson. Tiedemanns Gastfamilie.
V.l.: Cynthia, Charlie und Joan Robinson. Tiedemanns Gastfamilie. © Fotoarchiv Gesa Tiedemann

Die Familie Robinson wohnte nicht weit von der britischen Hauptstadt, in Ilford. Ich glaube, dass meine Eltern mich mit gerade einmal 15 Jahren nicht dorthin geschickt hätten, wenn die Verbindung zu den Robinsons nicht so eng gewesen wäre. Und das hatte eine besondere Vorgeschichte.

Familie Robinson: "Als Kriegsgefangener war mein Vater dort eingeladen worden"

Die Verbindung zur Familie Robinson hat vor allem meinen Vater sein Leben lang geprägt. Denn mein Vater Max Tiedemann war Lotse und Kapitän im Nordostseekanal. Während des Zweiten Weltkrieges wurde er auf einem zivilen Schiff vom britischen Militär gefangen genommen. Und als Kriegsgefangener lernte er eben die Familie Robinson kennen.

Das Familien-Reihenhaus der Robinsons in Ilford.
Das Familien-Reihenhaus der Robinsons in Ilford. © Fotoarchiv Gesa Tiedemann

Lebenslange Freundschaft zwischen Familien Robinson und Tiedemann

Englische Familien hatten nämlich die Möglichkeit, deutsche Kriegsgefangene zu sich nach Hause einzuladen. Es war für die Gefangenen die einzige Möglichkeit, aus dem Lager zeitweise herauszukommen. Die Familie Robinson war immer sehr christlich geprägt. Für sie hatte das Prinzip der Nächstenliebe eine sehr große Bedeutung. Also nahmen sie an diesem Programm teil. Und weil mein Vater sehr gut Englisch sprach und sie sich auch sehr gut verstanden, luden sie ihn während seiner Kriegsgefangenschaft regelmäßig zu sich ein. Es entstand eine lebenslange Freundschaft.

Zurück zu meiner großen Reise: An den Wochentag erinnere ich mich nicht mehr. Aber ich war natürlich sehr aufgeregt, im Juli 1971. Meine Eltern waren ebenfalls sehr nervös, auch wenn sie versuchten, es sich nicht anmerken zu lassen. Ich meine, es war eine Zeit lange vor den Smartphones. Man konnte sich nicht mal eben auf der Strecke kontaktieren und nachfragen, wie die Reise verläuft - oder gar Fotos hin- und herschicken. Das muss man sich immer wieder vor Augen halten.

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Die Reise begann in Hamburg

Ich stieg in eine Fähre nach Harwich, um zwei Uhr nachmittags. Luftlinie etwa 800 Kilometer. Soweit ich weiß, gibt es diese Fähr-Verbindung schon lange nicht mehr. Es war schönes Wetter. Wir hatten sommerlich-milde Temperaturen, 20 bis 24 Grad, nicht zu warm und nicht zu kalt. So blieb es eigentlich auch den ganzen Sommer über, zum Glück.

Die Fahrt mit der Fähre dauerte fast einen ganzen Tag. Am nächsten Morgen kam ich in Harwich an. Ich hatte kaum geschlafen. Ein Liegesessel in der Fähre war für mich sehr ungewohnt. Und außerdem hatte ich schwer zu schleppen: Meine Mutter hatte die Idee, bei der Gelegenheit der Familie Robinson ein schönes Geschenk aus Deutschland mitzubringen, nämlich ein schönes, sechsteiliges Geschirr.

Schwerer Koffer mit sechsteiligem Geschirr als Gastgeschenk

An sich ein schöner Gedanke. Aber das war vielleicht ein schwerer Koffer. Daran erinnere ich mich noch sehr gut. Genauso wie es keine Smartphones gab, konnte man damals ja auch keine Rollkoffer kaufen, die das Reisen mit so schwerem Gepäck deutlich erleichtern. Daher musste ich den Koffer die ganze Zeit tragen. Wenn ich heute zurückdenke, kann ich natürlich darüber lachen.

Am nächsten Tag kam ich in Harwich an. Der Ort liegt etwa 120 Kilometer östlich von London. Mit dem Zug ging es weiter nach Ilford. Dort holten mich Joan und Charlie Robinson ab und nahmen mich mit in ihr Reihenhaus. Bis heute eine typische Bleibe in England.

"Ich konnte mich kaum auf Englisch unterhalten"

Die ersten Abende waren hart. Ich konnte mich kaum auf Englisch unterhalten, fühlte mich etwas einsam. Und mein Gastvater Charlie konnte auf Deutsch nur ein Wort, nämlich: Obergruppenführer. Das hatte er bei den Passionsspielen in Oberammergau aufgeschnappt. Als gläubiger Christ hatte er die Aufführung mal besucht.

Aber gerade diese Situation - alle sprachen Englisch, niemand konnte Deutsch - führte dazu, dass ich sehr schnell gut Englisch sprechen konnte. Fünf Wochen war ich bei diesem spannenden ersten Aufenthalt in England. Weil ich mich anfangs nicht traute, Englisch zu sprechen, brauchte ich Übung. Und ich holte sie über Gespräche mit dem Haushund: Toby.

"Augen zu - dann kann ich Londons U-Bahn auch daheim riechen"

Ich ging sehr oft Gassi mit dem Toby und alles Neue, was ich auf Englisch aufgeschnappt hatte, übte ich mit Toby. So erarbeitete ich mir langsam den Mut, mehr und mehr Englisch mit den Robinsons zu sprechen. Irgendwann ging es sehr schnell.

Bis heute zehre ich sprachlich von diesem ersten Aufenthalt. Ich verbrachte weitere vier Sommer in den darauffolgenden Jahren bei den Robinsons. Bei diesen Reisen reifte in mir auch der Wunsch, Englisch zu studieren. Am Ende, viele Jahre später, wurde es Englisch, Deutsch und evangelische Religion auf Lehramt.

Ich habe damals in meinem ersten Sommer in Ilford sehr viel unternommen. Die Innenstadt von London ist nicht weit, etwa 20 Kilometer entfernt. Die Stadt beeindruckte mich sehr. Bis heute liebe ich sie. Der Tower oder Buckingham Palace - das sind einzigartige Bauwerke, die ich immer wieder gerne besuche. In meinem ersten britischen Sommer erinnere ich mich vor allem an einen Kinobesuch in London, zusammen mit Charlie und Joan. Der Film "Lovestory" lief damals neu an. Es war ein Blockbuster, mit Ali MacGraw und Ryan O'Neal.

Besondere Erinnerung an die Londoner U-Bahn

Aus dieser Zeit stammt auch eine besondere Erinnerung an die Londoner U-Bahn. Sie hat einen ganz eigenen Duft - oder Geruch. Schön ist er eigentlich nicht, aber ganz speziell. Wenn ich die Augen schließe und an die U-Bahn-Fahrten in London denke, dann habe ich sofort diesen Geruch im Sinn. Sie riecht bis heute so. Beschreiben kann ich das nicht. Ich finde keinen Vergleich. Ich weiß nur: Würde mich jemand mit verbundenen Augen in die Londoner U-Bahn führen, wüsste ich sofort, wo ich bin.

"Ich finde das britische Königshaus faszinierend"

Nicht nur die Verbindung zur Familie Robinson hat deren ganzes Leben lang gehalten - bis 1991 habe ich sie regelmäßig besucht. Auch meine Liebe für England wurde so entfacht. Obwohl ich überzeugte Demokratin bin - gerade als Lokalpolitikerin in München - finde ich das britische Königshaus faszinierend. Vor allem, wie es all die Jahrhunderte überdauert hat.

Ich war mir in den 70ern und 80ern jahrelang total sicher, dass ich irgendwann einmal in England leben würde. Doch dann lernte ich meinen Ehemann kennen und landete irgendwann in München. Trotzdem bin ich bei jeder Gelegenheit, die sich mir bietet, in England. Eine Zeit lang machte ich dort auch mit meiner Familie jedes Jahr Urlaub.

Die Schwabingerin Gesa Tiedemann heute.
Die Schwabingerin Gesa Tiedemann heute. © Daniel von Loeper

Heute fahre ich manchmal alleine nach London. Alte Bekanntschaften pflegen, den Puls der Stadt spüren. Manchmal setze ich mich in einen der Doppeldeckerbusse und fahre einfach nur durch die Gegend, schaue aus dem Fenster.

Meine erste Reise nach England 1971 war mein erster Schritt zum Erwachsenwerden, völlig auf mich selbst gestellt mit 15 Jahren. Es war eine der besten Erfahrungen meines Lebens.

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