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Max Brym im Sommer seines Lebens: Jesus, Caesar und eine Romanze

Der Autor Max Brym (63) erinnert sich an einen Sommer in den 90er-Jahren, als München noch ein bisschen verrückter - und lässiger - war als heute.
| Max Brym
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Max Brym heute in der Maxvorstadt.
Max Brym heute in der Maxvorstadt. © Daniel von Loeper

München - Es war der Sommer 1993. Ich war erst vor zwei Jahren nach München gezogen und hatte in diesem Jahr zum ersten Mal die Zeit, den Englischen Garten zu genießen. Da kam ich eines Tages an Jesus vorbei.

Ich dachte erst, ich seh nicht recht: Am Eisbach, direkt an der großen Wiese vor dem Monopteros, stand dieser Typ, er war splitterfasernackt und taufte gerade eine Gruppe von Frauen im Wasser. Die Frauen waren auch nackt und ziemlich offensichtlich hatten die alle irgendetwas intus, wahrscheinlich irgendwelche Drogen.

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Ich habe mich an den Rand gestellt und zugeschaut und plötzlich kam eine Gruppe Ordensschwestern vorbei. Da ist der Jesus losgerannt, einmal quer über die ganze Wiese, nackt wie Gott ihn schuf, bis hin zu den Klosterschwestern und hat dabei laut gerufen: "Ich bin es, euer Herr!" Ich habe noch nie Klosterschwestern so rennen sehen!

Jesus im Englischen Garten: Was dahinter steckte

Ich habe dann bald herausgefunden, dass es ein Theaterstück war, das sie da aufgeführt haben, eine Komödie. Aber nicht für einen Verein oder so, sondern einfach, weil sie Lust darauf hatten. Die Jesus-Gang war eine feste Gang, sie waren jeden Tag auf der Wiese unter dem Monopteros und haben immer das gleiche Stück aufgeführt. Das ging stundenlang, bis in den Abend, da haben sie dann immer Tische aufgebaut und Brot gebrochen und das gesegnet.

Ich hatte in diesem Sommer Zeit und die Show hat mir gefallen. Also bin ich bald jeden Tag dahin gegangen. Ich hab mich auf die Wiese gelegt - in angemessenem Abstand, um nicht für einen von der Jesus-Gang gehalten zu werden - habe ein bisschen gedöst und mir die Komödie angeschaut. Langweilig ist das nie geworden.

Es hatte etwas wahnsinnig Großstädtisches, was die Leute da veranstaltet haben. Bevor ich nach München gezogen war, hatte ich ein paar Jahre in Tel Aviv studiert, Philosophie und Geschichte. Da war natürlich auch einiges los gewesen.

Aber mir war es zu viel, jeden Tag Party, das geht einem irgendwann auf die Nerven. Die Komödie im Englischen Garten war viel entspannter. Und so lässig!

Caesar im Englischen Garten:  "Auch du, mein Brutus!"

Jesus hatte auch einen Rivalen, Caesar. Der kam mit einer Gruppe von Legionären, alle ziemlich betrunken. Die ließen sich auch als Legionäre anreden, wenn man sonst mit ihnen sprach. Theater pur!

Immer gegen fünf oder sechs Uhr nachmittags hat Caesar zu Jesus gesagt: "Jesus, du wirst mir nicht mein Reich zerstören!", worauf ein Legionär rief: "Caesar, sei nicht so bös!" Und Caesar antwortete: "Auch du, mein Brutus!" Nach der Konversation gingen dann die Legionäre auf Caesar los, das war ein wahnsinniges Gebrüll.

In den 1990ern (hier ein Foto aus dem Jahr 1999) ging es im Englischen Garten noch etwas freizügiger zu als heute. Außerdem konnten die Besucher improvisierte Theaterstücke erleben.
In den 1990ern (hier ein Foto aus dem Jahr 1999) ging es im Englischen Garten noch etwas freizügiger zu als heute. Außerdem konnten die Besucher improvisierte Theaterstücke erleben. © picture-alliance / dpa

Max Brym und seine Sommerliebe: "Sieben Jahre waren wir danach zusammen"

An einem Nachmittag lag ich also gerade in der Sonne und habe gedöst, als die Legionäre mit ihrem Gebrüll angefangen haben. Von ihrem Geschrei bin ich aufgewacht. Da lag neben mir plötzlich eine Frau, die hat mich angegrinst.

Im Hintergrund haben die Legionäre ihre Knüppel geschwungen, ihr Blick ist von mir zu den Legionären gewandert und wieder zurück zu mir. Und sie meinte: "Sie scheinen der Einzige hier zu sein, der nichts im Blut hat!"

Ich fand sie sofort großartig. Wir haben uns dann verabredet, am nächsten Tag die Show noch einmal zusammen zu schauen, das haben wir gleich ein paar Tage hintereinander getan. Sieben Jahre waren wir danach zusammen.

Max Brym 1993 vor dem Milchhäusl.
Max Brym 1993 vor dem Milchhäusl. © privat

Max Brym: "Alles war so leicht und frei und ausgelassen"

Aber dieser eine Moment, mit den prügelnden Legionären im Hintergrund und dem Gefühl einer beginnenden Sommerromanze im Hinterkopf, der symbolisiert für mich diesen Sommer wie nichts anderes. Alles war so leicht und frei und ausgelassen.

Das waren richtige Originale damals, so etwas gibt es heute nicht mehr. Die junge Generation ist viel "cooler", aber nur in Anführungszeichen. Heute kann man noch in jedem Reiseführer lesen, dass im Englischen Garten lauter Nackte herumliegen würden, aber das stimmt inzwischen gar nicht mehr. Da sind nur noch ein paar alte Leute, alles ist ein bisschen verklemmter und unlässiger geworden. Schade drum!

Max Brym heute im Englischen Garten: "Hier ist ja überhaupt nichts mehr los!"

Den Jesus, den habe ich auf jeden Fall im Jahr drauf sehr unerwartet noch einmal wiedergesehen. Da war ich grade in Tel Aviv, um meine Familie zu besuchen. Und wie ich am Flughafen ankomme, seh ich plötzlich den Jesus auf den Titelseiten der Tageszeitung. Der war im Kriegsgebiet zwischen den Konfliktlinien herumgelaufen und hatte "Frieden stiften" wollen.

Er ist dann abgeschoben worden, wegen Selbstgefährdung. Irgendein Polizeipräsident wurde damals in der Zeitung zitiert mit den Worten: "So etwas können Sie in München machen, aber nicht hier."

Heute laufe ich manchmal durch den Englischen Garten über die große Wiese und schaue mich um und denke: "Mein Gott, die liegen ja alle nur rum. Hier ist ja überhaupt nichts mehr los!"

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