Mehrwertsteuersenkung: Warum der Schweinebraten in München trotzdem kaum günstiger wird

Die Senkung der Mehrwertsteuer bringt frischen Wind in die Münchner Gastronomie. Wirte reagieren unterschiedlich: von Preissenkungen bis hin zu Investitionen in Modernisierung und Mitarbeiter. Wie nutzen die Betriebe die neuen Möglichkeiten?
Ruth Frömmer,
Niclas Vaccalluzzo
|
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
6  Kommentare
lädt ... nicht eingeloggt
Teilen
Seit 1. Januar gilt für verkaufte Speisen und Getränke in der Gastronomie der gesenkte Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent (vorher: 19 Prozent).
Seit 1. Januar gilt für verkaufte Speisen und Getränke in der Gastronomie der gesenkte Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent (vorher: 19 Prozent). © Sina Schuldt/dpa

"Für mich ist die Mehrwertsteuersenkung auf jeden Fall ein positiver Impuls fürs neue Jahr", sagt Alex Recknagel. "Wenn da nichts passiert wäre, würde ich dieses Jahr kritisch sehen – für die Gastronomie und den Gast." Er betreibt in München unter anderem die "Frau im Mond" im Deutschen Museum, das Restaurant Herzog, das Bambi und die Ory Bar.

"Die Steuersenkung bedeutet für uns die Möglichkeit, die Preise insgesamt fair zu kalkulieren", sagt der Gastronom zur AZ. "Außerdem widmen wir uns in Zukunft mehr dem Speisekartensektor", so Recknagel weiter.

Die Krise in der Gastronomie könnte sich tatsächlich entspannen. Jahrelang haben der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband Dehoga und die Wirte für eine Senkung der Mehrwertsteuer gekämpft – und gewonnen. Seit 1. Januar ist für verkaufte Speisen und Getränke in der Gastronomie der gesenkte Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent (vorher: 19 Prozent).

Nur 8,5 Prozent geben an, ihre Preise senken zu wollen

Das bedeutet freilich nicht, dass der Schweinsbraten in allen Betrieben jetzt günstiger wird. Thomas Geppert, Dehoga-Landesgeschäftsführer Bayern, sagt: "Jeder Betrieb muss jetzt selber schauen, wie er die finanziellen Möglichkeiten nutzt." Denn jeder stehe vor anderen Herausforderungen. "7 Prozent sind mehr als nur ein vergünstigtes Schnitzel", so Geppert weiter. Wenn ein Wirt keine Gäste mehr hat, weil er teurer werden musste, könne er die Möglichkeit nutzen, um seine Preise anzupassen. Aber der Schuh drückt bei jedem woanders.

Thomas Geppert, Dehoga-Landesgeschäftsführer Bayern, sagt: "Jeder Betrieb muss jetzt selber schauen, wie er die finanziellen Möglichkeiten nutzt."
Thomas Geppert, Dehoga-Landesgeschäftsführer Bayern, sagt: "Jeder Betrieb muss jetzt selber schauen, wie er die finanziellen Möglichkeiten nutzt." © IMAGO/B. Lindenthaler

Der Dehoga hat seine Mitglieder befragt, welche konkreten Maßnahmen sie mit den frei werdenden Mitteln bei der Mehrwertsteuersenkung ergreifen würden. Nur 8,5 Prozent gaben hier an, ihre Preise zu senken. An der Spitze stehen mit 70,5 Prozent Investitionen in die Modernisierung ihrer Betriebe, gefolgt von einer Steigerung der Ausgaben für die Mitarbeiter (67,2 Prozent).

Viele Wirte sagen: Sie bauen Schulden ab

Genannt werden außerdem die Rückzahlung bzw. der Abbau von bestehenden Darlehen oder Krediten (47,9 Prozent), Steigerung der Investitionen in den Ausbau des Betriebes (30,2 Prozent), die Einstellung zusätzlicher Mitarbeiter (27,1 Prozent), die Steigerung von Marketing- und Vertriebsaktivitäten (17,9 Prozent) und die Ausweitung/Verbesserung des Speisenangebotes (11,6 Prozent).

Manchen Wirten auf dem Land steht das Wasser bis zum Hals

Gregor Lemke betreibt den Augustiner Klosterwirt und ist Sprecher der Münchner Innenstadtwirte. Er betont, dass es bei der Mehrwertsteuersenkung um die breite Masse geht, Lokale auf dem Land, in den Stadtteilen, denen das Wasser bis zum Hals stehe. "Weil sie das Preisgefüge, das zum Überleben notwendig wäre, eben nicht einfach so weitergeben können." Sprich: Wenn ein Gast auf dem Land für seinen Schweinsbraten jahrelang 10 Euro bezahlt hat, sei er nicht bereit, plötzlich 16,50 Euro zu zahlen.

Gregor Lemke, Sprecher der Münchner Innenstadtwirte verweist auf die steigenden Belastungen für Gastronomen. Es gehe nun darum, die Preise auf den Speisekarten zu halten.
Gregor Lemke, Sprecher der Münchner Innenstadtwirte verweist auf die steigenden Belastungen für Gastronomen. Es gehe nun darum, die Preise auf den Speisekarten zu halten. © Daniel von Loeper

Bei den Innenstadtwirten sieht es nicht ganz so düster aus. "In den letzten Wochen und Monaten hatten wir mit enormen Preiserhöhungen im Bereich Waren, Kosten, Löhne zu kämpfen", betont Lemke. "Und wir sprechen hier nicht von Erhöhungen im einstelligen Prozentbereich, sondern von saftigen zweistelligen Erhöhungen bei Lebensmitteln wie Fleisch, Eiern oder Butter.

Entlastung nutzen, um Preise stabil zu halten

Auch der Mindestlohn steigt zum 1. Januar. "Und wenn ein Spüler 9 Prozent mehr verdient als vorher, dann wollen die, die über ihm arbeiten, auch mehr", weiß der Wirt. Das erhöhe das Preisgefüge insgesamt. Er und seine Kollegen nutzen die Mehrwertsteuersenkung in erster Linie, um die Preise auf ihren Speisekarten zu halten. Sprich: die Preiserhöhungen nicht an ihre Gäste weiterzugeben.

Der Giesinger Bräu gibt die Mehrwertsteuersenkung an seine Gäste weiter und senkt im Bräustüberl die Preise für einige Wirtshaus-Klassiker, darunter das Wiener Schnitzel.
Der Giesinger Bräu gibt die Mehrwertsteuersenkung an seine Gäste weiter und senkt im Bräustüberl die Preise für einige Wirtshaus-Klassiker, darunter das Wiener Schnitzel. © Giesinger Bräu

Die Kuffler-Gruppe (Seehaus, Spatenhaus, Sedlmayr, Haxnbauer) möchte einzelne Gerichte auf ihren Speisekarten günstiger anbieten. Aber insgesamt lautet der Plan, nicht teurer zu werden, sprich, die kommenden Preiserhöhungen in 2026 nicht an die Gäste weiterzugeben, heißt es aus dem Unternehmen.

Giesinger Bräu senkt die Preise für Klassiker

Andere wiederum nutzen die Gelegenheit, Gäste mit neuen Angeboten in ihre Lokale zu locken. Die Giesinger Brauerei teilt mit, die Preise in ihrem Bräustüberl an der Martin-Luther-Straße zu senken. Mehrere Wirtshausklassiker wie das Schnitzel, die Ente oder das Giesinger Wirtshauspfandl sind im Preis gefallen.

Neben den Preissenkungen versucht Giesinger mit einer Gutscheinaktion, Gäste zu locken. Die können derzeit 100-Euro-Gutscheine zu einem Preis von 85 Euro erwerben.

"Uns war wichtig, eine Lösung zu schaffen, die unkompliziert ist und wirklich Mehrwert bietet", so Steffen Marx, Gründer und Geschäftsführer von Giesinger Bräu. "Der Gutschein kann für alles bei uns eingesetzt werden. Damit schaffen wir Spielraum für unsere Gäste und gleichzeitig Planungssicherheit für uns."

"Reines Geschenk für die Wirte"?

Nicht nur lokale Gastronomen planen Umstellungen durch die Mehrwertsteuersenkung. Auch die internationale Fast-Food-Kette McDonald's will in Deutschland die Preise für ihre Menüs senken. Der Großkonzern verspricht Senkungen von teilweise mehr als 15 Prozent.

Trotz vereinzelter positiver Beispiele glaubt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) nicht, dass die Gastronomen ihre Entlastung an die Menschen weitergeben. "Dieser Puffer von 12 Prozent ist ein reines Geschenk für die Wirte", sagt Mustafa Öz, Landesbezirksvorsitzender der NGG Bayern. Und das lande schlussendlich in den Taschen der Wirte.

Öz erinnert an die Situation nach Corona, als die Mehrwertsteuer zur Entlastung der Branche zuletzt gesenkt wurde. Die Preise seien danach im Schnitt um 30 Prozent angestiegen, warnt der Gewerkschafter und auch bei den Mitarbeitern sei kaum etwas angekommen.

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
 
  • Bluto vor 5 Stunden / Bewertung:

    "Modernisierung der Betriebe".
    Dazu gehört ja auch die Fahrzeugflotte. Und so ein neuer Firmen-Porsche ist ja auch ein Aushängeschild!

    Antworten lädt ... Kommentar melden
  • Sheriff J.W. Pepper vor 14 Stunden / Bewertung:

    Vor der Senkung der Umsatzsteuer wurde immer argumentiert, die Gaeste blieben aus, weil das Essen durch den 19% Aufschlag zur Deckung der Kosten so teuer sein muesse. Nun heisst, billiger koenne es nicht werden, aber immerhin muss es nicht sofort wegen gestiegener Loehne und Kosten sofort wieder Preiserhoehungen geben - die Preise koennten erstmal gleich bleiben. Ob dadurch allerdings wieder mehr Gaeste kommen (was ja angebliches Ziel der Massnahme war) und die angeblich wegen zu geringer Umsaetze vor dem Aus stehende Gastronomie "retten" darf dann wohl bezweifelt werden. Mal sehen, was als naechste Hilfsmassnahmen gefordert wird...

    Antworten lädt ... Kommentar melden
  • Wolff vor 7 Stunden / Bewertung:
    Antwort auf Kommentar von Sheriff J.W. Pepper

    Wieso sollten mehr Gäste kommen? Wo sind die denn entlastet worden? Etwa bei den Krankenkassenbeiträgen, bei Gebühren und Abgaben usw. Wird doch alles immer teurer. Und wenn der Staat mit der rechten Hand etwas zurückgibt, holt er sich mit der linken doppelt und dreifach zurück... Theoretisch könnten die Preise um bis zu 10% sinken, ohne für die Wirte etwas zu verschlechtern. Aber warum sollten sie? Dafür erhält man bei vielen Gastronomen sowieso nur noch vorgefertigten Industriefraß. Muss jeder selber wissen.

    Antworten lädt ... Kommentar melden
merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.