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Erinnerung an Widerstandskämpfer Hans Beimler: Tote auf Urlaub

In aller Stille hat die Stadt erstmals ein Erinnerungszeichen für einen Kommunisten an einem Haus anbringen lassen. Für Hans Beimler, die herausragende Gestalt im Münchner kommunistischen Widerstand.
| Karl Stankiewitz
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Das Erinnerungszeichen für Hans Beimler an seinem ehemaligen Wohnhaus an der Döllingerstraße.
Das Erinnerungszeichen für Hans Beimler an seinem ehemaligen Wohnhaus an der Döllingerstraße. © Sigi Müller

München - Die ersten "Kommunisten", die unter diesem Namen eine Rolle spielten, kamen 1919 aus Russland nach München, so wie 18 Jahre früher ihr Vordenker Lenin. Ihre "Rote Armee" kommandierte hier ein gebürtiger Schwabinger: der Ex-Matrose Rudolf Egelhofer.

Noch bevor der bunte Haufen in Bedrängnis geriet, entsandte die Berliner Zentrale der im Dezember 1918 gegründeten "Kommunistischen Partei Deutschlands" zwei Funktionäre nach Bayern. Der Jurist Dr. Eugen Leviné aus St. Petersburg und der bayerische Soldat Max Levien, in Moskau gebürtig, sollten die Zweite Räteregierung retten und die Arbeiterpartei in dem Bauernland straff organisieren.

Mehr als 2.000 Frauen und Männer werden hingerichtet

Am 1. Mai 1919 machten Freicorps-Freiwillige aus dem Oberland und "weiße" Truppen, von der nach Bamberg verlagerten SPD-Regierung aus Württemberg gerufen, dem "roten Spuk" ein blutiges Ende. Mit den gefassten Anführern und anderen Revolutionären wurde kurzer Prozess gemacht. Über 2.000 Männer und Frauen sollen in den Tagen danach hingerichtet, misshandelt oder eingekerkert worden sein.

Egelhofer wurde in der Wohnung einer Ärztin in der Maximilianstraße aufgespürt, schwer misshandelt und in der Residenz ohne Urteil erschossen (sein Grab auf dem Nordfriedhof entbehrt derzeit nicht der Pflege). Levien floh nach Wien und fiel 1937 dem Terror eines Stalin zum Opfer. Leviné kam in München vor Gericht und nahm selbst das Todesurteil vorweg: "Wir Kommunisten sind alle Tote auf Urlaub."

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Die Erinnerung an die chaotische Rätezeit und die Angst vor einer Rückkehr landesfremder "Bolschewiken", die von konservativen und rechten Parteien geschürt wurde, hielten sich im Bürgertum lange und zäh.

So hatte die KP in München um 1920 kaum 500 Mitglieder, während sie in Nordbayern mit dem gewerbereichen Nürnberg immerhin schon 3.000 Köpfe zählte (in Berlin und Hamburg sehr viel mehr). Stark war sie nur in den Arbeitervierteln östlich der Isar. Zwei bis drei Sitze im Stadtrat, mehr war nicht drin.

Das reichsweite in Bayern etwas länger geltende Parteienverbot nach dem Hitlerputsch von 1923, danach die ständige Überwachung durch Staatsschutz und Polizei sowie Putschversuche in Sachsen führten der KPD in München alles andere als Sympathie zu. Immer wieder wurden ihre Kleinzeitungen und Versammlungen verboten, Wohnungen durchsucht, Verdächtige festgenommen. Stagnation und Resignation lähmten die Funktionäre der "Partei Lenins", wie sie wegen ihrer sturen Moskau-Treue verlästert wurde.

1930: Radikalsozialisten wieder im Landtag und im Reichstag

Plötzlich aber brachte die Weltwirtschaftskrise nach dem New Yorker Börsenkrach vom Oktober 1929 einen starken Zuwachs an sozialer Verelendung und somit von Protestwählern. Plötzlich stieß die von links außen lockende Predigt der Politiker von der Ablösung des Kapitalismus durch die "klassenlosen Gesellschaft" auf offene Ohren.

Bald ging es aufwärts mit den Münchner Radikalsozialisten, die jetzt gegen die aufkommenden Nationalsozialisten eine "Einheitsfront des Proletariats" propagierten. Bald konnte sich die Bayern-KP eine "Wochenzeitung für die Werktätigen in Stadt und Land" leisten, die denn auch einen "stürmischen Aufschwung" meldete. Ab 1930 gelang der Wiedereinzug in den Landtag und in den Reichstag.

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Münchner Hans Beimler beim Matrosenaufstand in Kiel dabei 

In beiden Parlamenten saß seit 1932 der 1895 in München geborene und in der Oberpfalz aufgewachsene Schlosser Hans Beimler, der schon am Matrosenaufstand in Kiel aktiv war. Er führte den Bezirk Südbayern. Bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 konnte die KPD in der Landeshauptstadt zur vierten Stelle vorrücken. Zu diesem Zeitpunkt befand sie sich allerdings tatsächlich schon in der Illegalität. Der Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 war für Hitler, der kurz zuvor "die Macht ergriffen" hatte, ein willkommener Anlass, seine Hauptgegner auszuschalten.

Die Strukturen der KPD wurden zerschlagen, letzte Mandatsträger aus den Volksvertretungen geprügelt, viele andere Linke massenweise in das soeben eingerichtete Konzentrationslager Dachau verschleppt.

Der bekannte Abgeordnete Beimler versteckte sich mit seiner Frau Kreszenz in einem Gartenhaus im Vorort Hadern, wo seit Kurt Eisner viele Revolutionäre wohnten. Er wurde von Genossen verraten und ebenfalls von der SA nach Dachau verschleppt und schwerst misshandelt. Dem Seemann a.D. gelang es jedoch, wie später keinem anderen Häftling mehr, am 8. Mai aus dem ersten KZ Himmlers zu fliehen. Einige Zeit "leitete" er Bayerns KP noch von Zürich aus.

Hans Beimler wird im Spanischen Bürgerkrieg erschossen

Über die Schweiz gelangte Beimler nach Moskau, wo er im Genossenschaftsverlag für ausländische Arbeiter ein Buch veröffentlichen konnte: "Das Mörderlager. Vier Wochen in den Händen der braunen Banditen." Die Broschüre erregte ungeheures Aufsehen, hatte aber sonst keine Folgen. Als Politkommissar der Internationalen Brigaden wurde Beimler am 1. Dezember 1936 im Spanischen Bürgerkrieg erschossen.

In den zwölf Jahren des braunen Terrors leisteten die Kommunisten den stärksten Widerstand. Sie hatten denn auch einen besonders hohen Blutzoll zu zahlen. Zwei Drittel aller Hochverratsverfahren bestraften Getreue der verbotenen Partei.

Aus München stammten 5.500 aller verurteilten Genossen. Schon im Sommer 1933 bildeten sich meist selbstständige Kleingruppen. Diese formulierten Flugschriften, druckten sie insgeheim in Kellern und Werkstätten (einmal auch in einem Zelt in der Pupplinger Au) und verteilten sie, indem sie die Papiere mit der Post verschickten, in Briefkästen steckten, vor Werkstore streuten.

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Hans Beimler: Auch seine Witwe engagiert sich im Widerstand

Immer unter Lebensgefahr und mit unsäglichen Mühen schmuggelten Münchner Kommunisten Material aus der Tschechoslowakei, die auch bevorzugtes Fluchtziel war. Sie besorgten Abziehapparate, Papier, Zelte und Fahrräder. Sie pflegten Kontakte zu Kommunisten in Garmisch, Traunstein und im Bayerischen Wald. Oder sie trafen sich einfach nur, wie in alten Zeiten, zu Sport und Freizeit in den Isarauen.

Sie organisierten eine "Rote Hilfe" für gefangene Genossen und sammelten Geld. Anstelle der verschwundenen Männer reihten sich deren Frauen und Söhne in den Untergrund-Kampf. Sie redeten sich nur noch mit Vornamen an.

Eine der Aktivsten im Widerstand war die Witwe des im Kampf gefallenen Hans Beimler. Während des Krieges unterhielt "Zenta" unter anderem Kontakt mit einer Gruppe, die Sabotageakte vorbereitete.

Erinnerungszeichen an Hans Beimler in der Döllingerstraße

Die 43 Männer gerieten aber im Februar 1943 in die Fänge der Gestapo, die über zwei Spitzel verfügte. Der aus Ostpreußen stammende Rädelsführer und hochbetagte Weltkriegsoffizier Wilhelm Olschewski wurde in der Haft zu Tode geprügelt, Sohn und Schwiegersohn in Stadelheim geköpft.

Das ehemalige Wohnhaus von Hans Beimler an der Döllingerstraße.
Das ehemalige Wohnhaus von Hans Beimler an der Döllingerstraße. © Sigi Müller

Zenta überlebte viereinhalb Jahre Haft. Die 91-Jährige, die bis zuletzt als eine der letzten Zeitzeugen vor Jugendlichen berichtet hatte, starb im August 2000 in München.

Das Erinnerungszeichen für ihren Mann, von der sehr rührigen Geschichtswerkstatt Neuhausen initiiert, wurde an dessen 85. Todestag am Haus Nr. 30 in der Döllingerstraße angebracht. Es besteht aus einer vergoldeten, künstlerisch bearbeiteten und beschrifteten Stahlplatte.

Diese Art Ehrung und Gedenken soll seit 2018 eine Alternative sein für die in München nicht offiziell anerkannten Stolpersteine. An anderen Häusern sind es Stelen, die an zu Tode gekommene Widerstandskämpfer mit Wohnsitz München erinnern.


Der Beitrag fußt auf dem Buch "Außenseiter in München. Vom Umgang der Stadt mit ihren Randgruppen" von Karl Stankiewitz.

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