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Die letzten Tage der Widerstandsgruppe Weiße Rose: Tapfer bis zum Tod

Noch im Verhör sagte Sophie Scholl, sie würde alles noch einmal genauso machen. Bis zur Vollstreckung des Urteils blieb sie standhaft.
| Karl Stankiewitz
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Der original erhaltene Sitzungssaal 216 (heute 253) im Justizpalast, wo am 19. April 1943 der zweite Prozess gegen 14 Angeklagte der Widerstandsgruppe Weiße Rose stattfand.
Der original erhaltene Sitzungssaal 216 (heute 253) im Justizpalast, wo am 19. April 1943 der zweite Prozess gegen 14 Angeklagte der Widerstandsgruppe Weiße Rose stattfand. © picture alliance / Peter Kneffel/dpa

München - Der Krieg endet noch lange nicht, er treibt einem schreckenvollen Höhepunkt zu. Am 2. Februar 1943 kapitulieren die in Stalingrad eingeschlossenen Truppen, die schon 150.000 Männer verloren haben. An der Wolga beginnt die große Wende. Während die mehr als 100.000 Überlebenden der 6. deutschen Armee in Gefangenschaft marschieren, entsteht in München das 6. Flugblatt der Weißen Rose. Professor Kurt Huber entwirft den Text. "Alle Deutsche" werden aufgerufen, die "verabscheuungswürdigste Tyrannis" zu stürzen und ein "geistiges Europa" aufzubauen. Ein Satz am Anfang ist unterstrichen: "Der Tag der Abrechnung ist gekommen."

Sophie Scholl schreibt noch einen letzten Brief an ihren Verlobten

Am 15. Februar ist dieses letzte Flugblatt fertig und Sophie schreibt einen letzten, liebevollen Brief an Fritz Hartnagel, der dem Inferno von Stalingrad gerade noch entkommen ist. Am 18. Februar geht sie mit Hans von der Leopoldstraße rüber zur nahen Universität. Sie trägt eine Aktentasche, er einen Handkoffer. Es ist 10.45 Uhr, die Hörsäle sind noch geschlossen

Freunde ahnen nicht, dass beide über 1.000 neue Flugblätter verstreuen

Die Freunde Willi Graf und Traute Lafrenz sehen sie noch und fragen, ob sie denn verreisen wollen, Sophie deutet nur kurz etwas von einem Skiausflug an. Ihre Freunde können nicht ahnen, dass Bruder und Schwester in den nächsten Minuten heimlich und hastig über Tausend neue Flugblätter an Treppen, Fenstern und Brüstungen verstreuen. Die letzten legen sie auf eine obere Balustrade des Lichthofes.

Drei Tage lang werden Hans und Sophie verhört

Dabei lässt Sophie versehentlich zahlreiche Blätter runter fallen. Der Hörsaaldiener Jakob Schmid bemerkt es. Er eilt die Treppe hoch und packt beide Studenten am Arm: "Sie sind verhaftet." Sie wehren sich nicht. Hans protestiert. Doch die Gestapo, der die Geschwister übergeben werden, finden bei ihm den Entwurf eines siebten Flugblattes, das Christoph Probst geschrieben hat. Der wird schon am nächsten Tag in Innsbruck verhaftet, ebenso Otl Aicher. Hausdurchsuchungen bringen der Sonderkommission weitere Beweise für die Aktion. Im berüchtigten Gestapo-Gefängnis im (nach dem Krieg abgerissenen) Wittelsbacher Palais muss die kommunistische Mitgefangene Else Gebel Sophie körperlich visitieren, sie gibt ihr Trost und Rat. Drei Tage lang werden Hans und Sophie verhört, stundenlang.

Hans und Sophie Scholl von der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" an der Münchner Universität.
Hans und Sophie Scholl von der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" an der Münchner Universität. © -/ADN/dpa

"Ich wollte ein noch größeres Unglück für Deutschland verhindern", bekennt Sophie Scholl

Leugnen ist freilich sinnlos. Die beiden Beschuldigten versuchen noch, alle Verantwortung auf sich zu lenken, was aber nur teilweise gelingt. "Ich wollte ein noch größeres Unglück für Deutschland verhindern", bekennt Sophie Scholl. Sogar ihr Vernehmer Robert Mohr wird nach dem Krieg ihre "einmalige Haltung" würdigen. Ihm sagt sie auch, sie würde alles noch einmal genauso machen. "Nicht ich, sondern Sie haben die falsche Weltanschauung."

Die verzweifelten Eltern weist der Blutrichter aus dem Saal

Am 22. Februar beginnt im Münchner Justizpalast der Prozess. Roland Freisler, der cholerische Präsident des Volksgerichtshofes, lässt die Geschwister Scholl und den mitangeklagten Christoph Probst kaum zu Wort kommen, stellt sie als dumm hin, was nicht recht ankommt. Die Pflichtverteidiger haben so gut wie nichts zu sagen, Sophie verzichtet auf ein Schlusswort. Die aus Ulm voller Verzweiflung angereisten Eltern weist der Blutrichter aus dem Saal. Nach knapp vierstündiger Verhandlung verkündet er das von allen erwartete Todesurteil: Landesverräterische Feindbegünstigung, Vorbereitung zum Hochverrat, Wehrkraftzersetzung - so lautet der Schuldspruch.

Sophie Scholl: "Das wird Wellen schlagen!"

In ihren Einzelzellen dürfen sich Sophie und Hans noch von ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder Werner kurz verabschieden. Sophie ist gefasst, lächelt sogar, sagt: "Das wird Wellen schlagen!"

Pfarrer Karl Alt spendet ihr das letzte Abendmahl. Von ihrem Verteidiger will sie nur wissen, ob Hans als Soldat das Recht auf Tod durch Erschießen habe und ob sie öffentlich gehenkt werde.

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Nach dem Krieg rühmt der Scharfrichter die Tapferkeit seines blutjungen Opfers 

Um 17 Uhr führt man die Verurteilte zur "Fallschwertmaschine", wie man die Guillotine eingedeutscht hat. Johann Reichhart, der Vollstrecker, verrichtet sein blutiges Handwerk. Innerhalb einer Stunde sterben die Geschwister Scholl und Christoph Probst. Am nächsten Tag schon muss der Chefscharfrichter des Reiches nach Wien, um weitere 15 Menschen zu köpfen.

Nach dem Krieg, als er für amerikanische Militärrichter arbeitet, wird er wiederholt die Tapferkeit seines blutjungen Opfers rühmen. Am selben Tag erhält der Berufsoffizier Fritz Hartnagel im Feldlazarett von Lemberg eine letzte Botschaft seiner toten Geliebten; aus dem Brief fallen violette Blütenblätter...

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