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1945: Der erste Sommer des Friedens

Zum Abschluss unserer Serie "Der Sommer meines Lebens" berichtet AZ-Reporterlegende Karl Stankiewitz aus dem Jahr 1945, als der Krieg endlich vorbei war.
| Karl Stankiewitz
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Ein amerikanischer Soldat steht 1945 in der Schützenstraße.
Ein amerikanischer Soldat steht 1945 in der Schützenstraße. © Stadtarchiv

München - Der Krieg war aus, die Schule im Sommer 1945 noch nicht wieder geöffnet. Um eine "Zuteilungskarte" für Lebensmittel zu bekommen, mussten wir Jugendlichen uns bei einem Amt melden, das kurzfristige Arbeit zuwies. Mein erster Job (den Begriff gab es allerdings noch nicht) war in der Wolfra-Apfelsaftfabrik weit draußen, wo sich jeden Tag in aller Früh ein kommunistischer Vorarbeiter herumstritt mit einem ehemaligen Hauptmann, der seinen Wehrmachtrock ohne Abzeichen trug, während ich heimlich Marmelade aus einem Rührkessel schleckte. Ein willkommenes "Nahrungsergänzungsmittel".

Auf dem Aushilfsarbeitsplatz wurde mein Käselaib gestohlen

Noch nämlich herrschte Hunger, der nur häppchenweise bekämpft wurde. Am 28. Juli beispielsweise wurde, laut Stadtarchiv, eine Zuteilung von 500 Gramm Zucker bekanntgegeben. Vorsorglich hatte ich eine eiserne Ration angelegt. Bei der stadtweiten Plünderung von gehorteten Waren am 1. Mai, am Tag nach der Befreiung, hatte ich zehn Flaschen hochprozentigen Arrak, einen Sack Zucker und einen wagenradgroßen Laib Käse erbeutet. Dieser wurde mir dann aber auf dem Bauernhof in Moorenweis bei Fürstenfeldbruck, wo mir der nächste Aushilfsarbeitsplatz zugewiesen wurde, aus der Knechtskammer geklaut.

Karl Stankiewitz 1946.
Karl Stankiewitz 1946. © privat

Beim folgenden Ernteeinsatz in Ampfing bot man uns jeden Tag dasselbe Kraftmahl: kalter Kartoffelbrei mit vollfettem Schwein.

In der fast kampflos übergebenen "Hauptstadt der Bewegung" selbst ging es um einen möglichst schnellen Übergang von der grausigen Hitler-Diktatur zur Demokratie made in USA. Reeducation und Non Fraternisation hießen die Gebote. Es ging ums Überleben. München war im ersten Nachkriegsjahr durch den Zustrom von Evakuierten, Flüchtlingen, Kriegsheimkehrern sowie Arbeitern, die nicht in ihre kommunistische Heimat zurück wollten, wieder auf über 750.000 Einwohner angewachsen. Sie musste ernährt werden.

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Erst am 21. Juli, genau zum Sommeranfang, wurde den alliierten Streitkräften erlaubt, sich auf öffentlichen Plätzen mit Deutschen zu unterhalten. Als Begründung war in den Blättern der Besatzer zu lesen: die Austilgung des Nationalsozialismus und die Entfernung prominenter Nazis mache große Fortschritte. Die auch sonst zu melden waren. Zwei Tage später gab die Militärregierung Reisegutscheine aus, der Vorortverkehr wurde im 50-km-Umkreis von München wieder aufgenommen. Meine Mutter nutzte die Möglichkeit, per Bummelzug mit Sackerl und Löffel aufs Land zu fahren: Dem Plündern folgte das Hamstern. Überlebens-Strategie. Manche Bürger sollen den Bauern ganze Teppiche gebracht haben, die dann Stuben und Ställe zierten.

Epidemien griffen in München um sich

Ab 1. August wurde der Zuzug nach München gesperrt, sogar Münchner, die im Krieg aus der Stadt herausgebracht worden waren, durften nur noch "schrittweise" heimkehren. Bei Verstößen drohte Entzug der Lebensmittelkarte. Es war aber auch höchste Zeit. Epidemien griffen um sich.

Vor allem die Tuberkulose mit monatlich hundert neuen Fällen beklagte Obermedizinalrat Dr. Schätz in der vierten Sitzung des Stadtrats als "dringendes Gespenst". Wahrscheinliche Ursache: Von den 1.799 Kalorien, die für einen ruhenden Menschen erforderlich sind, bekam dieser nur 1.180.

Außerdem war die Müllabfuhr und somit die Hygiene stark beeinträchtigt. Am 1. September setzte die Landesregierung unter Fritz Schäffer (CSU) im Einvernehmen mit der Militärregierung eine "Notsteuer" von 25 Prozent des Einkommens in Kraft. Durch den Ankauf von 223 Wagenladungen mit Getreide konnte die Brotversorgung bis Januar 1946 sichergestellt werden.

Dafür wurde nun aber schon im September ein erheblicher Brennstoffmangel für den Winter vorausgesagt und eine eigene Bezugskarte für Brennstoff gedruckt. Für allzu viele Münchner ein Signal, um mit der Axt zur Holzaktion in den Englischen Garten und in umliegende Wälder auszurücken. Sogar auf den städtischen Friedhöfen wurde diese Art Wilderei beobachtet, obgleich "strengste Bestrafung" angedroht war.

Kontrollierter Holzeinschlag: Als Lohn winkten Geld, ein Mittagessen und Bier

Am 26. September wurden alle Männer zwischen 16 und 55 Jahren, die nicht lebenswichtige Arbeit leisteten, aufgefordert, sich für den kontrollierten Holzeinschlag im Wald zu melden. Als Lohn winkten Geld, ein Mittagessen und Bier.

Bevor im Oktober unser Gymnasium in Schwabing wieder - mit einem Großteil der alten Lehrer und Büchern auf Englisch - den Unterricht aufnahm, wurde ich noch zum Roten Kreuz beordert, das Prinz Adalbert von Bayern leitete. In der "Zonenzentrale" im Lehel musste ich Suchkarten stundenlang mit Meldekarten abgleichen; mit Hilfe des Hollerithverfahrens sollten Familien, die Krieg und Vertreibung auseinandergerissen hatten, wieder zusammengeführt werden.

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Weil es sich dabei um eine "hoheitliche" Aufgabe handelte, musste ich, der 16-jährige Abiturient, einer von der Alliierten Militärregierung erlassenen Verpflichtung nachkommen, nämlich einen ellenlangen, zweisprachigen Meldebogen ausfüllen. Nicht weniger als 131 Fragen waren "carefully" zu beantworten: von der Augenfarbe bis zu etwaigen Verurteilungen ("List any crimes of which you have been convicted"). Natürlich ging es vor allem um die Zugehörigkeit zu Nazi-Organisationen.

Daraufhin teilte mir der Öffentliche Kläger bei der Spruchkammer München auf einem windigen Zettel mit, ich sei aufgrund der Angaben "vom Gesetz zur Befreiung vom Nationalsozialismus und Militarismus nicht betroffen".

Der Entnazifizierungsbescheid von Karl Stankiewitz.
Der Entnazifizierungsbescheid von Karl Stankiewitz. © privat

Unzählige Zeitgenossen in der US-Besatzungszone haben durch einen solchen Fragebogen persönliche Auskunft gegeben. Mehr oder weniger wahrheitsgetreu.

Was die Davongekommenen über sich und ihre etwaige Funktion im NS-Staat verrieten, bildete die Grundlage für die "Entnazifizierung". Sie wurde zunächst von Laiengerichten, sogenannten Spruchkammern, und erst später von der ordentlichen Justiz und anderen Institutionen geleistet.

Ein schnell und gern vergessenes Kapitel der deutschen Zeitgeschichte. Der Schriftsteller Ernst von Salomon hat 1950 anhand seines Bestsellers "Der Fragebogen" ein Stück Zeitgeschichte, seine persönliche Geschichte, zu rekonstruieren versucht. Und der kämpferische Demokrat Christian Springer hat erst kürzlich Probleme jener "Vergangenheitsbewältigung" durch eine Dokumentation im Hof des Isartors an Beispielen beliebter Schauspieler und Schriftsteller thematisiert. Der Sommer 1945 ist noch lange nicht verjährt.

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