120. Jubiläum des Müllerschen Volksbads: Baden im Münchner Barock

Ein Bad "hauptsächlich für das unbemittelte Volk": Die Geschichte des Müllerschen Volksbads, das vor 120 Jahren eingeweiht wurde, erzählt von AZ-Reporterlegende Karl Stankiewitz.
| Karl Stankiewitz
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Eine Postkarte des Volksbads aus dem Jahr 1910.
Eine Postkarte des Volksbads aus dem Jahr 1910. © Stadtarchiv

Seuchen haben manchmal auch Nutzen. Drei Cholera- und drei Typhus-Epidemien mussten die Stadt heimsuchen, bis aus der Bürgerschaft heraus, sehr unterstützt von Ärzten wie Max Pettenkofer, ein Hygiene-Bewusstsein erwachte. Dieses ging einher mit einer "Volksbadebewegung" in Europa. Vorbild war die englische Industriestadt Liverpool, wo 1841 in einem Arbeitervorort - auch dort nach einer Cholera-Epidemie - die erste öffentliche Badeanstalt in Betrieb genommen wurde.

Bald boomte vielerorts der Bau von privat finanzierten Bädern. Im Kriegsjahr 1870 meldete der "Neueste Wegweiser durch München und seine Umgebung" nicht weniger als neun Adressen, wo Männer und auch Frauen planschen und schwimmen konnten. Einige dienten hauptsächlich medizinischen Zwecken.

Schwimmen unterm Dach und zu jeder Jahreszeit war zum gesundheitspolitischen Thema Nummer eins geworden, nachdem auch so berühmte Ärzte wie Robert Koch und Rudolf Virchow als Mitglieder eines Fördervereins die Bedeutung dieser neuen Sportart propagiert hatten.

Eine Luftaufnahme von 1912, vorne noch ohne Deutsches Museum.
Eine Luftaufnahme von 1912, vorne noch ohne Deutsches Museum. © Stadtarchiv

1886  gab es erste Ideen für "Volksbäder"

Die "Brausebadpolitik", wie es abfällig hieß, genügte den anspruchsvollen Bürgern nicht mehr. Seit 1886 beschäftigte die Ratsherren und Architekten die Idee eines "großen Volksbades", das Stadtarchiv birgt fantasievolle Pläne. Doch das nötige Geld fehlte.

Da geschah gewissermaßen ein Wunder. Der wohlhabende Ingenieur Johann Karl Bernhard Müller schenkte der Stadt seine fünf - allerdings mit Hypotheken belasteten - Mietshäuser im Wert von 1,5 Millionen Mark mit der Auflage, vom Erlös die längst geplante Badeanstalt endlich zu verwirklichen.

Historischer Prachtbau: So sieht das Bad heute von außen aus.
Historischer Prachtbau: So sieht das Bad heute von außen aus. © Stadtwerke

"Deutschlands schönstes Jugendstilbad" wird es oft genannt

Vertragsgemäß erstand ab 1897 auf dem südlichen Teil der "Kalkofeninsel" an der Ostseite der Ludwigsbrücke ein ungewöhnliches Gebäude mit dem bis heute offiziellen Namen "Müllersches Volksbad".

Eröffnet wurde es als "erstes kommunales Hallenbad" am 9. Mai 1901 vom Münchner Bürgermeister Philipp Brunner. Der nach langem Suchen gewählte Standort an der Schnittstelle der Arbeiterviertel Haidhausen und Au entsprach ideal dem Wunsch des Mäzens nach einem Bad "hauptsächlich für das unbemittelte Volk".

Auch für die Stadtgestaltung insgesamt, die dem genialen Theodor Fischer oblag, bedeutete das Projekt eine wichtige Bereicherung. Professor Carl Hocheder, der bereits Schulhäuser, Kirchen und Industrieanlagen entworfen hatte, schwelgte in dem nach ihm benannten "Münchner Barock". Das Bad glich äußerlich fast einer Basilika, ockergelb wie die Theatinerkirche.

Städtischer Bauamtmann ließ Elemente des Jugendstils einbauen

In Zusammenarbeit mit sechs Künstlern ließ der Architekt und städtische Bauamtmann Hocheder (der später Stadtbaurat in Frankfurt wurde) außerdem Elemente des gerade aufblühenden Jugendstils in die schwungvoll aus Beton und Muschelkalk gestalteten Fassaden und Räume einfügen, was sich auch an den schmiedeeisernen Geländern, hängenden Lampen, eingefassten Fenstern, gewölbten Decken, hölzernen Kabinentüren, an Beschriftungen, Statuen, Kuppel und Turmuhr ausdrückt.

Für das einfache Volk - und dafür ganz schön herrschaftlich ausgestaltet: Blick auf die große Schwimmhalle im Müllerschen Volksbad heute.
Für das einfache Volk - und dafür ganz schön herrschaftlich ausgestaltet: Blick auf die große Schwimmhalle im Müllerschen Volksbad heute. © Stadtwerke

Eine ziemlich einzigartige Stilmischung, die damals als "Prototyp des neuen Jahrhunderts" gefeiert wurde. Die später, heute noch gern verwendete Bezeichnung "Deutschlands schönstes Jugendstilbad" halten die Stadtbild-Historiker Josef H. Biller und Hans-Peter Rasp zwar für ungenau, sie sehen in dem vielgestaltigen Bauwerk aber doch einen "beachtlichen Beitrag zur Architekturentwicklung vom Historismus zu sachlicher Strenge". Jedenfalls handelte es sich um einen Komplex, der sich trotz seiner imposanten Größe sehr gut in die durchaus noch wilde Flusslandschaft unter dem Gasteig einpasste.

Stolze 1,8 Millionen Goldmark kostete das neue Bad

Zugleich gelang dem Architekten Hocheder ein Funktionsbau, der zum Vorbild für den Bäderbau im Deutschen Reich werden sollte - im selben Jahr eröffnete etwa in Straßburg ein Volksbad mit zwei Schwimmbecken. Gekostet hat das Münchner "Jugendstil-Juwel" knapp 1,8 Millionen Goldmark, womit Müllers Schenkung mehr als verbraucht war. Die populäre Presse protestierte denn auch gegen das "Verschwendungssystem unseres prächtigen Bauamtes".

Teuer war vor allem die Technik. Das Wasser wurde aus dem malerischen, knapp 50 Meter hohen, im Krieg ausgebrannten Turmhelm gepumpt. Die beiden Schwimmbecken in den hohen, lichten, heizbaren Hallen hielten lange Zeit einen deutschen Größenrekord: Gut zwölf mal 30 Meter misst das Männerbad, gut zehn mal 17 Meter das Frauenbad mit etwas wärmerem Wasser.

Zeithistorische Darstellung badender Damen: Auch im Müllerschen Volksbad baden Frauen von 1901 an - strikt von den Männern getrennt.
Zeithistorische Darstellung badender Damen: Auch im Müllerschen Volksbad baden Frauen von 1901 an - strikt von den Männern getrennt. © Privatarchiv Karl Stankiewitz

Dampfbad und römisch-irisches Bad waren auch Teil des neuen Volksbads

Jedes bekam einen separaten Eingang und natürlich eigene "Auskleidezellen" sowie bequeme Kabinen. Man legte Wert auf "thunlichst Trennung der Geschlechter von der Kasse ab". Erst 1989 (!) wurde die Trennung nach Männlein und Weiblein von Amts wegen aufgehoben.

Energie und Dampf lieferte das benachbarte Muffatwerk (heute Konzerthalle). Das Volksbad bekam außerdem ein Dampfbad nach russischem Muster sowie ein römisch-irisches Bad (der irische Arzt Richard Barther hatte diesen Typ eines Römerbades 1856 aus dem Orient nach Cork verpflanzt). Das originelle Hundebad, aus dessen Fenster immer ein Bellkonzert mit viel Dampf herausdrang, machte 1978 zu. Die elektrischen Lichtbäder sind auch längst Vergangenheit.

Sogar Kaiser Wilhelm II. wünschte sich, hier zu baden

Schon im ersten Betriebsjahr registrierte das Müllersche Volksbad die "Abgabe" von 411 315 Bädern, bis 1911 verdoppelten sich die Besuchszahlen. Der Hallenbau war und blieb eine Sehenswürdigkeit, nicht nur für die Stadtbürger. Kein Geringerer als Kaiser Wilhelm II. wünschte, als er im September 1912 die Schackgalerie eröffnete, in diesem Gesundbrunnen des Volkes kurz mal baden zu gehen, natürlich tat es Majestät ganz ohne Volk.

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1980 bis 1984 renovierte die Stadt ihr Volksbad für 2,8 Millionen Mark. Aus dem Wartesaal der Damen wurde ein Café, aus dem Vorplatz im Freien, wo die letzten Kastanien einer früheren Allee so schön Schatten spenden, ein Bistro. Sanierungen nach 1990 legten Deckengemälde und Gewölbestuck frei. In einer Rede zur Neueröffnung 1992 wurde die alte Weisheit verkündet: "Baden ist nicht nur Schwimmen und Körperpflege, sondern auch die Reinigung von Körper und Seele."

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