Eggarten-Siedlung: Abriss "wie im Wilden Westen"

Nach einem Stopp letzte Woche entkernen Arbeiter weiter in einem der historischen Häusl im Eggarten in der Lerchenau. Das bringt Naturschützer auf. Und wo bleibt eigentlich das Fledermaus-Gutachten?
| Irene Kleber
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Aus für Fledermaus-Quartiere: Seit Dienstag reißen Arbeiter im Dachstuhl dieses Häusls in der Eggartenstraße 4 herum.
Aus für Fledermaus-Quartiere: Seit Dienstag reißen Arbeiter im Dachstuhl dieses Häusls in der Eggartenstraße 4 herum. © privat

Hasenbergl - Letzten Donnerstag noch hat die Polizei die Bagger gestoppt. Gegner der Eggarten-Bebauung hatten die Beamten informiert, dass an zwei der verlassenen historischen Häusl der ehemaligen Bahner-Kolonie im Inneren herumgerissen werde, ohne Rücksicht auf streng artengeschützte Fledermäuse.

Aber gleich nach Allerheiligen rückten die Bauarbeiter wieder an in dem verwunschenen Siedlungskleinod südlich des Lerchenauer Sees. Mit viel Staub und Getöse flogen ab Dienstag aus einem aufgebrochenen Dachfenster Bretter, Ziegel und Bauschutt.

Märchenhafte Kleingärten sollen 2.000 Wohnungen Platz machen

Die Eggarten-Freunde, Lokalpolitiker und Naturschützer sind aufgebracht. Und der Fledermausexperte Heinz Sedlmeier, Münchner Chef des Landesbunds für Vogelschutz (LBV), greift die Projektentwickler der geplanten Neubausiedlung und die Untere Naturschutzbehörde der Stadt scharf an.

Heinz Sedlmeier, Fledermaus-experte und Chef des LBV München.
Heinz Sedlmeier, Fledermaus-experte und Chef des LBV München. © privat

"Ich bin sprachlos, das ist ja wie im Wilden Westen", sagt Sedlmeier zur AZ. "Die Arbeiter hätten auf keinen Fall abreißen dürfen, die Untere Naturschutzbehörde hätte das untersagen und stoppen müssen, weil hier Artenschutzgesetze verletzt werden!"

Wie berichtet, wollen die Projektentwickler CA Immo und Büschl Unternehmensgruppe auf dem 21 Hektar großen historischen Kleinod in der Lerchenau fast 2.000 Neubauwohnungen bauen - und dafür den Großteil der rund 25 hundert Jahre alten Häusl (die meisten sind seit Jahren verlassen) bis zum Frühjahr abreißen, dazu später rund 1.000 alte Bäume fällen und die märchenhaften Kleingärten entfernen.

Nur drei der rund 25 historischen Häusl dürfen im Eggarten stehen bleiben, darunter dieses in der Daxetstraße, ein Pächter pflegt den Garten noch.
Nur drei der rund 25 historischen Häusl dürfen im Eggarten stehen bleiben, darunter dieses in der Daxetstraße, ein Pächter pflegt den Garten noch. © iko

Eggarten-Siedlung: Kolonie für Fledermäuse?

Die Pläne stoßen aber auf starken Widerstand. Eine Bürgerversammlung hat einen Planungsstopp für das Bauprojekt gefordert. Die Stadträte Tobias Ruff (ÖDP) und Dirk Höpner (München-Liste) haben Strafanzeige gestellt, weil ein Abbruch der Gebäude aus ihrer Sicht gegen das Bundesnaturschutzgesetz verstoße.

Auch der örtliche Bezirksausschuss appellierte an OB Dieter Reiter (SPD), keinen Häuser-Abriss zuzulassen, bevor nicht die Ergebnisse einer neuen Fledermaus-Untersuchung veröffentlicht sind, die die Bauherren in Auftrag gegeben haben - aber die noch kein Naturschützer zu sehen bekommen hat.

Denn Fakt ist: 2019 hat ein Gutachten des Biologen Ralf Schreiber zur Kolonie Eggarten ergeben, dass sich nicht nur Spechte, Bergmolche, Erdkröten, Frösche und Eidechsen auf dem Areal befinden, sondern "mit relativ großer Sicherheit" in den alten Häuschen auch Quartiere für Fledermäuse.

"Überall und immer" sind im Eggarten laut dem Gutachten Zwergfledermäuse - wie diese im Bild - nachgewiesen worden
"Überall und immer" sind im Eggarten laut dem Gutachten Zwergfledermäuse - wie diese im Bild - nachgewiesen worden © Stefan Masur, LBV

Laut dem Gutachten, das der AZ vorliegt, wurden neun Arten "sicher dokumentiert", darunter Rauhaut-, Weißrand-, Zwergfledermäuse und Große Abendsegler. "Viele Flüge konnten in Marder-, Daxet, Eggarten- und Feldbahnstraße gesichtet und aufgezeichnet werden", heißt es weiter.

"Wenn jetzt Häuser und Dachstühle entkernt werden, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass Fledermäuse getötet werden", sagt LBV-Mann Heinz Sedlmeier.

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"Vollkommen unmöglich, Fledermaus-Vorkommen auszuschließen"

Das neue Gutachten kommt offenbar zu einem anderen Schluss. "Es kommt zu dem Ergebnis, dass die Fledermäuse im Eggarten nur Jagd machen und die Häuser nicht als dauerhafte Quartiere benutzen", erklärt Philipp Heimerl, Sprecher der Projektentwicklung GmbH, der AZ. Das Papier habe man der Stadt im Sommer vorgelegt.

Auch hier, im Häusl an der Eggartenstraße 9, haben schon Entkernungsarbeiten begonnen. .
Auch hier, im Häusl an der Eggartenstraße 9, haben schon Entkernungsarbeiten begonnen. . © iko

Der Landesbund für Vogelschutz hat (wie der Bund Naturschutz) die Herausgabe des Papiers angemahnt - denn man hat Zweifel an einem solchen Urteil. "Wir halten es nach Faktenlage für vollkommen unmöglich, zwei Jahre nach den Erstgutachten Fledermaus-Vorkommen auszuschließen", sagt Sedlmeier.

Fledermausschützer sorgen sich aber, dass Tiere beispielsweise im Kellergewölbe Quartiere haben. Erkennbar haben aber Arbeiter auch hier schon entrümpelt und herumgerissen.
Fledermausschützer sorgen sich aber, dass Tiere beispielsweise im Kellergewölbe Quartiere haben. Erkennbar haben aber Arbeiter auch hier schon entrümpelt und herumgerissen. © iko

Vor einem Abriss hätten Schutzmaßnahmen ergriffen werden müssen, wie Nistkästen an anderen Häusln anzubringen. "Es wird ja jetzt kalt, die Fledermäuse müssen ins Winterquartier", sagt der LBV-Experte. "Sollte das Zweitgutachten nicht absolut schlüssig sein, stellen wir eine Strafanzeige gegen die Verantwortlichen."

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