Der große AZ-Check zur Kommunalwahl: Ist München schöner geworden?

Aufenthaltsqualität ist so ein Wort, das außerhalb der Rathaus-Mauern kaum ein Mensch in den Mund nimmt. Doch Stadtratsdebatten, Anträge und Beschlussvorlagen, die sich mit Münchens Straßen und Plätzen befassen, kommen selten ohne das Versprechen aus, die "Aufenthaltsqualität" zu steigern. Gemeint ist dann meist: Mehr Platz für Fußgänger, mehr Grün, mehr Sitzmöbel – und vielleicht auch mal ein Brunnen. Dafür kommen oft Parkplätze weg.
Bäume, Fußgängerzonen und mehr: Grüne und SPD hatten sich viel vorgenommen
Grüne und SPD hatten sich in dem Bereich in ihrem Koalitionsvertrag viel vorgenommen. Sie versprachen eine weitgehend autofreie Altstadt bis 2025, Fußgängerzonen im Tal, der Dienerstraße und in anderen Stadtvierteln. "Jedes Jahr wollen wir (...) mehrere Plätze und Straßenräume dauerhaft lebenswerter gestalten", kann man in dem Vertrag nachlesen. 500 Parkplätze sollten jährlich wegkommen, vor allem für Bäume. Was ist umgesetzt?
Das Tal ist keine Fußgängerzone geworden – und die Altstadt auch nicht autofrei. Inzwischen traut sich dieses Wort kaum noch jemand in den Mund zu nehmen. "Altstadt für alle" heißt das Konzept jetzt, das mit einer aufwendigen Bürgerbeteiligung entstanden ist. Die grundsätzliche Idee ist, dass eines Tages nur noch Anwohner, Wirtschaftsverkehr, Menschen mit einer Behinderung und Taxis am Straßenrand in der Altstadt parken. Besucher, die zum Einkaufen in die Altstadt fahren, sollen ins Parkhaus. Bisher ist das nur ein Konzept auf viel Papier. Der Stadtrat entscheidet über jede bauliche oder verkehrliche Maßnahme neu.
Autofrei? Abseits der Innenstadt nicht so viel passiert
In der Innenstadt sind neue Fußgängerzonen in der Löwengrube, der Dienerstraße und der Westenriederstraße entstanden. Bei weiteren Fußgängerzonen abseits der Innenstadt ist Grün-Rot nicht wirklich weitergekommen.
Ein Jahr lang war die Weißenburger Straße eine temporäre Fußgängerzone. Ob sie zurückkommt, ist unklar. Während Passanten die Fußgängerzone überwiegend begrüßen, sind Händler kritisch.
Seit 2021 hat die Stadt außerdem jedes Jahr mit den "Sommerstraßen" Fußgängerzonen in verschiedenen Vierteln getestet. Heuer wird das Projekt nicht wiederholt. Weil gespart werden muss. Aber auch, weil die Nachfrage in den Bezirksausschüssen, die Straßen vorschlagen, zurückgegangen ist.
Nicht umgesetzt hat Grün-Rot die Idee, sogenannte Superblocks wie in Barcelona, also verkehrsberuhigte Viertel zu schaffen. Für das Westend hat das Mobilitätsreferat Vorschläge erarbeitet. Heuer soll der Stadtrat entscheiden.
München hat ein paar neue Plätze, aber nicht alle sind fertig
Gleich mehrere Plätze jedes Jahr umzugestalten, hat das Rathaus nicht geschafft. Gleichwohl hat sich die Stadt verändert. Das prominenteste Beispiel ist der Max-Joseph-Platz, wo die Münchner seit einigen Wochen über eine Rasenfläche spazieren können.
Auch die Baustelle am Sendlinger-Tor-Platz ist beendet. Vor dem Kinobesuch noch ratschen, können die Münchner jetzt auch vor dem Museum Lichtspiele an der Zeppelinstraße viel besser als früher. Denn auch dort gibt es neue Bänke. Umgestaltet hat die Stadt auch den Giesinger Grünspitz und den Holzplatz im Glockenbachviertel. Im März soll der Partnachplatz (mit mehr "Aufenthaltsqulität") fertig werden.
Nicht mehr vor der Kommunalwahl wird der neue Willy-Brandt-Platz vor den Riem Arcaden fertig. Baubeginn war im Januar. Für 20 Millionen Euro bekommt der Platz unter anderem 100 Bäume und einen Brunnen.
Am 9. März beginnt der Umbau der Augustenstraße. Die Fußwege werden breiter, 17 Bäume kommen dazu. Für Autos gilt Tempo 20.
Heuer soll außerdem die Gestaltung des Maria-Nindl-Platz im Prinz-Eugen-Park starten. Dort sind ein Wasserspiel und 39 neue Bäume geplant. Mitte 2026 soll alles fertig sein.
3500 neue Bäume für die Stadt
52 Millionen Euro will das Rathaus für 3500 neue Bäume ausgeben. Das hat der Stadtrat Ende 2023 beschlossen. Laut Baureferat sind bis heute 1400 Bäume gepflanzt – und zwar in Grünanlagen und Straßenbegleitgrün. In diesem Jahr sollen außerdem 210 Bäume am Riemer See dazu kommen. Auch im Arnulfpark werden 77 Bäume eingesetzt.
50 Bäume wurden laut Baureferat 2025 auf versiegelten Flächen im Straßenraum gepflanzt. Heuer und in den Folgejahren sind laut Baureferat 150 neue Bäume am Straßenrand geplant. Auch in der Sendlinger Straße werden die ersten Bäume gepflanzt. Insgesamt hat Baureferentin Jeanne-Marie Ehbauer (Grüne) 150 mögliche Baumstandorte in der Altstadt ermittelt, die meisten in der Fußgängerzone. Günstig ist das nicht: Fünfstellige Beträge sind pro Baum notwendig – weil im Untergrund oft Leitungen liegen, die verlegt werden müssen. Allerdings rechnet das Baureferat mit hohen Förderungen von etwa 80 Prozent der Kosten.
Beim Thema Parkplätze sind die Ziele sogar übererfüllt
Die Forderung aus dem Koalitionsvertrag, dass jährlich 500 Parkplätze umgewandelt werden sollten, hat das Rathaus sogar übererfüllt: Zwischen Ende 2020 und 2025 wurden laut Mobilitätsreferat 3292 Parkplätze "umgewidmet". Nicht umgesetzt hat das Rathaus, die Idee den Stadtbach in der Herzog-Wilhelm-Straße freizulegen. Laut Baureferat fehlt noch ein Verkehrsgutachten aus dem Mobilitätsreferat.
Und das sagen die Parteien:
Christian Köning, SPD: Eine neue Donnersbergerbrücke

Mehr Grün, mehr Toiletten, mehr schattige Plätze. Diese drei Punkte seien der SPD am wichtigsten, sagt Parteichef Christian Köning. "Denn die Stadt wächst – da müssen wir auch die Aufenthaltsqualität fördern."
An welche Plätze der 37-Jährige konkret denkt? Zum Beispiel biete sich die Donnersbergerbrücke an, meint Köning. In spätestens 15 Jahren muss sie neu gebaut werden, weil sie den Belastungen der 150.000 Fahrzeuge, die jeden Tag über sie rollen, nicht mehr standhält. "Eine große Frage wird sein, was einmal unter der Brücke passiert", sagt Köning. Momentan ist dort ein Parkplatz. "Ich glaube, es gibt Möglichkeiten, das cooler zu gestalten", sagt Köning. Vorstellen kann er sich Boulderwände.
Ansonsten geht es, wenn man mit Köning darüber spricht, wo München noch schöner werden kann, vor allem um wenig prominente Orte. Vorantreiben wolle die SPD die Umgestaltung des Moosacher St.-Martins-Platz. Aus der Schotterfläche solle ein attraktiver Platz werden – mit einem größeren Kultursaal und viel Platz für Vereine, sagt Köning. Außerdem fordert er dort ein Azubi-Wohnheim.
Weit oben auf Könings Prioritätenliste steht außerdem der Max-Lebsche-Platz in Hadern. Dieser Platz müsse aufgewertet werden, findet er. Die Möglichkeit, das Haderner Dorffest dort durchzuführen, müsse bleiben. Um einen Treffpunkt zu schaffen und die soziale Infrastruktur zu stärken, solle dort auch ein Alten- und Servicezentrum realisiert werden.
Noch nicht entschieden hat die SPD wie es mit der Weißenburger Straße weitergehen sollte. Zwar hat die SPD eine Fußgängerzone dort früher immer gefordert. Doch nach dem Verkehrsversuch ist ihre Haltung differenzierter. Auch die ansässigen Geschäfte sollen eine Zukunft haben, findet SPD-Fraktionschefin Anne Hübner. Einige Gewerbetreibende klagten über Umsatz-Einbußen, als keine Autos mehr durch die Straße fahren durften. Die SPD will nun Gespräche führen und überlegen.
Florian Schönemann, Grüne: Ein neuer Platz in jedem Viertel

Die Grünen wollen, dass überall in München die 3-30-300 Regel greift. Was das ist, erklärt Grünen-Stadtrat Florian Schönemann so: Wenn man aus dem Fenster schaut, soll man mindestens drei Bäume sehen, 30 Prozent der Stadt soll von Bäumen verschattet werden und der nächste Park soll von jedem Zuhause aus nur 300 Meter weit weg sein. Noch ist das nicht überall in München so.
Und noch mehr haben sich die Grünen vorgenommen: "Wir wollen einen Platz in jedem Stadtteil umgestalten", sagt Schönemann. Hinterher soll es dort mehr Bäume, Sportgeräte und Trinkbrunnen geben.
Auch große, bekannte Straßen und Plätze wollen die Grünen so umgestalten, dass es dort im Sommer kühler ist. Zum Beispiel wollen sie mehr Grün auf der Ludwigstraße und dem Odeonsplatz. "Auch den Boulevard Sonnenstraße wollen wir vorantreiben", sagt Schönemann. Dahinter steckt die Idee, dass aus der Sonnenstraße eine grüne Flaniermeile werden soll – mit weniger Autofahrspuren.
An der Idee, in der Altstadt 150 Bäume zu pflanzen, halten die Grünen fest, sagt Schönemann. "Die Altstadt braucht mehr Schatten." Nur so kann sie aus seiner Sicht in Zeiten des Klimawandels, in denen es immer heißer wird, attraktiv bleiben.
Für Abkühlung sollen auch die Stadtbäche sorgen, die die Grünen an die Oberfläche holen wollen. Zum Beispiel floss früher durch die Herzog-Wilhelm-Straße beim Sendlinger Tor ein Bach. Initiativen, ihn hervorzuholen, gibt es schon seit Jahren. Und auch für die nächste Legislatur will es Schönemann nicht fest versprechen. "Denn den Bach nach oben zu holen, ist aufwendig, weil er so tief unter der Erde liegt." Es sei deshalb auch "nicht billig", sagt er. Langfristig halten die Grünen an dem Ziel jedoch fest.
Doch ist Geld nicht bei allen Umgestaltungen am Ende der Knackpunkt? In den nächsten Jahren werden die Stadtwerke ohnehin viele Straßen aufgraben müssen, um Fernwärme zu verlegen, sagt Schönemann. Dann müsse man immer gleich mehr Bäume mitberücksichtigen. Nicht vergessen dürfe man zudem: Für Baumpflanzungen fließen Fördergelder von Bund und Freistaat.
Eine Fußgängerzone in der Weißenburger Straße und im Tal wollen die Grünen weiterhin umsetzen.
Manuel Pretzl, CSU: Die Stadtbäche an die Oberfläche holen

Viele wissen es bei dem ganzen Streit in dieser Legislatur um Parkplätze womöglich gar nicht mehr: Die Fußgängerzone ist in den Jahren, als die CSU mitregierte, mehr gewachsen als in den vergangenen sechs Jahren grün-roter Stadtregierung. Daran erinnert CSU-Fraktionschef Manuel Pretzl. "Die Sendlinger Straße wurde zur Fußgängerzone. Und die auf dem Marienplatz wurde erweitert." Für weitere Fußgängerzonen in der Innenstadt sieht Pretzl jedoch kein Potenzial. Im Tal plädiert er für einen sogenannten "Shared Space", wo zumindest Anwohner und Lieferfahrzeuge parken dürfen.
"Wir setzen uns außerdem schon lange dafür ein, die Stadtbäche nach oben zu holen", sagt Pretzl. Die CSU habe schon vor Jahren Anträge gestellt, den Bach an der Herzog-Wilhelm-Straße an die Oberfläche zu holen. Auch Grüne und SPD stellten Anträge. "Doch getan hat sich gar nichts", sagt Pretzl. Für ihn ist das eine Frage der Prioritätensetzung: "Klar ist das aufwendig. Aber einen Altstadtradring zu bauen, ist auch aufwendig." Und dafür haben sich Grüne und SPD entschieden, nicht für die Bäche.
Dafür einsetzen will er sich außerdem, dass sich das Rathaus mehr um die Viertel abseits der Innenstadt kümmert. "Grüne und SPD haben Politik für die teuren Innenstadtviertel gemacht, für den Stadtrand haben sie wenig übrig." Denn schließlich sei der Max-Joseph-Platz begrünt worden. In Wohnvierteln sei wenig passiert. Unbedingt verbessern müsste die Stadt seiner Meinung nach den Walter-Sedlmayr-Platz in Feldmoching. "Der ist eine Betonwüste. Im Sommer ist es dort viel zu heiß."
Und damit ganz München noch schöner wird, fordert der CSUler mehr Sauberkeit. Beantragt hatte die CSU, dass der nächste Mülleimer immer bloß fünf Gehminuten entfernt sein sollte. Auch ein höheres Reinigungsintervall und Strafen, wenn jemand Müll auf die Strafe schmeißt, will Pretzl durchsetzen.
Tobias Ruff, ÖDP: Eine grüne Ludwigstraße

"Erbärmlich" nennt ÖDP-Chef Tobias Ruff den Zustand der Ludwigstraße: "Sie soll eine Prachtstraße sein, ist aber total von Autos dominiert." Es gebe kaum Cafés, die Aufenthaltsqualität sei gering. Ruff spricht sich deshalb für mehr Bäume und Bänke aus. Dafür müsse auf jeder Seite eine Fahrspur weg. "Wahrscheinlich ist das nicht mit dem Denkmalschutz vereinbar. Aber diese Diskussion muss die Stadt führen", findet Ruff, der für die ÖPD Münchner OB werden will.
Grundsätzlich will Ruff das Stadtbild allerdings bewahren. Er wollte einen Bürgerentscheid gegen die 155-Meter-Türme an der Paketposthalle durchsetzen. Die Stadt lehnte das aufgrund rechtlicher Bedenken ab. Eine Klage scheiterte. An seiner Haltung, dass er in München am liebsten eine Höhenbegrenzung von 60 Metern einziehen würde, hält Ruff trotzdem fest.
Zu langsam geht Tobias Ruff außerdem das Pflanzen von Bäumen voran. Ihn stört, dass nicht schon längst mehr Bäume in der Fußgängerzone gepflanzt wurden. Wichtig seien die Bäume vor allem, um die Stadt im Sommer abzukühlen. "Überall dort, wo das nicht schnell geht, fordern wir Nebelduschen und Sonnensegel", sagt Ruff.
Jörg Hoffmann, FDP: So wie Italien

Dass München in Zeiten des Klimawandels mehr Begrünung braucht – dem widerspricht der OB-Kandidat der FDP, Jörg Hoffmann, nicht. Nur will er eben nicht überall Bäume. Sein Vorbild seien norditalienische Städte. "Durch den Klimawandel soll es bei uns so heiß werden wie dort", sagt Hoffmann. "Nur stehen in Italien auch nicht überall Bäume und die Städte funktionieren trotzdem."
Die Ludwigstraße will er deshalb auch so lassen, wie sie heute ist. Ebenso den Marstallplatz. Am Probengebäude der Bayerischen Staatsoper befindet sich ein Fassaden-Kunstwerk, in dem sich der Platz spiegelt. "Das wurde mit hohem Aufwand gestaltet und darf nicht zerstört werden", findet Hoffmann.
An anderen Stellen will er München durchaus verändern: Zum Beispiel fordert der FDP-Chef, dass die Stadt ihre Bäche, die im Untergrund liegen und überbaut wurden, hervorholen soll – etwa in der Herzog-Wilhelm-Straße, der Sendlinger Straße und dem Tal. "Bisher ist das an den Bedenkenträgern im Rathaus gescheitert", meint Hoffmann. Auch die Idee, 150 Bäume in der Altstadt zu pflanzen, findet er gut. Allerdings hänge das von den Finanzen der Stadt ab.
Katharina Horn, Die Linke: Ein Central Park für die Sonnenstraße

Dass sich das Rathaus das Ziel gesetzt hat, dass 30 Prozent des Stadtgebietes im Schatten einer Baumkrone liegen sollen, findet Katharina Horn gut. Sie arbeitet als Geschäftsführerin für den Bund Naturschutz und will für Die Linke in den Stadtrat. "Allerdings sind wir jetzt gerade mal bei 20 Prozent", sagt sie. München müsse also Tausende Bäume pflanzen – und zwar aus ihrer Sicht viel mehr als die 1500, die der Stadtrat in dieser Legislatur beschlossen hat. "Das ist besser als nichts, aber das reicht bei Weitem nicht", sagt Horn. Denn noch immer fälle die Stadt zu oft Bäume für Baustellen – etwa für den Bau der Tram in der Heidemannstraße und für die U5-Verlängerung.
Vorantreiben will Horn im Stadtrat einen "Central Park" in der Sonnenstraße: Grün soll die ganze Straße durchziehen. Autospuren sollen dafür weichen. Das klingt ähnlich wie der Boulevard, den die Grünen wollen (siehe oben). Horn sagt, der Name sei ihr egal – Hauptsache, das Ganze werde umgesetzt. Auch die Ludwigstraße und einen Teil des Odeonsplatzes will sie begrünen.
Wichtig sei ihr, dass das Rathaus den Stadtrand nicht vergisst. Eine Aufwertung könne auch der Platz vor dem Mira-Einkaufszentrum im Hasenbergl vertragen.
