Interview

Debatte um Einfamilienhäuser: Wie sinnvoll ist ein Verbot in München?

In Hamburg Nord sollen keine Einfamilienhäuser mehr gebaut werden. Ob das auch für München sinnvoll sein könnte, erklärt der Mann, der das Verbot in Teilen der Hansestadt durchgesetzt hat.
| Christina Hertel
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Einfamilienhäuser soll es in Neubaugebieten in Hamburg Nord nicht mehr geben. Auch in München werden diese Häuser kaum gebaut.
Einfamilienhäuser soll es in Neubaugebieten in Hamburg Nord nicht mehr geben. Auch in München werden diese Häuser kaum gebaut. © imago images/U. J. Alexander

München - Die Deutschen sind die Nation der Häusle-Bauer, so sagt man. Derzeit entstehen pro Jahr laut Statistischem Bundesamt rund 100.000 neue Einfamilienhäuser. Angeblich soll es die beliebteste Wohnform sein. Sogar im teuren München werden Häuser gebaut: 635 Ein- oder Zweifamilienhäuser wurden 2020 in München fertig.

Die meisten entstanden am Stadtrand, in Pasing, Bogenhausen oder Feldmoching. Dabei muss man selbst im Münchner Umland Millionär sein, um sich ein Häuschen mit Garten leisten zu können. Zuletzt kostete ein Einfamilienhaus in Dachau laut Marktbericht des Immobilienverbandes Deutschland (IVD) im Herbst 2020 rund eine Million Euro.

München: Sollten noch Einfamilienhäuser gebaut werden?

Wenn es sich kaum einer leisten kann - wie sinnvoll ist es dann, dass überhaupt noch Einfamilienhäuser gebaut werden? Rund um diese Frage hat der Bezirksbürgermeister von Hamburg Nord Michael Werner-Boelz eine Diskussion entfacht. In seiner Heimat werden nämlich keine neuen Einfamilienhäuser mehr gebaut. Warum er sich dafür entschieden hat und was eine solche Regel für München bringen könnte, erklärt er im Interview.

Michael Werner-Boelz ist Bezirksbürgermeister in Hamburg und kennt München gut - denn er ist Löwen-Fan.
Michael Werner-Boelz ist Bezirksbürgermeister in Hamburg und kennt München gut - denn er ist Löwen-Fan. © Henning Angerer

AZ: Herr Werner-Boelz, darf ich fragen, wie Sie wohnen?
MICHAEL WERNER-BOELZ: Ich wohne zur Miete, aber zugegebenermaßen in einem 60 Quadratmeter kleinen Reihenhaus der städtischen Wohnungsbaugesellschaft SAGA.

In Hamburg Nord werden bald keine Einfamilienhäuser mehr gebaut

Anderen Menschen sprechen Sie den Komfort in einem Häuschen zu leben jedoch ab. In Ihrem Bezirk soll es keine Einfamilienhäuser mehr geben.
Das stimmt so nicht. Ich spreche diesen Komfort niemanden ab. Es ist auch in meinem Bezirk nach wie vor möglich, in einem Haus zu leben - zum Beispiel, wenn man ein bestehendes kauft. Wir verbieten - anders als nun häufig berichtet wurde - keine Einfamilienhäuser, sondern wir weisen bloß in neuen Bebauungsplänen keine neuen Einfamilienhäuser mehr aus. Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied. Wo bereits Bebauungspläne bestehen, kann man nach wie vor einen Bauantrag auf ein Einfamilienhaus stellen. Wenn es den Vorgaben entspricht, wird es auch genehmigt.

Wie oft kommt das vor?
Selten. Denn dafür kommen eigentlich nur Baulücken in Frage. In neuen Baugebieten erlauben wir tatsächlich nur noch Geschosswohnungen.

"Andere Kommunen sollten sich ein Beispiel an uns nehmen"

Deshalb wird Ihnen nun vorgeworfen, dass Sie die Menschen am liebsten wie zu DDR-Zeiten zu einem Leben im Plattenbau zwingen würden. Was entgegnen Sie?
Der Verband Norddeutscher Wohnungsbauunternehmer hat gesagt, andere Kommunen sollten sich ein Beispiel an uns nehmen. Ich glaube, das Ganze hat nichts mit Ideologie zu tun, sondern wie man mit den Fakten umgeht. Es sollte nicht normal sein, dass Familien 30 oder 40 Prozent ihres Netto-Einkommens nur für die Miete ausgeben müssen. Mein Ziel ist, dass Wohnen für alle wieder erschwinglich wird.

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Wie kann Ihre Regel helfen, die Mieten zu senken?
Mehr Geschosswohnungsbau führt dazu, dass mehr Menschen ein Dach über dem Kopf erhalten. In Hamburg gibt es einen jährlichen Zuwachs von 10.000 Menschen. Die müssen irgendwo unterkommen. Außerdem sind bei Geschosswohnungen die Baukosten niedriger - weil zum Beispiel die Erschließungskosten für Wasser, Straße und Abwasser auf mehr Parteien aufgeteilt werden können.

Im Einfamilienhaus leben Menschen auf rund 120 Quadratmetern

Sie sind Parteimitglied bei den Grünen. Was ist ökologisch daran, die Landschaft lieber mit Wohnblöcken zu pflastern, anstatt Gärten zu erlauben?
Es ist grüne Politik, mit der Ressource Boden bewusst umzugehen. In einem Einfamilienhaus leben die Menschen im Schnitt auf rund 120 Quadratmetern. Im Wohnungsbau ist es etwa die Hälfte.

Wie hat Ihre Regelung die Immobilienpreise in Ihrem Bezirk bereits verändert?
Eine große Veränderung gibt es bis jetzt nicht. Eine offizielle Regelung gibt es seit 2019. Sie war Bestand des Koalitionsvertrags zwischen Grünen und SPD in meinem Bezirk. Doch eigentlich war es schon zuvor so, dass wir keine neuen Bebauungspläne mit Einfamilienhäusern mehr verabschiedeten.

Bundesweite Debatte um den Hamburger Bezirk

Warum war es dann überhaupt nötig, eine offizielle Regelung daraus zu machen?
Wir haben es dann nur deshalb festgeschrieben, damit wir etwa am Rande des Bezirks Richtung Schleswig-Holstein nicht in Versuchung geraten, doch Einfamilienhäuser zuzulassen. Damals hat das eigentlich niemanden so recht interessiert, weil sich eigentlich nicht viel verändert hat.

Jetzt äußert sich dazu sogar der Grünen-Chef im Bundestag, Anton Hofreiter. Wie erklären Sie sich, dass die Debatte nun so hochgekocht ist?
Anfang des Jahres ist ein seriöser Zeitungsbericht zu dem Thema in der "Welt" erschienen. Allerdings wurde dieser Bericht online drei Wochen später mit einer reißerischen Überschrift versehen. Seitdem stehen bei mir weder Telefon noch E-Mail still. Alle möglichen Medien, sogar das belgische Fernsehen, tauchen hier auf. Mir hat das geholfen. Ich bin jetzt bundesweit bekannt.

"Wunsch nach einem Leben im Eigenheim gab es schon immer"

Haben Sie noch eine politische Karriere vor?
Nein, ich bin total glücklich mit meinen Job. Aber am Anfang hat die Debatte fast niemanden interessiert, insofern muss ich der reißerischen Überschrift fast dankbar sein. Denn sie hat Wind in die Frage gebracht, wie wir mit der Ressource Boden umgehen wollen.

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Auch in München sind die Flächen knapp. Sollte die Stadt auch beschließen, in Neubaugebieten keine Einfamilienhäuser mehr zu erlauben?
Es ist natürlich das Recht einer Kommune, das selbst zu entscheiden. In München sind die Immobilienpreise sogar noch extremer als in Hamburg. Deshalb gehe ich davon aus, dass auch München in neuen Bebauungsplänen in der Regel Geschosswohnungen ausweist.

Aus München sind zuletzt sogar mehr Menschen weg- als zugezogen. Viele von ihnen leben lieber auf dem Land. Führt Corona dazu, dass sich die Menschen nach einem Leben mit mehr Platz sehnen?
Ich glaube nicht, dass es da eine echte Trend-Umkehr gibt. Den individuellen Wunsch nach einem Leben im Eigenheim gab es schon immer. München ist wunderschön. Die Leute werden weiterhin dorthin ziehen. Die Frage ist also eher, wer sich das Leben dort leisten kann. Ein Eigenheim ist in einer Metropole mit einem Durchschnittskommen ohne Erbe für die allermeisten jedenfalls nicht möglich.


Das ist die Eigenheimlage in München

In Aubing sind im vergangenen Jahr 82 Einfamilienhäuser entstanden. Im Hasenbergl wurden 74 Einfamilienhäuser fertig. Sogar in der Au wurde eines gebaut. Insgesamt konnten in München 635 Ein- oder Zweifamilienhäuser bezogen werden. Vier Jahre zuvor waren es nicht ganz 30 mehr. All diese Häuser seien dort entstanden, wo bereits Bebauungspläne existieren. In Neubaugebieten würden keine Einfamilienhäuser mehr genehmigt, so sagen es Stadträte von der SPD, den Grünen, der Linken und der CSU. "In Bestandsvierteln kann die Stadt das nicht wirklich beeinflussen. Das entscheiden allein die Bauherren", sagt Christian Müller (SPD). "Oftmals wird aber auch hier mit Geschosswohnungsbau nachverdichtet, weil das rentabler ist."

"München hat noch krassere Probleme als Hamburg"

Einen festen Beschluss zum Eigenheim wie in Hamburg gibt es in München nicht. "Dabei hat München noch krassere Probleme als Hamburg", sagt die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Anna Hanusch. Das klassische Einfamilienhaus sei für sie in neuen Wohngebieten zwar nicht denkbar, die bestehenden Siedlungen will sie aber schützen. Auch für den CSU-Chef im Rathaus, Manuel Pretzl kommt es nicht in Frage, das Einfamilienhaus ganz zu verbieten. Er hätte sich sogar in neueren Siedlungen wie in Freiham vereinzelt Häuser vorstellen können, um Familien Wohnraum zu geben. Für Stefan Jagel von der Linken hingegen ist sogar die Eigentumswohnung ein Problem. Denn auch die können sich in München nur Reiche leisten, sagt er.

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