Das große Derblecken 2010: Barnabas’ Abrechnung

Von knallhart bis Tabubruch: Hohn und Spott gab es für die politische Elite Bayerns von Bruder Barnabas auf dem Nockherberg. Die Minen der Politiker: versteinert. Fazit: „Das war kein Derblecken“
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Gregor Feindt Illustration

MÜNCHEN - Von knallhart bis Tabubruch: Hohn und Spott gab es für die politische Elite Bayerns von Bruder Barnabas auf dem Nockherberg. Die Minen der Politiker: versteinert. Fazit: „Das war kein Derblecken“

Uff – dieser Tobak war so stark wie das Bier, das es dazu gab. Bruder Barnabas ist bei seiner Fastenpredigt auf dem Nockherberg hart an der Grenze zum guten Geschmack gewandelt. Der Ton pastoral, aber in der Sache knallhart. Brillant formulierte berechtigte Kritik – aber mit einigen Tabubrüchen, die das Publikum zum Teil verstörten. Michael Lerchenberg so radikal wie nie – er ging an die Wurzel, schlug aber auch über die Stränge. Seine Fasten-Attacken:

Auf die FDP

Die hat er – abweichend zum Manuskript – sogar schon in den Prolog eingebaut. Lerchenberg verteilte Maßkrüge an die Parteipolitiker – nur die FDP ging leer aus. „Vom Rausch der Macht haben wir genug“, lautete seine Botschaft an die Liberalen. Dann der erste Schlag gegen Westerwelle – „den billigen Jakob von der FDP, der seine Scherenschleifer-Goschen aufreißt.“ Dann schilderte er drastisch die sozialen Abrisspläne Westerwelles: „Alle Hartz-IV-Empfänger sammelt er in der leeren verblühten Landschaft, darum ein großer Zaun.“ Es gebe Wassersuppe, einen Kanten Brot, Pullover von Sarrazins Winterhilfswerk und „überm schmiedeeisernen Eingang bewacht von jungliberalen Ichlingen im Gelbhemd steht: ,Leistung muss sich wieder lohnen’. Diese Auschwitz-Assoziation passte nicht in eine Fastenpredigt und war auch nicht lustig.

Charlotte Knobloch, Vorsitzende des Zentralrats der Juden, fand Barnabas’ Äußerungen „nicht bedacht“ und „unter der Gürtellinie“. Auch Ministerpräsident Horst Seehofer fand den KZ-Gag „grenzwertig“. Oberbürgermeister Christian Ude wies Lerchenberg darauf hin, „dass jeder Vergleich mit dem Dritten Reich die Nazi-Zeit verharmlost.“

Über die bayerische Polizei

Barnabas wollte Innenminister Joachim Herrmann derblecken – traf aber die Polizisten: Er kritisierte die Einsätze in Ansbach, Solln und Regensburg, verstieg sich dazu, den erschossenen Studenten als „Geisteskranken“ zu bezeichnen. „Mit seiner Kritik am Einsatz in Solln hat er eine Grenze überschritten“, meinte Seehofer.

„Ganz Deutschland ist danach gegen Gewalt aufgestanden, da kann man es doch nicht darauf reduzieren, wer wie lange gebraucht hat.“ Wirtschaftsminister Martin Zeil fand die Kritik an der Polizei „ungerecht“.

Den bayerischen Ministerpräsidenten

Ein Leitmotiv der Rede war die Suche nach einem Seehofer-Nachfolger. Er machte sich über Stoiber lustig und rief Sepp Daxenberger als dessen Nachfolger aus. Grünen-Chefin Margarete Bause freute das – dem Publikum war weniger zum Lachen zumute, es war in Gedanken beim krebskranken Politiker.

Die bayerischen Regionen

Beschimpfungen für Mittelfranken, Schmähkritik fürs Oberland – Lerchenberg machte auch vom von der CSU gehüteten Regionalproporz nicht Halt. Das „Mittel“ in „Franken“ könne man auch mit „Scheiße“ übersetzen – eine nicht abwegige Interpretation von Barnabas’ Spitzen gegen Söder. Und Garmisch-Partenkirchen sei schon immer ein Synonym für „raffgierige Oberlandler“ gewesen.

FAZIT

Für viele im Saal war Lerchenberg zu weit gegangen. OB Ude knapp: „Das war kein Derblecken, das war eine Abrechnung.“ CSU-OB-Kandidat Seppi Schmid meinte, diesmal nicht das Florett, sondern den Säbel gespürt zu haben. Kunstminister Wolfgang Heubisch konstatierte, dass Lerchenberg „richtig draufgehauen“ habe. Für Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg war’s hingegen eine „niveauvolle Watschn“. Und für Claudia Roth hat er „den Finger in die vielen Wunden gelegt. Die Gesichter waren zu Recht wie versteinert.“

Vom Nockherberg berichten: Angela Böhm, Anne Kathrin Koophamel, Arno Makowsky, Katharina Rieger, Georg Thanscheidt

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