Angebot für Demente in München: Singen gegen das Vergessen

Der Förderverein für ältere Menschen Retla hat Sing-Gruppen für Demente ins Leben gerufen und sucht neue Mitstreiter.
| Ruth Frömmer
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Artikel empfehlen
Die Aufmerksamkeit ist ganz beim Gesangslehrer Jonas. Hochkonzentriert wird Strophe für Strophe geübt. Das macht den ganzen Tag schöner.
Die Aufmerksamkeit ist ganz beim Gesangslehrer Jonas. Hochkonzentriert wird Strophe für Strophe geübt. Das macht den ganzen Tag schöner. © ruf

München - "Die Affen rasen durch den Wald..." Na, wie geht's weiter im Text? Die Melodie haben Sie auf jeden Fall im Kopf, oder? Musik vergisst man nicht so leicht. 

"Wenn Jonas da war, sind alle den ganzen Tag lang fröhlich und aufgeschlossen" 

Schon gar nicht, wenn Jonas Häusler gerade da war. Der 25-Jährige studiert Gesang an der Musikhochschule und singt jeden Montag im Marion von Tessin Memory-Zentrum mit einer Gruppe von dementen Frauen und Männern.

Jonas Häusler zieht selbst viel Positives aus den Gesangsstunden.
Jonas Häusler zieht selbst viel Positives aus den Gesangsstunden. © ruf

Die Leiterin der Einrichtung Silvia Hille ist begeistert. Singen hebt nicht nur die Stimmung allgemein, sondern macht die Menschen ruhiger. "Wenn Jonas da war, sind alle den ganzen Tag lang fröhlich und aufgeschlossen. Und wenn dann einer zu singen anfängt, stimmen alle anderen mit ein."

Jonas Häusler hat die Liedtexte extra groß zum Lesen ausgedruckt

Aber sie betont, dass das Singen mit Demenz eine Beschäftigung ist und keine Therapie. Deshalb laufen die Stunden zwar konzentriert, aber sehr entspannt ab.

Jonas Häusler beginnt mit ein paar einfachen Stimmübungen und gibt Tipps für die Atmung. Anschließend bringen sich alle in die richtige Sitzposition und los geht's erst einmal mit lautem Lesen. Häusler hat die Liedtexte extra groß zum Lesen ausgedruckt - für alle, die ihre Brille vergessen haben.

Lesen Sie auch

Strophe für Strophe wird der Text im richtigen Rhythmus gesprochen und so auch gleich die Aussprache trainiert. Insgesamt vier Strophen vom Affenlied üben die Sängerinnen und Sänger. Da verrutscht der ein oder andere schon mal in der Zeile, aber das macht nichts. "Einfach weitersingen", motiviert Häusler die Gruppe, die jetzt extra aufgestanden ist, um alle vier Strophen zusammen zu singen. In der letzten Strophe vom Affenlied taucht die gesuchte Kokosnuss wieder auf und es wird richtig laut unter den Sängern.

Als Nächstes wird's etwas ruhiger. "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin", fängt das Loreley-Lied an. Wie's weitergeht, müssen die Sänger auf ihrem Textblatt nachlesen, aber auch hier schaffen sie am Schluss ganze drei Strophen. Den Lindenbaum ("Am Brunnen vor dem Tore") zum Abschluss kann die Gruppe zum Teil schon ohne Textblatt. Und dann ist die Stunde auch schon vorbei. "Dankeschön!", ruft eine Frau, "Das war nett!", eine andere.

Lesen Sie auch

Jonas Häusler: "Man bekommt auch was zurück"

Jonas Häusler macht die Arbeit mit den Dementen Spaß. Er leitet auch einen Chor mit geistig behinderten Kindern. "Aber die Arbeit mit den Dementen ist anders. Ich bin immer wieder überrascht, wie schnell die Sachen hier funktionieren", erzählt er nach der Singstunde.

Für ihn ist das Singen mit den Älteren eine persönliche Bereicherung, die er auch anderen Musikern ans Herz legen möchte: "Man bekommt auch was zurück. Die Leute freuen sich und sagen ihre ehrliche Meinung. Wenn ihnen etwas nicht gefällt, teilen sie mir das klipp und klar mit." Eine zweite Singgruppe gibt es bereits im Seniorenzentrum Lechrain.

Organisation Retla ist auf Spendengelder angewiesen

Judith Prem, Initiatorin der Organisation Retla, möchte noch viele weitere anbieten - und zwar deutschlandweit. "Man weiß inzwischen, dass Singen und Musizieren das emotionale Wohlbefinden steigert, die Lebensqualität verbessert und Stress und Depressionen reduziert. Wir von Retla freuen uns, dass die beiden Projekte so gut angenommen werden, und möchten deshalb weitere Singkreise ins Leben rufen."

Dafür ist sie aber auf Spendengelder angewiesen. Wer Räume zur Verfügung stellen kann, ist ebenfalls willkommen. Und natürlich Musiker, die Lust auf die Arbeit mit älteren Menschen haben - etwa Lehrer im Ruhestand, Kirchenmusiker oder Studenten. Kommunikative Menschen können als Telefonengel mit älteren Menschen telefonieren. Wer sich einbringen möchte, informiert sich auf der Webseite.


Name: Retla e.V.
Bank: Donner & Reuschel
IBAN: DE23 2003 0300 0011 2211 00
BIC: CHDBDEHHXXX
retla.org, Telefon: 089/18910025

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare – hier diskutieren Artikel empfehlen
0 Kommentare
Artikel kommentieren