Corona-Helden im Handel: So schlecht werden sie bezahlt

Sie haben in der Pandemie den Laden am Laufen gehalten, sogar die Kanzlerin lobte. Doch kaufen können sich Beschäftigen im Einzelhandel davon nichts. Ihre Löhne sind weiterhin niedrig.
| Stefan Lange
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Supermarkt-Beschäftigte wurden für ihren Einsatz zu Beginn der Corona-Pandemie gelobt, doch auf ihre Bezahlung hat sich das bis heute nicht ausgewirkt.
Supermarkt-Beschäftigte wurden für ihren Einsatz zu Beginn der Corona-Pandemie gelobt, doch auf ihre Bezahlung hat sich das bis heute nicht ausgewirkt. © picture alliance/dpa/dpa-tmn

Wer in diesen Tagen an einer Supermarktkasse sitzt oder Regale befüllt, der macht einen der schwersten Jobs, die es zurzeit gibt. Danke, dass Sie da sind für Ihre Mitbürger und buchstäblich den Laden am Laufen halten", lobte Kanzlerin Angela Merkel im März 2020. Damals stand die Corona-Pandemie am Anfang. Mittlerweile hat sich die Lage in vielen Bereichen wieder gebessert, dies gilt jedoch nicht für die Beschäftigten, denen die Kanzlerin und viele andere damals ein Loblied sangen. Im Gegenteil.

"Die Einzelhändler haben im Pandemiejahr 2020 ihr höchstes Umsatzplus seit 1994 verbucht, für die Beschäftigten hingegen gab es warmen Applaus", kritisierte die stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, Susanne Ferschl, im Gespräch mit der AZ. Sie blickt ärgerlich auf die Zahlen, die unter anderem aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage ihrer Fraktion stammen. Demnach bekommen offenbar 46 Prozent aller Beschäftigten im Einzelhandel weniger als 12 Euro brutto die Stunde. Im Osten liegt die Quote bei 53, im Westen bei 45 Prozent.

Bruttostundenlohn unter 12 Euro sind die Regel, nicht die Ausnahme

Auch in den finanziell eher besser gestellten Bundesländern gibt es kaum Abweichungen von dieser Quote. In Baden-Württemberg etwa müssen 42 Prozent der Einzelhandelsbeschäftigten mit weniger als 12 Euro brutto auskommen, in Bayern sind es 43 Prozent.

Diese Zahlen sind vom Statistischen Bundesamt veröffentlicht worden und basieren auf einer umfangreichen Unternehmensbefragung. Sie beziehen sich auf die Verdienststrukturerhebung (VSE) von 2018. Neuere Zahlen mit umfangreiche Daten zu den Bruttostundenlöhnen gibt es nicht, weil die VSE nur alle vier Jahre veröffentlicht wird. Aus Branchenberichten und weiteren statistischen Daten wird aber ersichtlich, dass sich die Niedriglohn-Quote seitdem eher noch verschlechtert hat.

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"Zwar gilt der Handel nun als systemrelevant, kaufen können sich die Beschäftigten mit ihren Armutslöhnen davon jedoch nichts", kommentiert Ferschl die Zahlen und ergänzt: "So wird aus Applaus eine Klatsche für die Helden des Alltags."

Den Statistiken zufolge geht ein niedriger Lohn meistens mit der Tarifflucht von Arbeitgebern einher. Den Einzelhandel trifft es dabei besonders empfindlich, die Bundesregierung verweist auf Zahlen des IAB-Betriebspanels.

Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ging der Anteil der Tarifbeschäftigten in der Gesamtwirtschaft von 60 Prozent 2010 auf 57 Prozent im Jahr 2015 und auf 51 Prozent in 2020 zurück. Die Kurve bei den Tarifbeschäftigten im Einzelhandel stürzte wesentlich steiler ab: Von 50 Prozent im Jahr 2010 auf 40 Prozent in 2015. Im vergangenen Jahr lag der Anteil nur noch bei 29 Prozent. Es zeigt sich, dass Beschäftigte in diesen Betrieben deutlich schlechter verdienen als solche mit Tarifvertrag.

"Niedriglöhne haben im Einzelhandel System"

Ferschl, die als langjährige Gewerkschafterin und Betriebsrätin Erfahrung gesammelt hat, bemängelt, dass "Niedriglöhne im Einzelhandel System haben". Lohndumping sei das Ergebnis massenhafter Tarifflucht.

Ein Befund, den so auch die Bundesregierung schon vor Jahren erhoben hat. "Unternehmen sollten mehr Tarifverträge mit den Gewerkschaften schließen", forderten Union und SPD im Juni 2016 bei einem Treffen von Gewerkschaften und Arbeitgebern im brandenburgischen Meseberg. Neben Kanzlerin Angela Merkel (CDU) saß damals als Wirtschaftsminister der SPD-Politiker Sigmar Gabriel dabei. Zwar wurden seitdem etwa die Rechte von Betriebsräten gestärkt. Schwarz-Rot unternahm gerade den Versuch, Pflegekräfte in die Tarifbindung zu bekommen. Doch der ganz große Wurf, die Zahlen zeigen es, blieb aus - und die Beschäftigten im Einzelhandel sind offenbar besonders weit abgehängt.

Ferschl sieht den Grund in einem "unerbittlichen Preiskampf, der zulasten der Beschäftigten, Produzenten und Kunden geht". Gute Arbeitsbedingungen seien Kostenfaktoren, die sich die Branche nicht leisten wolle.

Die Lösung liegt nach ihrer Ansicht klar auf der Hand: "Die Bundesregierung kann diesem einzig auf Profit gesteuerten Treiben ein Ende setzen und den Tarifvertrag dieser Branche für allgemeinverbindlich erklären." 

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