Veranstaltungsbranche und Corona: Achterbahnfahrt ins Ungewisse

Seit zwei Corona-Jahren hangeln sich die Produzenten von Musicals und Shows von einem Ersatztermin zum nächsten.
| Christoph Forsthoff
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Auch das Musical "Thriller LIVE" geriet in die Mühlen der Pandemie.
Auch das Musical "Thriller LIVE" geriet in die Mühlen der Pandemie. © picture alliance / dpa

Die politischen Aussagen von heute sind morgen schon Makulatur", stellt Dieter Semmelmann nüchtern, doch hörbar genervt fest. "Eine schlimmere Negativwerbung wie aktuell können wir nicht bekommen. Das ist frustrierend und macht mürbe." 

Langfristige Planungsperspektive bleibt ein frommer Wunsch

So wie dem Gründer von Semmel Concerts geht es fast allen in der Live Entertainment-Branche: Seit bald zwei Corona-Jahren hangeln sich die Tour-Produzenten von Musical-, Show- und Revue-Produktionen von einem Ersatztermin zur nächsten Verschiebung oder Absage.

Umsatzeinbrüche von bis zu 95 Prozent, Einbußen von rund 100 Millionen Euro wie bei dem bundesweiten Veranstalter Karsten Jahnke sind eher die Regel als die Ausnahme - und eine mittel-, geschweige denn langfristige Planungsperspektive bleibt weiterhin ein frommer Wunsch.

Ralf Kokemüller: "Man fährt weiterhin auf Sicht"

"Auch die jüngste Bund-Länder-Konferenz hat wieder keine Klarheit gegeben, weil die Beschlüsse nur auf 14 Tage gefasst worden sind und man weiterhin auf Sicht fährt", kritisiert denn auch Ralf Kokemüller. Was für den Vorstandschef der Mehr-BB Entertainment, der erfolgreich Großmusicals wie "Thriller" oder "Bodyguard" produziert und durch Deutschland und Europa schickt, bedeutet: Die Planungen von heute müssen hierzulande nicht nur den unterschiedlichen Auslastungs- und Zugangsbeschränkungen der jeweiligen Bundesländer angepasst werden, sondern können in zwei Wochen bereits wieder hinfällig sein.

Musical-Produktionen gegen Pandemie-bedingte Absagen versichert? Jetzt nicht mehr! 

"Bei Veranstaltungsabsagen übernimmt der Bund zwar einen Großteil der ausgefallenen Kosten, doch unter dem Strich bleiben zehn Prozent als Verlust bei uns selbst hängen", so Kokemüller.

Bis 2020 war es noch möglich, Musical-Produktionen gegen Pandemie-bedingte Absagen zu versichern - was Mehr-BB Entertainment etwa bei "Bodyguard" vor Millionen-Schäden bewahrte. Inzwischen bietet kein Versicherer mehr solche Policen an. Stattdessen bleibt nur der vom Bund im Frühjahr aufgelegte, 2,5 Milliarden Euro schwere Sonderfonds für Kulturveranstaltungen - samt des Risikos am Ende draufzuzahlen.

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"Geld zu verdienen, ist seit zwei Jahren fast nicht mehr möglich", konstatiert denn auch Semmelmann. Dabei war die Veranstaltungsbranche bis 2020 der sechstgrößte Wirtschaftszweig Deutschlands mit 1,5 Millionen Beschäftigten und einem Umsatz von fast 130 Milliarden Euro.

Veranstaltungsbranche laufen die Spezialisten davon

Doch angesichts der anhaltend ungewissen Zukunft haben sich gerade im Dienstleistungsbereich tätige Soloselbständige wie Bühnentechniker oder Auf- und Abbauhelfer zunehmend sicherere Jobs in Festanstellung gesucht - was die ohnehin gebeutelten Veranstalter nun noch vor weitere (Personal-)Probleme stellt.

Kein Wunder, dass sich bereits im letzten Sommer rund 70 Prozent der Unternehmen in ihrer Existenz bedroht fühlten und im vierten Quartal dann auch der Geschäftsklima-Index des Ifo-Instituts für den Sektor einbrach: Der düsterste Wert neben der Reise- und Tourismusbranche.

Große Tourneen haben Vorlaufzeiten von bis zu zwei Jahren

Dennoch sind Veranstalter wie Mehr-BB Entertainment nicht in Schockstarre verfallen, haben vielmehr seit dem Herbst den Neustart mit verschiedenen Touren gewagt: "Ob unser mutiger 'Restart' auch belohnt wird, muss sich in der Summe noch zeigen", räumt Kokemüller ein - in Frankfurt etwa musste das fünftägige Gastspiel der 20er-Jahre-Revue "Berlin Berlin" wegen positiver Corona-Testungen im Ensemble kurzfristig abgesagt werden, zudem brach das Weihnachtsgeschäft im Live Entertainment-Sektor um rund ein Drittel ein. "Unsere besondere Herausforderung ist nun einmal, dass die großen Tourneen und Produktionen Vorlaufzeiten von ein bis zwei Jahren haben."

Spiel mit dem unkalkulierbaren Risiko politischer Bauch-Entscheidungen

Das Publikumsinteresse war und ist auf jeden Fall vorhanden: 44 Aufführungen des Disney-Musicals "Die Schöne und das Biest" lockten Ende 2021 mehr als 40.000 Besucher in die Theater in Berlin, Bremen und Köln (mehr waren aufgrund der politischen Kapazitätsbeschränkungen nicht möglich). "Und dank unserer Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen hat es nicht einen einzigen Corona-Fall gegeben."

Was sein Kollege nur bestätigen kann: "Die Menschen nehmen alle zusätzlichen Kontrollen bereitwillig in Kauf, um endlich einmal wieder etwas Besonderes zu erleben", sagt Semmelmann. "In Berlin hatten wir kurz vor Weihnachten beim Roncalli Weihnachtscircus am Ende mehr als 40.000 Besucher."

Dennoch bleiben Tour-Produktionen ein (Rechen-)Spiel mit dem unkalkulierbaren Risiko politischer Bauch-Entscheidungen. Wirtschaftlich darstellbar seien solche Musicals, Shows und Revuen nur, wenn mit voller Kapazität gespielt werden könne, sagt Koopmans.

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Dieter Semmelmann: "Spätestens ab Februar wird unbedingt eine Perspektive gebraucht"

Schließlich brächten die notwendigen Hygiene- und Infektionsschutzmaßnahmen höhere Ausgaben mit sich - Branchenkenner kalkulieren mit rund 250.000 Euro bei einer mehrwöchigen Tour -, die samt der "ohnehin gestiegenen Material- und Personalkosten" die Gesamtkosten bis zu 30 Prozent in die Höhe getrieben haben. Mit der Folge, dass mittelfristig die Ticketpreise werden steigen müssen.

Kurzfristig indes werde spätestens ab Februar unbedingt eine Perspektive gebraucht, fordert Semmelmann. "Es kann nicht sein, dass wir nach zwei Jahren Pandemie nach wie vor Tourneen absagen müssen und keiner unserer angebotenen Lösungsvorschläge angenommen wird. Kultur ist systemrelevant und braucht eine klare und planbare Zukunft!"

Erste Branchenvertreter dringen daher auf einen "Marshall-Plan" für die Veranstaltungswirtschaft: Denn selbst wenn sich im Laufe dieses Jahres "das Thema Corona erledigt haben sollte", wagt Kokemüller einen Blick nach vorn, "wird es noch mindestens zwei bis drei Jahre dauern, bis wir wieder ein Vor-Corona-Niveau erreicht haben".

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