"Wanda, mein Wunder": Das originelle Ende der Ausbeutung

Die Schweizer Komödie "Wanda, mein Wunder" schaut mit ernstem Witz auf die soziale Kluft.
| Margret Köhler
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Agnieszka Grochowska schwebt als Wanda mit Charme, Liebreiz und Klugheit über dem großbürgerlichen Durcheinander.
Agnieszka Grochowska schwebt als Wanda mit Charme, Liebreiz und Klugheit über dem großbürgerlichen Durcheinander. © X-Verleih

Familie kann man sich nicht aussuchen, eine Binsenweisheit. Und von der Schweizer Familie Wegmeister-Gloor in ihrer prächtigen Villa am See möchte man auch nicht abhängig sein. Die Polin Wanda kann sich leider nicht aussuchen, wo sie als Pflegekraft landet. Sie muss ihre Eltern und ihre Söhne unterstützen und kümmert sich um den nach einem Schlaganfall körperlich eingeschränkten Pater Familias Josef (André Jung).

Polnische Pflegekraft landet in Schweizer Familie

Zusätzlich soll sie noch den Haushalt übernehmen für ein paar Fränkli mehr rund um die Uhr verfügbar sein. Schließlich verdiene sie vor Ort mehr als in der Heimat, so das knauserige Argument. Sie gilt als freundlich, zuverlässig und bescheiden, gibt sich mit einem Kellerzimmer zufrieden.

Josefs Gattin (Marthe Keller) lässt die Fremde spüren, wo ihr Platz ist: nämlich unsichtbar in der Küche, wenn Gäste eintreffen. Was niemand ahnt: Wanda verwöhnt den bettlägerigen Herrn sexuell und erhöht mit den zusätzlichen Scheinen ihr karges Salär. Als sie plötzlich schwanger wird, brechen bei der feinen Mischpoke verschwiegene Konflikte und emotionales Chaos aus.

Oberli greift das Thema soziale Diskrepanz als Komödie mit ernstem Hintergrund auf

Auch in Deutschland boomt der Markt für ambulante Pflege, gehören polnische Pflegekräfte zum Alltag. In bis zu 300.000 deutschen Haushalten sollen überwiegend Osteuropäerinnen ältere Patienten pflegen. Die Schweizerin Bettina Oberli greift das Thema soziale Diskrepanz als Komödie mit ernstem Hintergrund auf. Ohne in pädagogische Sozialkritik zu verfallen oder die moralische Klatsche rauszuholen, spielt sie mit Vorurteilen und Absurditäten und verdammt auch die Wohlhabenden nicht in Bausch und Bogen.

Die entsetzte Matriarchin, der etwas unbeholfene Filius (Jacob Matschenz), der sich in Wanda verguckt hat, die arrogante Tochter (Birgit Minichmayr), die ständig von "unserer Polin" faselt samt langweiligen Gatten: Sie alle können nicht raus aus ihrer Haut und fürchten um ihr gesellschaftliches Ansehen, kapieren erst spät, dass Wanda selbstständig ist und kein Opfer. Sie weiß um ihre Macht, auch wenn sie schweigt und Ungerechtigkeiten an sich abprallen lässt. Die junge Frau dient als Katalysator für verdrängte Probleme und sieht die Streitereien positiv: "Die sind nicht verrückt, sie sind Familie, das ist ein Beweis von Liebe", worauf der alte Josef nur trocken bemerkt "in Polen vielleicht".

Bei diesem doppelbödigen, mal lustigen und mal schmerzhaften Ensemblefilm stimmt alles, vom imponierenden Schauspieleraufgebot bis hin zur explosiven Atmosphäre und präzisen Figurenzeichnung. Und Agnieszka Grochowska in der Hauptrolle schwebt mit Charme, Liebreiz und Klugheit über dem Durcheinander.

Kino: Rio, Maxim und City, R: Bettina Oberli, (CH, 110 Min.)

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