Interview

Karl-Valentin-Programm von Michael Lerchenberg: Im Behördenterror

"Sturzflüge im Zuschauerraum": Michael Lerchenberg über sein neues Programm mit Einaktern von Karl Valentin im Hoftheater.
| Adrian Prechtel
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Michael Lerchenberg mit seinen Mitstreitern Florian Burgmayr (links) und Georg Gallinger.
Michael Lerchenberg mit seinen Mitstreitern Florian Burgmayr (links) und Georg Gallinger. © Gert Krautbauer

München - AZ-Interview mit Michael Lerchenberg: Der 1953 in Dachau geborene und in München aufgewachsene Schauspieler studierte an der Falckenberg-Schule, wurde Regisseur, Drehbuchautor, Autor und Intendant und ist auch ein Experte für bairisches Volksschauspiel.

Im Stemmerhof, gegenüber der Sendlinger Kirche gibt es seit ein paar Monaten das kleine Hoftheater. Lerchenberg bespielt es für sieben Abende mit seinem neuen Valentin-Programm: "Sturzflüge im Zuschauerraum" - der Originaltitel eines Sketchs von Karl Valentin, dessen Idee, mit einem Flugzeug im Theater herumzufliegen, von der Brandschutzpolizei unterbunden werden soll. Der Kampf mit Bürokraten und Verordnungen beginnt...

AZ: Herr Lerchenberg, in diesen Zeiten kann man ohne Phrasenhaftigkeit fragen: Wie geht's?
MICHAEL LERCHENBERG: Das Leben bleibt valentinesk. Ich kämpfe seit zwei Jahren mit einer kaputten Heizungspumpe. Ich hab' einen Handwerksbetrieb angerufen. Vater und Sohn sind im Blaumann vor der Pumpe gestanden und haben die angeschaut und die Pumpe hat sie angeschaut. Das war genau wie bei Valentins "Der reparierte Scheinwerfer": "Ja anschauen können wir's schon. Aber ob's vom Anschauen allein geht?"

Karl Valentin war also "fast wie im richtigen Leben".
Ja, genau wie das damalige Münchner Leben. Aber das galt noch lange. Als ich früher Trambahn gefahren bin - und die zuckelte länger vor sich hin als heute - und gehört habe wie sich da Fremde über Gott und die Welt unterhalten haben oder Ehepaare um des Kaisers Bart gestritten haben, da hatte ich meine alltägliche Valentin-Dosis live.

Michael Lerchenberg erzählt von der Unmöglichkeit von Theater

Karl Valentin hat sich ja immer mit den Behörden gestritten und sogar sein Theater aus Protest geschlossen, weil die Feuerpolizei verboten hatte, dass er mit einer Zigarette auftrat.
Das ist auch in meinem neuen Stück Thema: Es handelt von der Unmöglichkeit von Theater. Nicht nur, weil auf der Bühne was schief geht oder weil dem Geiger auf der Bühne die Geige gepfändet wird, was Karl Valentin wirklich passiert ist. Sondern eben durch Verordnungen und Behördenauflagen, was ja sehr aktuell ist. Die Polizei, die Feuerwehr, der Brandschutz, später die Luftschutzbehörde: Die haben den Valentin aufs Böseste schikaniert: Wie viele Musiker sind auf der Bühne zulässig? Dürfen die auch manchmal vor der Bühne sein? Darf ein Musiker auch einen Text aufsagen? Man hat ihm ständig irgendwelche bürokratischen Fußangeln ausgelegt. Er war mit seinem ätzenden, anarchischen Humor der Verwaltung und der Obrigkeit anscheinend sehr suspekt. Und wenn er nicht so eine paranoide Reiseangst gehabt hätte, wäre Valentin sicher nach Berlin oder sogar in die USA ausgewandert.

Dann kann man also seine Sketche für bare Münze nehmen.
Ja, wie beim "Firmling". Da hat Liesl Karlstadt einmal in einem Aufsatz geschrieben, dass das ein Zigarrenhändler aus der Ohlmüllerstraße war, der sich über den Anzug für seinen Buam freut, der frappanterweise gepasst hat, obwohl er nur ausgeliehen war.

Michael Lerchenberg: "Karl Valentin hatte immer zu kämpfen"

Trotzdem wirkt alles überzeichnet.
Weil Karl Valentin ja auf groteske Weise alles wörtlich nimmt. Der hätte "zum Richten" meiner Heizungspumpe halt gefragt, ob man da nicht besser einen "Richter" holen müsste als einen Klempner. Er ging mit Worten um, wie Weinconnaisseure, die einen Tropfen im Mund hin und her schwenken und kommentieren und zerlegen. So spielt er mit Worten in seinem Mund und Kopf - er prüft und variiert witzig, geistreich, genial.

Michael Lerchenberg: "Man muss spielen und die Fahne hochhalten"

Man sagt, Valentin sei am Ende sogar in Planegg verhungert, weil er als kauziger Eigenbrötler sich kein soziales Netz aufgebaut hatte.
Er hatte immer zu kämpfen. Das begann schon in den 20er Jahren auf dem Höhepunkt des Duos Karlstadt-Valentin. Ihnen sind - durch die aufkommenden Kinos und die Wirtschaftskrise - Brettl- und Volksbühnen, die es im großen Stil in ganz München gab, weggestorben.

Wie es jetzt in Corona-Zeiten wieder passieren könnte.
Klar: Mit nur 25-prozentiger Auslastung kann man nicht wirtschaftlich spielen, obwohl der Staat da noch mal ein Viertel drauflegt. Aber ich sage: Wer Kultur will, darf es sich nicht bequem machen, Staatshilfen kassieren und nichts machen. Man muss spielen und die Fahne hochhalten, und wenn sie nur ein Fähnchen ist! Wir müssen es wie die Schäffler nach der Pest machen: auf die Straße gehen und zeigen, dass es trotz Pest, Ärger und Tod noch Spaß gibt! Und es wird lange dauern, bis die Verunsicherung nachlässt und sich das veränderte Freizeitverhalten wieder einpendelt. Ich habe vor der Zeit nach Corona fast mehr Angst als jetzt.

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"Das Scheitern von Musik ist ein häufiges Thema bei Valentin"

Auf den Werbebildern zu "Sturzflüge im Zuschauerraum" sieht man Sie mit Blasinstrumenten.
Wir spielen auch Orchester-Szenen. Und von uns dreien auf der Bühne kann jeder mindestens noch zwei Instrumente. Ich selbst spiele Tuba, Posaune und Zither. Karl Valentin und Liesl Karlstadt waren auch gute Musiker. Zum Beispiel das Stück "Petersturmmusik". Es heißt so, weil früher am Alten Peter von der Balustrade ein Quartett gespielt hat. In Karl Valentins Szene fehlt plötzlich der vierte Mann - und es wird darüber hin und her sinniert, ob man ein Quartett auch zu dritt spielen könnte. Wenn man je mit Berufsmusikern zu tun hatte, erkennt man in dem Stück die neurotische Pedanterie, das Kapriziöse, die narzisstischen Befindlichkeiten sofort wieder. Das Scheitern von Musik ist ein häufiges Thema bei Valentin.

Auf dem Programm steht auch der Monolog "Loreley hat Lungenentzündung". Hat die aktualisiert Corona?
Nein, das kann sich dann jeder selber denken. Schon vor dem Ersten Weltkrieg war dieser Text von der Loreley entstanden, in dem sie sich da oben auf ihrem zugigen Felsen leicht bekleidet brutal erkältet. Und es gibt ja diese Fotos, wo Valentin mit seiner Leier klapperdürr im Loreleykostüm auf der Bühne sitzt. Dieser Monolog spiegelt Valentins ganze Tragik, der selbst an Asthma litt und ein Hungerhaken war. Er war 1948 aus der Zeit gefallen. Die Leute mochten in der Trümmerzeit seinen Humor nicht mehr und er stirbt hungernd und entkräftet an einer Lungenentzündung.


Hoftheater im Stemmerhof, Plinganserstr. 6, morgen, Mi und Do, 13.1. sowie 18. bis 22. Januar, jeweils 19.30 Uhr, 28 / 23 Euro, hof.theater.de und Abendkasse.

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