Peter Jacksons "Get Back": Zu Besuch bei den Beatles

Peter Jacksons "Get Back" zeigt die Aufnahmen an dem Album, das "Let It Be" werden sollte. Die Dokuserie ist zugleich sterbenslangweilig und sensationell.
| Dominik Petzold
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Ringo, Paul, John und George beim Konzert auf dem Dach des Apple-Gebäudes, rechts Yoko Ono.
Ringo, Paul, John und George beim Konzert auf dem Dach des Apple-Gebäudes, rechts Yoko Ono. © Apple Corps Ltd. All Rights Reserved.

Paul McCartney spielt einen Akkordwechsel auf seinem Höfner-Bass und improvisiert souligen Gesang. Es dauert keine Minute, da schält sich eine Melodie heraus. Bald steigen die anderen Beatles ein, spielen zu der Songskizze. Das klingt fad, doch sie proben weiter, immer weiter. Es klingt trotzdem fad.

Aber eines Tages kommt ihr Freund aus Hamburger Tagen ins Studio, Billy Preston. Aus dem Stegreif spielt er einen genialen E-Piano-Part - und zaubert ein ungläubiges Strahlen in die Gesichter von John Lennon und Paul McCartney. Denn urplötzlich klingt der Song gar nicht mehr langweilig, sondern wie der nächste Nummer-eins-Hit der Beatles: "Get Back".

Material, das nicht spektakulärer sein könnte

Bei all dem ist der Zuschauer in der gleichnamigen Doku-Serie hautnah dabei, bis hin zu dem Moment, als die Beatles am 29. Januar 1969 für ihren legendären letzten Auftritt auf das Dach ihres Bürogebäudes steigen. Dort donnern sie "Get Back" gleich dreimal in die Londoner Lüfte, drei Mal atemberaubend gut. Kurzum: Regisseur Peter Jackson konnte für seine dreiteilige Doku-Serie, die auf dem Streamingkanal Disney+ zu sehen ist, auf Material zurückgreifen, das nicht spektakulärer sein könnte.

Sein Kollege Michael Lindsay-Hogg hatte die Beatles im Januar 1969 bei Proben und Aufnahmen begleitet, geplant war ein TV-Special. Dessen Höhepunkt sollte ein Konzert sein, möglicherweise in einem Amphitheater in Libyen; doch nach endlosen Diskussionen entschieden sich die Beatles für das näher gelegene Dach in der Londoner Savile Row. Lindsay-Hogg produzierte aus seinen Aufnahmen den 81-minütigen Kinofilm "Let It Be", der kurz nach der offiziellen Beatles-Trennung 1970 ins Kino kam. Er zeigte so viel Streit und dicke Luft, dass er das Band-Ende treffend zu erklären schien.

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Insgesamt hatte er aber 60 Stunden Film gedreht, und die lagen jahrzehntelang in einem Tresor. Vor vier Jahren haben Paul McCartney, Ringo Starr und die Witwen ihrer verstorbenen Kollegen diesen für Peter Jackson, den Regisseur der "Herr der Ringe"-Trilogie, öffnen lassen. Als der nach seiner Sichtung McCartney berichtete, was er gesehen habe, war die Freude groß: Denn der erinnerte sich an die Sessions viel positiver, als die Welt und die Beatles-Forschung sie seit Lindsay-Hoggs Film betrachtet hatten - und Jackson konnte ihn bestätigen.

Natürlich weiß der Zuschauer nicht, was in den mehr als 50 Stunden zu sehen ist, die noch im Tresor liegen. Aber die acht Stunden, die Jackson zeigt, legen tatsächlich nahe: Diese Band war Anfang 1969 alles andere als am Ende, die Trennung zeichnete sich keineswegs zwangsläufig ab.

Mau ist die Stimmung nämlich nur in den ersten Tagen der Sessions. Da treffen sich die Beatles in den kalten Twickenham Filmstudios zum Proben, hier soll das TV-Special entstehen. Doch der Sound in den riesigen Hallen ist mies, und entsprechend lustlos spielt die Band vor sich hin.

Regisseur Peter Jackson
Regisseur Peter Jackson © Apple Corps Ltd. All Rights Reserved

Motiviert ist nur McCartney, was aber alles nur noch schlimmer macht: Als er George Harrison einen Vorschlag zu viel macht, fühlt der sich gegängelt und erklärt kurz vor der Mittagspause wie nebenbei seinen Ausstieg: "Wir sehen uns in den Clubs." Die anderen jammen danach einfach weiter, und Lennon erklärt lapidar: Wenn George bis Dienstag nicht zurück sei, rufe man eben Eric Clapton an.

Nicht euphorisch, aber freundlich

Schließlich überreden die drei verbliebenen Beatles Harrison doch zur Rückkehr, wenden den unseligen Filmstudios den Rücken zu und lassen sich im Keller des Gebäudes ihrer Firma Apple - nach der Steve Jobs später sein Computerunternehmen benannte - ein improvisiertes Studio einrichten.

Und dort ist die Stimmung wie ausgewechselt: Die vier arbeiten zwar nicht euphorisch, aber doch freundlich, respektvoll und vertraut an ihren neuen Songs. Die wollen sie anders als bei ihren letzten Alben ganz ohne Studiokunst live aufnehmen, so wie in den Anfangstagen.

Aber es klingt weiterhin nicht berauschend. Den entscheidenden Unterschied macht erst der brillante Keyboarder Billy Preston, der in den Hamburger Zeiten Anfang der Sechziger für Little Richard und später für Ray Charles arbeitete. In den Apple Studios will er seinen Kumpels nur Hallo sagen, doch Lennon engagiert ihn spontan als fünften Mann, und schon der erste Durchlauf von "Get Back" gibt ihm recht. Sofort wird der Sound fett, und die Beatles legen sich fortan ganz anders ins Zeug.

Und die Songs sprudeln ohnehin weiterhin nur so aus ihnen heraus, aus Lennon etwas weniger, aber aus Harrison und vor allem aus McCartney. Der setzt sich in diesen Januartagen immer mal wieder ans Klavier und spielt vor, was ihm gerade so eingefallen ist: Mal ist das "Let It Be", mal "The Long And Winding Road", mal "She Came In Through The Bathroom Window", mal "Golden Slumbers".

Paul McCartney, George Harrison - dessen Todestag sich vorgestern zum 20. Mal jährte -, Ringo Starr und John Lennon bei Proben in den riesigen Twickenham Filmstudios im Januar 1969.
Paul McCartney, George Harrison - dessen Todestag sich vorgestern zum 20. Mal jährte -, Ringo Starr und John Lennon bei Proben in den riesigen Twickenham Filmstudios im Januar 1969. © Linda McCartney

Der Bandboss will er aber keineswegs sein, wie ihm seither oft unterstellt wurde, auch das wird bei dieser Dokuserie klar. So schlägt etwa George vor, Pauls Song "Get Back" als Single herauszubringen. Und man erlebt auch, wie entspannt McCartney mit der bizarren Situation umgeht, dass Yoko Ono bei allen Sessions neben seinem Freund John sitzt.

Ein unmittelbarer Eindruck der Beatles

Fans konnten noch nie einen solch unmittelbaren Eindruck bekommen, wie John, Paul, George und Ringo miteinander umgingen und mit ihrer Entourage, wie sie gemeinsam arbeiteten, ja wohl in Ansätzen sogar: wie sie als Menschen waren. Das macht "Get Back" für Beatles-Fans zu einem sensationellen Ereignis, zu einem Dokument, wie es die Öffentlichkeit noch nie gesehen hat.

Das Problem ist nur: Die Zuschauer brauchen Ausdauer, Gleichmut und Zähigkeit, um all das herauszufinden. Denn Regisseur Peter Jackson, der selbstredend auch Beatles-Fan ist, hat sich von seinem überwältigenden Material selbst überwältigen lassen. Knapp acht Stunden ist eine irrwitzige Dauer für diese Doku - das Prinzip allen Erzählens, die Verdichtung, ist Jacksons Sache nur sehr bedingt.

Und so sieht man den Beatles stundenlang dabei zu, wie sie herumblödeln, wie sie ihre alten Songs verballhornen, wie sie uninspiriert Rock'n'Roll-Klassiker spielen, wie sie halbherzig herumproben, wie sie noch halbherziger mit Michael Lindsay-Hogg diskutieren, wo der geplante Auftritt denn nun stattfinden soll. So ist diese Rock-Doku, die Spektakuläres zeigt, über weite Strecken sogar für Fans sterbenslangweilig.

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Zumal es keinerlei Dramaturgie gibt: Jackson will Spannung suggerieren, indem er eine Deadline konstruiert, ein Datum, bis zu dem die Beatles die Songs für ihr Konzert arrangiert haben müssen. Nur ist von vornherein klar, dass sie diesen Auftritt jederzeit abblasen können. Und vor allem dürfte sich schwerlich ein Zuschauer finden, dem der Ausgang unbekannt ist.

Erst nach sieben Stunden, beim finalen "Rooftop Concert", wird "Get Back" dicht, fesselnd - und sogar lustig: Während die Beatles auf dem Dach eine sagenhafte Performance hinlegen, betreten zwei milchbärtige Polizisten das Apple-Gebäude. Dreißig Anzeigen wegen Ruhestörung seien bei ihnen schon eingegangen, sagt der eine bestimmt, bald werden sie hier Leute festnehmen müssen!

Auf einem Split Screen sieht man dann, wie die Spielfreude der Beatles weiter zunimmt, die Courage der Polizisten aber im selben Maße schwindet. Ja, man leidet richtig mit diesen beiden jungen Männern, die die populärsten Musiker aller Zeiten und Welten von Amts wegen mit dem Vorwurf "Lärmbelästigung" konfrontieren müssen. Wird sich die Staatsgewalt aufs Dach wagen?


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