Buch über Paul McCartney: Die ungebändigte Kreativität

Paul Muldoon hat mit Paul McCartney für "Lyrics. 1956 bis heute" Anekdoten, Fotos und Erinnerungen des Ex-Beatle sortiert.
| Dominik Petzold
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George Harrison (links), John Lennon und Paul McCartney 1958 bei Pauls Tante Jin in Liverpool. Der Zuhörer heißt Dennis und ist ein Freund von Tante Jins Sohn.
George Harrison (links), John Lennon und Paul McCartney 1958 bei Pauls Tante Jin in Liverpool. Der Zuhörer heißt Dennis und ist ein Freund von Tante Jins Sohn. © Mike McCartney

Was soll man mit dem Textzettel noch anfangen, wenn die Gesangsaufnahme fertig ist? Paul McCartney hat die Blätter oft einfach im Studio liegenlassen. Irgendwann begannen andere, sie für ihn zu sammeln, und schließlich wurde ihm auch selbst klar, dass seine Notizen einen gewissen Wert hatten: "Eines Tages bin ich im Britischen Museum herumspaziert und habe in einer der Vitrinen mein Original-Textblatt für ‚Yesterday' entdeckt", sagt der 79-Jährige, "da ist mir das dann schlagartig bewusst geworden."

Diese und 153 andere wertvolle "Lyrics" hat Paul McCartney jetzt in einem zweiteiligen Prachtband herausgegeben. Die Texte sind in nunmehr standardisierter Form abgedruckt, dazu kommen Abdrucke ebenjener Textblätter wie von "Yesterday", die er lange so achtlos behandelte. Er sei oft gebeten worden, eine Autobiographie zu schreiben, so McCartney im Vorwort, aber er habe weder Tagebücher noch Terminkalender, an denen er sich orientieren könne. Aber er habe eben diese Songs, die sein Leben umfassen.

600 teils nie gesehene Fotos und Memorabilia

Über ausgewählte 154 aus sechs Jahrzehnten - darunter erstaunlich viele wenig bekannte - hat er sich mit dem irischen Dichter und Pulitzer-Preisträger Paul Muldoon unterhalten: über ihre Entstehung und Inspirationsquellen, über die Zeit, in der er sie geschrieben hat. Diese Erinnerungs-Essays sind zielgenau bebildert mit 600 großteils nie gesehenen, wunderbaren Fotos und Memorabilia, die ein Archivteam für McCartney zusammengetragen hat - mehr als eine Million davon sind inzwischen katalogisiert.

Paul McCartney 1981 mit Stevie Wonder.
Paul McCartney 1981 mit Stevie Wonder. © Paul McCartney / Linda McCartney

So bietet dieses ganz eigene Werk "Lyrics" einen kaleidoskopartigen Einblick in das Leben und Werk von Sir Paul. Als Ersatz-Autobiographie lässt es sich dennoch schwerlich lesen, zumal die Songs alphabetisch sortiert sind. Aber auch eine chronologische Ordnung hätte keinen großen Unterschied gemacht, denn McCartney schweift bei vielen Songs auch in andere Zeiten ab, springt in seinen Erinnerungen umher.

Für Fans und Musikbegeisterte ist der Doppelband also eher ein wunderbares Werk zum Nachschlagen und Schmökern. Klar, vieles hat McCartney schon oft erzählt: wie er dem fünfjährigen Julian "Jules" Lennon Mut zusingen wollte, nachdem dessen Vater John die Familie verlassen hatte - aus "Hey Jules" wurde später "Hey Jude"; oder wie Dustin Hoffman ihn fragte, ob er einen Song über Picassos Tod schreiben könne und er aus dem Stegreif "Picasso's Last Words" komponierte.

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Das Tolle an "Lyrics" ist: Man kann sich mit etwas Fleiß erlesen, wie diese schier grenzenlose Kreativität in Gang kam. Da sind zunächst die fröhlich pfeifende Mutter Mary und der hochmusikalische Vater Jim, die die Musikbegeisterung des Jungen wecken, wie McCartney in seinem emotionalen Vorwort schreibt; dazu die ganze irischstämmige Sippschaft, die bei jedem Familienfest ausgelassen singt. Dann der engagierte Englischlehrer Alan Durband, der den jungen Paul für Sprache und Literatur zu begeistern weiß und als Beispiel taugt, was Lehrer in der Welt doch zu bewirken vermögen. Dann taucht John Lennon auf, 1957 bei einem Kirchweihfest, und die beiden Jungmusiker teilen den Ehrgeiz, sich ständig zu verbessern.

"Bis heute ist es mir ein Rätsel, wie das alles passiert ist"

Gemeinsam komponieren sie nach eiserner Regel: Nach drei, vier Stunden muss jeder Song fertig sein - und das gelingt ausnahmslos, bei jeder einzelnen Session. Grenzenlos neugierig sind später auch die anderen Beatles, keines ihrer Lieder sollte sich gleichen, so ihr Anspruch, so das Ergebnis. Und schließlich: Als sie ab 1966 bei ihren Aufnahmen experimentieren, verlieren sie nicht ihr Publikum, sondern werden nur noch populärer - und das setzt wiederum neue Kreativität und Entdeckerlust frei.

So schlüssig McCartney all das erläutert, blickt er doch auch ratlos auf seine einmalige Karriere: "Bis heute ist es mir ein Rätsel, wie das alles passiert ist." Das ist aber nicht kokett gemeint, im Gegenteil: McCartney spricht völlig unprätentiös, entspannt und uneitel über seine Gabe und sein Schaffen, die die Welt veränderten. "Die Eigenschaft, die Paul McCartney wahrhaftig groß macht, ist seine vielfach beglaubigte Bescheidenheit", schreibt Paul Muldoon in seinem Vorwort. Man glaubt ihm das gern, wenn man sich quer durch diese 900 Seiten liest.

Viele Längen - aber zahllose herrliche, britisch-humorige Anekdoten

Die haben auch viele Längen, Muldoon hätte redaktionell strenger eingreifen können, vor allem die Analysen der Texte sind oft wenig ergiebig. Dafür gibt es zahllose herrliche, britisch-humorige Anekdoten. Etwa wie McCartney Mitte der Sechziger kurzzeitig Klavierunterricht nahm und das brandneue "Eleanor Rigby" vorspielte: "Ich kann mich nicht erinnern, dass mein Lehrer besonders beeindruckt gewesen wäre. Er wollte mich nur wieder Tonleitern spielen hören."

Wie Tante Jin Mitte der Sechziger von Liverpool nach London reiste, um ihrem Neffen wegen seines Haschisch-Konsums ins Gewissen zu reden. Oder wie er Anfang der Achtziger vergeblich versuchte, den von ihm verehrten Stevie Wonder ("Er ist einfach Musik") ans Telefon zu bekommen, weil der seit Tagen nicht zum Videodreh von "Ebony And Ivory" erschienen war. "Hier ist Paul McCartney", erklärte er deren Assistentin, "wir kennen uns, wir haben zusammengearbeitet." Die hartherzige Antwort der Dame: "Also, er ist beschäftigt und darf nicht gestört werden."

John und Paul bei der Fotosession für das Cover von "Abbey Road" 1969.
John und Paul bei der Fotosession für das Cover von "Abbey Road" 1969. © Paul McCartney / Linda McCartney

Aus "Yesterday" hätte Paul McCartney fast einen Avantgarde-Song gemacht 

Quer durch beide Bände wird auch deutlich, wie wichtig John Lennon bis heute für McCartney ist und vor allem: wie kongenial sie sich als Künstler ergänzten. Und zu vielen Liedern, die sie gemeinsam schrieben oder die Paul in freundschaftlicher Konkurrenz zu John schuf, erfährt man eben doch Neues: So wurde ihm erst kürzlich bewusst, dass er bei seinem verehrten Lehrer Durband eine Hamlet-Passage auswendig lernen musste, in der eine Wendung vorkommt, die sich wohl in sein Unterbewusstsein geschlichen habe. In der düsteren Endphase der Band erschien ihm dann seine früh verstorbene Mutter Mary im Traum und riet sanft mit Shakespeare: "Let It Be".

Und aus "Yesterday" hätte McCartney fast einen Avantgarde-Song gemacht - er war zu der Zeit fasziniert von Delia Derbyshire, der Pionierin der elektronischen Musik. Paul setzte dann doch auf das Streicher-Arrangement zwischen Bach und Blue Note, das er mit George Martin ausgetüftelt hatte. Ob das Textblatt ansonsten im British Museum hängen würde?


Paul McCartney: "Lyrics. 1956 bis heute", herausgegeben von Paul Muldoon (C.H. Beck, zwei Bände, 912 Seiten, 78 Euro)

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