Interview

"EAVliche Weihnachten - Ihr Sünderlein kommet": Na dann, frohe Weihnachten!

Thomas Spitzer, Gründer der Ersten Allgemeinen Verunsicherung, hat mit Weggefährten eine Weihnachtsshow eingespielt, mit der die EAV vor 42 Jahren tourte.
| Volker Isfort
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"Ich habe ein junges Herz, wenn man es nicht aus medizinischer Sicht betrachtet", sagt Thomas Spitzer.
"Ich habe ein junges Herz, wenn man es nicht aus medizinischer Sicht betrachtet", sagt Thomas Spitzer. © Dominik Beckmann

Viele Jahre vor dem Ba-Ba-Banküberfall war Thomas Spitzer schon mit seiner Ersten Allgemeinen Verunsicherung unterwegs und spielte auch zu Weihnachten dort auf, wo die linke Szene tobte - also im Norden Deutschlands. In Dortmund nahmen sie ihre allererste Single mit dem rundfunk-untauglichen und deshalb auch selten gespielten Titel "Ich bin der geile Weihnachtsmann" auf. Den Süden sollte die EAV noch später nachhaltig kennenlernen. Seit 2019 ist die EAV Geschichte, aber Spitzer hat sich die alten Bänder der Weihnachtsshow angehört und beschlossen, den Spontispaß der späten 70er Jahre mit Urmitgliedern und Gästen wie Paul Pizzera, Christopher Seiler und Turbobier neu aufzunehmen.

AZ: Herr Spitzer, solange Sie noch EAV-Alben herausbringen, können Sie sich einreden, noch immer nicht richtig erwachsen geworden zu sein, oder?
THOMAS SPITZER: Das ist richtig und auch mein Motto für die Zukunft: Im Herzen jung zu sterben und nicht irgendwie verbiestert. Wobei ich sagen muss: Dieses Album ist kein Comeback, die Lieder stammen aus dem Jahr 1979. Teile der Ur-Crew von damals zu überzeugen, es doch einmal einzuspielen, war sehr einfach, aber der Klaus Eberhartinger hat weniger Zugang zu dem Anarcho-Spaß gehabt. Er kam ja auch erst ein paar Jahre später zur Band dazu. Der Wunsch, aus dem Anarchowerk einen Tonträger zu machen, ist 42 Jahre alt, aber jetzt hat es dann doch hingehauen. Corona hat dabei geholfen, sonst hätte ich die ganzen Leute vom Gert Steinbäcker bis hin zum Ostbahnkurti gar nicht zusammentrommeln können, die wären ja sonst auf Tour gewesen.

Wem gehört eigentlich die EAV?
Mir.

Ihnen allein?
Also samma beim Du bitte, ich fühle mich sonst so grausam alt. Das Schlimmste ist, wenn nach einem Konzert Menschen kommen, gestützt auf den Rollator und sagen: Ihr wart die Helden meiner Jugend.

Dafür geht es Dir noch gut, hätte auch anders kommen können.
Das lebenswandelbedingt schon. Aber ich habe ein gutes Regenerationsvermögen und ein junges Herz, wenn man es nicht aus medizinischer Sicht betrachtet.

"Zunächst wollte niemand von den 13 österreichischen Plattenfirmen ein Album mit uns machen"

Du lebst die meiste Zeit des Jahres in Kenia, ging das während der Pandemie?
Schon. Wir haben ja in den letzten drei Jahrzehnten die EAV-Alben immer in Kenia gemacht. Diesmal war es lange nicht sicher, ob Techniker kommen konnten. Aber wir haben dann im Frühjahr doch dieses Album mit den Gästen aufnehmen können. Und das war nach einer so langen Pause schon ein Luftröhrenschnitt in musikalischer Hinsicht, mit so jungen, frischen Leuten.

Du hast die EAV 1977 gegründet. Hättest Du gedacht, dass ein Sponti-Projekt so langlebig sein kann?
Ganz im Gegenteil. Wir hatten vom später ersten, sehr erfolgreichen Album schon alle Titel aufgenommen. Und obwohl damals noch die goldenen Zeiten der Musikindustrie herrschten, wollte zunächst niemand von den 13 österreichischen Plattenfirmen ein Album mit uns machen. Die haben gesagt: "Ihr macht schönes Kleinkunst-Rockkabarett, aber mit Euch kann man kein Geld verdienen." Wir waren ja mehr eine Studentenidee. Wir haben erfolgreich bei jedem Festival des politischen Liedes in der DDR gespielt, weil wir so als Agitprop-Theater gehandelt wurden. Wir kommen schon aus der nicht-konservativen Ecke. Aber in der DDR hieß es immer: "Also diese fünf Lieder dürft Ihr nicht spielen, weil die sind nicht nur amerikakritisch, sondern auch systemkritisch." Wir haben immer zugestimmt, die Lieder aber trotzdem gespielt. Dann sind wir ermahnt worden - und waren im nächsten Jahr wieder dabei.

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Du bist populär geblieben, obwohl sich das Humorverständnis in vier Jahrzehnten durchaus gewandelt hat.
Ja, ganz klar nach unten. Ich kann mich gut daran erinnern, dass wir bei der EMI in Köln waren. Das war die Mallorca-Zeit mit Liedern wie "Nackte Friseusen", und wir sollten in eine Abteilung mit DJ Ötzi, der ein lieber Kerl ist, aber... na gut, und Leuten wie Mickie Krause. Da habe ich gesagt, wir gehen wieder. Das ist ein Humorverständnis, das ich einfach nicht teilen kann. Wir konnten und wollten diese Unterleibsansprüche textlicher Natur nicht bedienen. Mit jedem Anarchofreak, der bei der EAV weggefallen ist, hat mir die Band ein bisschen weniger Spaß gemacht, wobei die Alben und die Tourneen inhaltlich sehr in Ordnung waren und nicht nur Geblödel. Wenn wir wirklich nur reduziert auf die sieben, acht Hits gewesen wären…

Immerhin sieben oder acht, andere haben den einen, den sie immer spielen müssen!
Das wäre ein Grund für mich, vorzeitig aus dem Leben zu scheiden. Aber das war auch der Grund, dass wir vor zwei Jahren aufgehört haben, allerdings mit einem fulminanten Abschied. Man muss nur sagen, dass man nie wieder kommt, schon kommen die Leute. Wir haben in München drei Mal Tollwood ausverkauft und waren noch einmal im Deutschen Theater. In Wien und Umgebung haben wir insgesamt vor 60.000 Menschen gespielt. Deswegen darf man auch nicht wiederkommen.

"Ich war nicht auf jedem EAV-Konzert dabei"

Fehlt Dir da gar nichts?
Ich bin das letzte Urmitglied. Und wenn man dann beim allerletzten Konzert auf der Bühne steht und denkt, so, das war es jetzt nach 42 Jahren, dann ist das schon hart. Aber ich habe auch neben der EAV für andere Menschen Musik machen dürfen, die nicht humoristisch geprägt war. Meine Textertätigkeit hat nicht aufgehört. Und ich war auch nicht auf jedem Konzert dabei.

Wieso das nicht?
Ich habe das Bühnenbild entworfen, die Kostüme, das Ganze mit angeschoben und bei jeder Tournee die ersten Konzerte mitgemacht. Aber wenn alles lief, haben wir den Gitarristen ausgetauscht. Ich hätte mir die EAV nie live angeschaut, aber einmal bin ich dann doch in ein Konzert, stand im Publikum und habe dann gehört, wie ein Besucher zum anderen sagte: "Trainierter sieht er nun aus, der Spitzer - und besser spielen tut er auch." Da wusste ich, ich gehe nicht wirklich ab.

Deine wirkliche Leidenschaft ist musikalisch eine Spur härter als die EAV?
Wenn eine Reinkarnation wirklich unvermeidbar sein sollte, dann würde ich im nächsten Leben eine Heavy-Metal-Band gründen - wobei dieses Leben hart genug war.

Warum dann jetzt die Weihnachtsplatte?
Das ist ein Liebhaberprojekt, reich wird man davon nicht und im Radio wird man die Songs auch nicht spielen.

"Es wäre bestimmt noch genug Material da für ein, zwei neue Alben von EAV"

Aber reich hättest Du ja schon vorher werden sollen.
"Wie gewonnen, so zerronnen und noch einmal von vorn begonnen", war immer mein Motto. So ist es auch gekommen. Im Archiv gibt es immer noch rund 100 Songs, es wäre bestimmt noch genug Material da für ein, zwei neue Alben von EAV, in irgendeiner Form.

Hat sich denn Dein Verhältnis zu Weihnachten entspannt in den vergangenen 42 Jahren?
Das ist ja kein reines Anti-Weihnachtsalbum, es entstammt halt der Anarcho-Zeit. Und wir haben das vornehmlich in Norddeutschland, in Hamburg und in Berlin gespielt, wo halt damals die Szene war. Da ging es in den Weihnachtsshows natürlich auch um Konsumkritik. Ich habe aber Weihnachten als Kind geliebt und selbst später, als ich schon alle Alkohol- und Drogenexzesse hinter mir hatte, habe ich meine Mutter gebeten, mit dem Glöcklein anzuzeigen, wann ich ins Wohnzimmer kommen kann. Ich wollte nie beim Aufputzen des Baumes dabei sein. Ich habe auch bis zu ihrem Tod vor acht Jahren mit ihr Weihnachten gefeiert. Und selbst wenn ich in Kenia in Badehosen Weihnachten feiere, muss irgendetwas Baumähnliches her, das wir dann verzieren.

Wo wird dieses Jahr Weihnachten gefeiert?
Mit dem Paul Pizzera in Kenia. Der ist - nach mir - der genialste Texter. Quatsch! Der ist in Österreich ein Superstar, der beste Kabarettist nach dem Hader, den Österreich je hervorgebracht hat. Und zusätzlich hat er seit fünf Jahren einen Hit nach dem anderen. Wir beide werden jetzt einen Monat in Kenia zusammen verbringen und schauen mal, ob uns gemeinsam etwas Kreatives gelingt.


"EAVliche Weihnachten - Ihr Sünderlein kommet" erscheint am 5. November

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