Münchner Kultur und der Lockdown: Zorn, Verzweiflung und viel Geld

Museen, Kinos, Theater - alles dicht: Im November gibt es keine kulturellen Veranstaltungen. Was Markus Söder genau verkündete - und was Münchens Kulturbranche zum Lockdown sagt.
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Alexander Krist in seinem neuen "Kristalli", das er gerade für seine Zaubershow umgebaut hatte. Jetzt muss er bis Dezember warten.
Alexander Krist in seinem neuen "Kristalli", das er gerade für seine Zaubershow umgebaut hatte. Jetzt muss er bis Dezember warten. © Foto Sigi Müller

München - Die bundesweiten Beschlüsse vom Vortag werden in Bayern zu hundert Prozent umgesetzt", sagte Markus Söder in der Pressekonferenz am Donnerstag. Geschlossen werden also ab kommenden Montag für voraussichtlich einen Monat alle Institutionen und Einrichtungen, die der "Freizeitgestaltung" zuzuordnen sind. Dazu zählt die Bayerische Staatsregierung Spielhallen, Spaßbäder und Bordelle, aber eben auch sämtliche Kultureinrichtungen wie Theater, Opern, Konzerthäuser, Kinos und Museen. Söder bezeichnete den Lockdown als "Vier-Wochen-Therapie".

Betroffene Unternehmen sollen entschädigt werden

Für die Kulturbranche gab es neben diesem Nackenschlag auch eine positive Nachricht: die Zusage des Bundes, die betroffenen Unternehmen für die Ausfälle zu entschädigen - wie auch die Solo-Selbständigen. Dafür werden zehn Milliarden Euro eingeplant. Berechnungsgrundlage sei der erzielte Umsatz vom November des vorigen Jahres.

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Der Bund plant, Unternehmen mit bis 50 Mitarbeiter 75 Prozent des Umsatzes zu zahlen. Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern erhalten bis zu 60 Prozent. Söder sagte, dass die Unternehmen somit wohl mehr Geld verdienen würden, als wenn es unter den bisherigen Corona-Maßnahmen weitergegangen wäre.

Kulturbranche bundesweit geschockt

Die bundesweite Kulturbranche zeigt sich vom neuen Lockdown dennoch geschockt. "Wir können alle nur inständig hoffen, dass der Patient Deutschland Herrn Söders Vier-Wochen-Therapie wirtschaftlich überlebt", sagt Christine Berg vom Hauptverband Deutscher Filmtheater. Nur wenn es die Finanzhilfen unbürokratisch und sofort gebe, würden Kinos diese "erneute Radikalkur" durchstehen.

Das sagen die Münchner Kulturinstitutionen zum neuen Lockdown

Münchner Kammerspiele, Intendantin Barbara Mundel: "Ich frage mich, wo wir in der Bundesrepublik angekommen sind, wenn man mit so wenig Sorgfalt mit Kunstfreiheit und Kunstausübung umgeht. Bei der Betrachtung von Kunst ist von 'Freizeitvergnügen' die Rede, Konzert- und Theaterräume werden in Spiegelstrichen neben Bordellen und Spaßbädern aufgezählt. Kunst ist ein hohes, durch das Grundgesetz geschütztes Gut! Fast keiner der verantwortlichen Politiker hat sich darüber in nennenswerter Weise Gedanken gemacht. Hinter den Bestimmungen steht ein bestimmtes Bild, was für eine Gesellschaft wichtig ist: Kunst ist es offenbar nicht. Es leuchtet mir auch nicht ein, welche Gefahren bei Theaterbesuchen lauern sollen. Das Pilotprojekt mit den 500 Zuschauern ist wissenschaftlich begleitet worden, es gab keinen Nachweis eines Infektionsherds im Theater. Wenn man das so weiter betreibt, haben die Menschen irgendwann so viel Angst, dass sie von selbst nicht mehr kommen. Sie gehen dann freiwillig in den Lockdown."

Gärtnerplatztheater, Intendant Josef E. Köpplinger: "Die politische Entscheidung, Theater und Konzertsäle zu schließen, finde ich systempolitisch falsch. Es wird Zeit, gemeinsam aufzustehen gegen diese blinde Verordnungspolitik, die unreflektiert ganze Branchen zerstört und völlig mutfrei generelle Schließungen Einzelfallprüfungen vorzieht."

"Jede Planbarkeit ist unmöglich gemacht worden"

Metropoltheater, Jochen Schölch: "Das Schwierigste an der Situation ist ja, dass sie als zeitlich begrenzt dargestellt wird. Aber es soll nach 10 bis 14 Tagen beraten werden, ob die Maßnahmen gegriffen haben oder eventuell verlängert werden. Das heißt: Jede Planbarkeit ist unmöglich gemacht worden. Wir können mit vielem umgehen, aber Kunstprozesse kann man nicht einfach herunterfahren und bei Bedarf wieder aufnehmen."

Münchner Philharmoniker, Orchestervorstand und Direktion: "Nach der Entscheidung beschreiben drei Worte unsere momentane Verfassung: Zorn, Verzweiflung und Frust. Niemand stellt in Frage, dass die Pandemie unter Kontrolle gebracht werden muss. Aus genau diesem Grund leisten wir - wie alle Konzerthäuser, Theater und Bühnen in Deutschland - seit Monaten unseren Beitrag. Für diese Bemühungen werden wir nun mit einem vorübergehenden Berufsverbot belohnt. Ob dieser harte Einschnitt tatsächlich rechtmäßig ist, wagen wir leise zu bezweifeln. Verstörend ist zudem das Verständnis der politischen Entscheidungsträger, Kunst und Kultur wahlweise als ,Freizeitgestaltung oder ,Unterhaltungsveranstaltung' aufzufassen. Die Zusage finanzieller Unterstützung der freien Künstlerszene ist immerhin ein Hoffnungsschimmer, wenn sie denn schnell ankommt."

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"Streaming-Programme spenden Trost"

Bayerische Staatsoper, Intendant Nikolaus Bachler: "Gerade in so schwierigen Zeiten sehnen sich viele Menschen geradezu nach Konzerten und Aufführungen. Weitere Streaming-Programme werden folgen, denn sie spenden Trost und geben Hoffnung. Wir starten am Samstag mit dem Live-Stream der Neuinszenierung von 'Die Vögel'."

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Arena und Monopol Kinos, Christian Pfeil: "Es ist ein Schlag für die Motivation aller meiner tapferen Mitarbeiter, die von Juni an Konzepte für die geforderten Hygienemaßnahmen erarbeitet und genau umgesetzt haben. Im Kino hat sich - im Gegensatz zu Kirchen - noch keiner angesteckt! Und jetzt sind wir wieder die Ersten, die dichtmachen müssen. Wenn uns jetzt versprochen wird, dass wir für den November 75 Prozent Förderung bekommen aufgrund des Umsatzes vom November 2019, kann ich nur sagen: Darüber entscheiden dann letztlich die unteren Bürokraten, die immer noch alles runtergerechnet haben. Meine Erfahrung - gerade auch aus den letzten Monaten - sagt mir: Das glaube ich erst, wenn das Geld auf meinem Konto ist. Ich werde im November jetzt erst einmal mein Arena-Kino fertig renovieren und dabei Dampf ablassen."

"Enttäuscht und traurig"

Kunsthalle München, Roger Diederen: "Kunst ist wichtig, aber Gesundheit geht vor. Muglers Traumwelt geht daher leider für vier Wochen in den Dornröschenschlaf. Aber dafür wird  'Thierry Mugler: Couturissime' bis 28. Februar verlängert."

Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Matthias Mühling: "Die Entscheidung, Museen erneut zu schließen, nehmen wir enttäuscht und traurig zur Kenntnis. Für viele Menschen bedeutet die Schließung von Museen einen Verlust an Lebensqualität. Kultureinrichtungen sind Orte der gesellschaftlichen Auseinandersetzung, nicht nur der Unterhaltung und Freizeit. Hier wird Demokratie gelebt und gestaltet. Als Museum sind wir auch eine Einrichtung, welche mit vielen externen Firmen und Dienstleistern verzahnt ist. Dahinter stehen Menschen, die nicht einfach ab- und wieder einbestellt werden können, als würde man einen Wasserhahn zu- und wieder aufdrehen. Für unseren Aufsichts- und Reinigungsdienst, das Kassenpersonal, die externen Vermittler und Unternehmen wird die Schließung enorme Belastungen bedeuten und Enttäuschungen produzieren."

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