Florian von Manteuffel: Im Steinbruch der Rolle des Danton

Noch eine Premiere im Residenztheater vor dem Lockdown: Florian von Manteuffel spielt die Titelfigur in Sebastian Baumgartens Inszenierung von Büchners "Dantons Tod".
| Michael Stadler
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Ja, genau so düster schaut's gerade in der Welt wie auch der Theaterwelt aus: Eine Szene aus "Dantons Tod" mit Florian von Manteuffel.
Ja, genau so düster schaut's gerade in der Welt wie auch der Theaterwelt aus: Eine Szene aus "Dantons Tod" mit Florian von Manteuffel. © Sandra Then

München - Da gewiss ist, dass es ab Montag einen "Lockdown light" geben wird, darf man durchaus ins Jammern geraten. "Mir geht's grad nicht so gut!", das Mantra von Argon, dem eingebildeten Kranken, ist passend für unsere Zeit. Der Musiker und Autor PeterLicht hat Molières Stück im letzten Jahr für das Residenztheater in die Gegenwart transportiert. Letzte Woche tauchte das Stück wieder im Spielplan und auf der Bühne auf - für zwei Aufführungen. Mehr wird es erst mal nicht.

Florian von Manteuffel: Großartige Diven-Show

Die Leidensphrase wiederholt Florian von Manteuffel auf der Bühne mit wunderbar nerviger Larmoyanz und zieht insgesamt eine großartige Diven-Show ab. Sein Argon ist ein Selbstbespiegler der Selfie-Ära, selbst-isoliert, weil er sich die Leute vom Leibe hält, wobei er gleichzeitig um ihre Aufmerksamkeit heischt. Das spärliche Publikum sei beides Mal "sehr gut" mitgegangen, erzählt von Manteuffel: "Aber klar, das ist schon ein trauriger Anblick, wenn man vor so wenigen Leuten spielt."

Florian von Manteuffel: Entspannt im Gespräch

Jetzt, kurz vor dem "Lockdown light", steht noch mal eine Premiere für ihn an: Danton, die berühmte Titelfigur von Büchners "Dantons Tod", verkörpert von Manteuffel in einer Inszenierung von Sebastian Baumgarten. Und auch wenn er damit eine weitere Hauptrolle auffrischt, fühlt er sich gar nicht mal gestresst. Vielmehr entspannt, freundlich und etwas zurückhaltend wirkt er beim Gespräch in der Kantine des Residenztheaters. Von Diva keine Spur, obwohl man ihn als Star bezeichnen kann.

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In München konnte man Florian von Manteuffel als Argon und Amphitryon erleben, als spleenigen Arzt in Ulrich Rasches "Woyzeck" und als einen der schluffigen Kerle in Simon Stones Update der "Drei Schwestern". Auch bei der Saisoneröffnung unter dem neuen Intendanten Andreas Beck vor einem Jahr mit Ewald Palmetshofers "Die Verlorenen" war von Manteuffel dabei: als brav bebrillter Ex-Gatte der weiblichen Hauptfigur. Ein komischer Typ. "Tragikomisch" präzisiert von Manteuffel. In diesem Bereich wird er häufig eingesetzt, möchte aber natürlich darauf nicht festgelegt werden.

Florian von Manteuffel zeigt seine ernsthafte Seite

Mit Danton kann er nun auch eine andere, ernsthafte Seite zeigen. Dabei konnte er sich auf die Rolle und den politischen Hintergrund des Stücks "dank" Corona ausgiebig vorbereiten: Sebastian Baumgartens Inszenierung sollte im Mai vom Stapel gelassen werden, die Premiere wurde aber nach Ausbruch der Pandemie auf weiteres verschoben. Zwei Voraufführungen gab es Ende Juli. Jetzt findet die Premiere endlich statt.

Ähnlich wie bei Molière kann man nun bei Büchner Sätze entdecken, die sich leicht auf eine virulent vereinzelte Gesellschaft beziehen lassen. "Wir sind Dickhäuter", sagt Danton gleich zu Beginn des Stücks. "Wir strecken die Hände nacheinander aus, aber es ist vergebliche Mühe, wir reiben nur das grobe Leder aneinander ab - wir sind sehr einsam."

"Der Aufprall findet zwischen den Köpfen statt"

Dieses Dickhäuter-Gefühl kennt wohl jeder, wobei von Aneinander-Reiben nicht mehr die Rede sein kann. "Ich finde es aber manchmal gar nicht so schlecht, wenn die Leute sich auf der Bühne nicht ständig anfassen. Gerade bei Büchner geht es um einen Widerstreit verschiedener philosophischer und politischer Ideen. Der Aufprall findet zwischen den Köpfen statt."

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Auch dem Hedonismus, den die Lebemänner Danton und Argon teilen, kann von Manteuffel Positives abgewinnen: "Hedonismus finde ich gut! Der bezieht sich ja nicht nur auf den Alkoholkonsum und die Sexualität, sondern darauf, dass man an allem Möglichen interessiert ist: an anderen Speisen, Kulturen, Menschen. Danton genießt das Leben, hat aber die Situation des Volkes im Blick. Im Gegensatz zu Robespierre, der die Revolution blutig weiterführen will, findet er, dass endlich eine neue Linie gefahren werden muss."

Das sagt Florian von Manteuffel über seinen Danton

Büchner siedelte sein Drama von Ende März bis Anfang April des Jahres 1794 an, als Robespierre und seine Gefolgsmänner die Köpfe ihrer Gegner noch haufenweise rollen ließen. Dass Danton sich mit seiner Gegenbewegung nicht in Gefahr sieht, ebenfalls unter die Guillotine zu kommen, zeigt sich in einem Satz, der sich ähnlich wie das "Mir geht's nicht so gut!"-Mantra Argons durch das Stück zieht: "Sie werden's nicht wagen" stellt Danton immer wieder fest. Ein fataler Irrtum. "Er ist einfach zu sehr von sich eingenommen. Er ist zu stolz, Kompromisse einzugehen. Die Revolution hat ihm ja auch viel zu verdanken, aber er verpasst den Moment, seine Strategie zu ändern und sich zu retten."

Mit Sebastian Baumgarten, der seit 2013 den Studiengang Regie an der Theaterakademie August Everding leitet, hat von Manteuffel bereits einen guten Draht etabliert. Am Schauspielhaus Stuttgart arbeiteten sie bereits zusammen, 2009 bei Baumgartens Inszenierung von Mikhail Bulgakows Drama "Die Flucht", 2012 bei seiner Adaption von Sartres Drehbuch "Das Spiel ist aus". Kennzeichnend für Baumgarten ist vor allem der intensive Einsatz musikalischer Elemente: "Er macht ja auch Musiktheater", erzählt von Manteuffel. "Unser Sprechen wird durch die Musik teilweise stark rhythmisiert, wobei ich das nicht als Einschränkung empfinde, sondern als willkommene Stütze."

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Dass Corona für Missklänge in seiner zweiten Spielzeit am Residenztheater gesorgt hat, bedauert von Manteuffel nicht nur für sich, sondern das ganze Ensemble: "Wir hatten bislang wenig Chancen, uns zusammenfinden. Klar, es gab Treffen auf Zoom und einzelne Begegnungen auf der Bühne, aber im Grunde stehen wir noch am Anfang. Wir haben noch viel vor uns."

Zuvor ist er Intendant Andreas Beck von einer Station zur nächsten gefolgt: Zwei Jahre war von Manteuffel im Ensemble des Schauspielhauses Wien, dann vier Jahre im Ensemble des Theaters Basels, beides Mal unter Beck. Die Basler Dramaturgie mit ihrer programmatischen Ausrichtung auf die Aktualisierung von Klassikern, die Beck gemeinsam mit seinem Dramaturgie-Team in Basel etablierte, ist ganz nach Florian von Manteuffels Geschmack. "Man kann schon sagen, dass Andreas Beck mein künstlerischer Vater ist."

So emanzipierte sich Florian von Manteuffel von seiner Familie

Dabei wurde er als Sohn einer Schauspielerfamilie in München geboren. Sein Vater Felix, einer der ganz Großen der Zunft, wurde an der Otto Falckenberg Schule ausgebildet und spielte von 1972 bis 1984 im Ensemble der Kammerspiele, zunächst unter Hans-Reinhard Müller, dann unter Dieter Dorn. Für Florian von Manteuffel war die Verwandtschaft nicht immer ein Segen: "Da sprichst du in München vor und die Prüfer sagen zu dir: ,Mei, du hast ja die gleiche Stimme wie der Felix. Wahnsinn!' Und ich dachte mir, danke, das war's dann wieder." Nachdem er an ein paar Schauspielschulen in die letzte Vorsprechrunde kam, aber letztlich nicht reüssierte, schlug von Manteuffel kurzerhand eine andere Laufbahn ein, auch, um sich von seiner Familie zu emanzipieren.

In Würzburg ließ er sich zum Steinmetz und Bildhauer ausbilden, merkte aber bald, "dass mich das Theater nicht losließ." An der Münchner "Schauspiel", einer privaten Schauspielschule, die der heutige Intendant des Schauspiels Stuttgart, Burkhard C. Kosminski, leitete, wurde von Manteuffel angenommen. Eines von drei Ausbildungsjahren durfte er sogar überspringen und hatte prompt sein erstes Engagement am Theater Bielefeld: "Dann kamen Stuttgart, Wien, Basel und jetzt München."

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Was der Schauspieler mit dem Bildhauer gemeinsam hat

Sein Schauspielerbe ist für von Manteuffel kein Problem mehr: "Jeder schaut jetzt die Vorstellungen des anderen an: Ich schau meinen Vater an, er mich, meine Mutter schaut mich an und so weiter." Der Profession des Bildhauers ist er nie wirklich nachgegangen, sieht aber Parallelen zu seinem heutigen Beruf: "Beim Proben haut man ja auch alles weg, was unnötig ist, und versucht, aus dem Material das herauszuholen, was in ihm versteckt liegt."

Ob er diese Essenz in Danton gefunden hat, wird sich bei der Premiere zeigen. Am Samstag ist die zweite Vorstellung. Dann ist erst mal Schluss. Für Florian von Manteuffel ein Grund zum Verzweifeln? "Also, mir geht's … grad nicht so gut."


Die Premiere von "Dantons Tod"  am Freitag und die Aufführung am Samstag sind ausverkauft.

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