Interview

Rita Falk über ihren "Hannes" im Kino: Freunde fürs Überleben

Ohne "Hannes" kein Eberhofer: Rita Falk über ihren Herzensroman, den Hans Steinbichler verfilmt hat.
| Florian Koch
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Hannes (Johannes Nußbaum) und Moritz (Leonard Scheicher) starten ihre langersehnte Reise.
Hannes (Johannes Nußbaum) und Moritz (Leonard Scheicher) starten ihre langersehnte Reise. © Studiocanal

Der "Hannes": Er bedeutet Rita Falk viel. So viel, dass die Bestsellerautorin die Filmrechte lange Zeit nicht abgeben wollte. Bis das Familiendrama "Eine unerhörte Frau" von Hans Steinbichler sie überzeugt. Eng ist daraufhin ihre Zusammenarbeit mit dem erfahrenen Filmemacher, um der eigenen halbautobiografischen Geschichte gerecht zu werden.

Rita Falk spricht über ihr "persönlichstes Buch"

Wie Moritz (Leonard Scheicher) im Film hat auch Rita Falk einst ihre beste Freundin nach einem tödlichen Motorradunfall verloren. Die starbesetzte Adaption von "Hannes" will - wie die Vorlage - aber nicht in Traurigkeit baden, sondern auch Hoffnung geben: auf die Möglichkeit aus so einem Schicksalsschlag sogar gestärkt hervorzugehen.

Im Interview erzählt Rita Falk aber nicht nur von ihrem "persönlichsten Buch", sondern auch von ihrer Begegnung mit Hannelore Elsner, die hier ein letztes Mal auf der Leinwand zu sehen ist.

Rita Falk bei der Filmpremiere.
Rita Falk bei der Filmpremiere. © Studiocanal/Kurt Krieger

AZ: Frau Falk, muss man in seiner Jugend eine so innige Freundschaft wie Hannes und Moritz erlebt haben, um ihre Geschichte überhaupt emotional zu verstehen?
RITA FALK: Ich glaube, dass fast jeder gesegnete Mensch eine solche Freundschaft einmal hatte oder noch hat. Und damit auch einen Menschen in seinem Leben weiß, auf den man sich tausendprozentig verlassen kann. Am Ende ist es gar nicht wichtig, viele Freunde in seinem Leben zu haben. Es reicht einer, den man auch um 3 Uhr nachts anrufen kann und der dann für einen da ist. Und wenn man dann so einen Herzensmenschen verliert, setzt das Gefühle frei, die man mit nichts anderem vergleichen kann. Und genau diese Emotionen wollten wir im Film und Buch auch stimmig vermitteln.

Rita Falk: "Das hinterlässt dich als einen anderen Menschen"

Ein Kernsatz im Film lautet: "Manche Familien zerbrechen an einem Schicksalsschlag und andere wachsen daran - dazwischen gibt es nichts." Haben Sie diese emotionale Weggabelung selber so erlebt?
Dass man nach so einem Schicksalsschlag zu seinem Alltag, ja zu seinem ganz normalen Leben zurückfindet, ist für mich ausgeschlossen. Das hinterlässt dich als einen anderen Menschen, als der du vorher warst. Entweder wirst du im wahrsten Sinne ein besserer Mensch und weißt dann: Wenn ich das geschafft habe, schaffe ich alles. Oder du gehst vor die Hunde.

Premieren-Selfie: Victoria Lauterbach, Hans Steinbichler, Rita Falk und Heiner Lauterbach (von links).
Premieren-Selfie: Victoria Lauterbach, Hans Steinbichler, Rita Falk und Heiner Lauterbach (von links). © Studiocanal/Kurt Krieger

Ihr "Hannes" ist als Tagebuch verfasst, hat keine wirklich filmische Struktur. Wie schwer war die Übertragung in ein anderes Medium?
Insgesamt ist es uns gelungen relativ wenig zu beschneiden. Beim Überarbeiten ist uns aber aufgefallen, dass in der Vorlage zu viele Personen sind. Für ein Buch wären 300 oder 350 Seiten nicht dramatisch, aber für eine 90-minütige Filmversion muss man einfach reduzieren. Deswegen haben wir aus der Fünfer-Jungsclique eine Viererclique gemacht - und aus zwei Figuren eine entwickelt. Damit kann ich gut leben. Es gab aber auch Figuren, auf die ich bestanden habe, wie die Frau Stemmerle.

Rita Falk über ihre Begegnung mit Hannelore Elsner - kurz vor deren Tod

Hannelore Elsner spielt diese in ihrer eigenen Welt lebenden Frau ganz unprätentiös, mit großer Sensibilität. Es ist aber auch ihr letzter Auftritt vor ihrem Tod in einem Film über das Abschied nehmen. Konnten Sie sich denn noch von ihr verabschieden?
Ich habe sie am Set noch kennenlernen dürfen. Sie hatte ihre Szenen bereits abgedreht, war auf dem Weg zu ihrem Shuttle-Fahrzeug, dass sie zur Basis von "Hannes" fahren sollte. Und wir haben uns im Vorbeigehen kurz zugenickt, bevor sie im Auto verschwunden ist.

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Das war aber ein sehr kurzer Moment…
Nein, denn eine Minute später ist das Shuttle zurückkommen und Frau Elsner aus dem Auto gesprungen mit der wirklich süßen Frage: "Frau Falk, warum sagen Sie denn nicht, wer sie sind?" Ich habe ihr dann geantwortet, dass ich einfach nicht der Typ bin, der am Set herumläuft und schreit: "Ich bin die Frau Falk!" Und dann steht Frau Elsner vor mir, nimmt mich bei beiden Händen und erklärt: "Ich muss aber doch wissen, wer dieses wunderbare Buch geschrieben hat?" Da hatte ich wahrlich Gänsehaut am ganzen Körper.

Und was geschah dann?
Erst hat sie mich ein Loch in den Bauch gefragt über ihre Figur, die Frau Stemmerle. Und irgendwann sage ich dann zu ihr: "Bitte gehen Sie jetzt in ihr Auto zurück, Sie haben ja eiskalte Hände!" Und dann antwortet Frau Elsner, die wahrlich schon ein Eisklotz war: "Das mache ich jetzt auch, und bei der Premiere trinken wir aber ein schönes Glas Sekt miteinander". Dazu ist es ja leider nicht mehr gekommen.

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Rita Falk: "Der 'Hannes' ist für mich ein Mischwerk"

Was halten Sie von dem Klischee, dass man besonders gefühlsstarke, große Werke erschafft, wenn man selber in einer Krise steckt?
Ich glaube auch, dass man sehr gut arbeiten kann, wenn man am Boden ist oder sich auch nur in einer melancholischen Stimmung befindet. Bei "Hannes" befand ich mich auch in einer Blase, in der die äußeren Einflüsse nicht mehr an mich herankamen. Schließlich war ich damals auch in meinem Schmerz verhaftet. In einer Hochphase, in der ich auch mal ganz sprichwörtlich Bäume ausreißen kann, hätte ich so etwas wie den "Hannes" nie schreiben können.

"Hannes" trägt autobiografische Züge. Dennoch haben sie am Ende Jungs an der Schwelle zum Erwachsenenwerden zu den Protagonisten gemacht. Um eine Distanz zu wahren?
Als ich "Hannes" geschrieben habe, war ich Mitte 40. Und ich gebe auch zu, dass ein Debütroman aus der Sicht eines 20-jährigen Mannes doch ein ganz schöner Spagat für mich war. Der "Hannes" ist für mich aber auch ein Mischwerk. Denn ich habe dort nicht nur den Tod meiner Freundin, sondern auch die späte Pubertät oder das junge Erwachsenwerden meiner Söhne verarbeitet. Meine Söhne waren damals im gleichen Alter wie Moritz und Hannes. Und auch bei der Clique im Roman habe ich mich sehr bei der Clique meiner Jungs bedient.

Rita Falk: "Es geht hier vor allem um Verantwortung"

Wie fiel deren Reaktion aus?
Sie alle haben mir hinterher gesagt, dass sie sich genauso wie in der Vorlage verhalten würden. Sprich, keinen Millimeter vom Krankenbett weggehen, auch mit Schuhen und dreckigen Klamotten, nur um mal die Hand zu halten. Den Jungs wäre das wurscht, ob das ein steriler Raum ist. In diesem Moment achtet man nicht auf Äußerlichkeiten, auf Hygiene. Hier geht es um Gefühle, um ein Festhalten. Niemand würde sich da erst duschen gehen, einen sterilen Anzug anzuziehen, um sich dann brav auf die Bettkante zu setzen. Das würden vielleicht Erwachsene machen, die kontrollierter sind, aber Moritz funktioniert in diesen Momenten einfach nicht. Er will nur seinen Freund nicht verlieren.

Sie schreiben: "Es gibt keine Halbwertszeit für Schuld, sie bleibt bestehen, aber es gibt einen Moment, in dem man um Vergebung bitten kann." Wie ist das zu verstehen?
Es geht hier vor allem um Verantwortung. Moritz hat bis zum Unfall jede Form von Verantwortung auf Hannes oder irgendjemanden abgewälzt. Außerdem macht er sich nach dem Unfall Vorwürfe. Plötzlich aber fängt er sich an zu duschen, die Haare zu waschen, einen Job anzunehmen. Er erwächst im Laufe dieses Jahres.

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Ist dieser Prozess auch die Botschaft des Films?
Ja. Ein Leben ist nie nur traurig und nur lustig, es ist immer genau dazwischen. Ich habe auch schon in den traurigsten Momenten wahnsinnig lustige Situationen erlebt und auch umgekehrt. Nach diesen Schicksalsschlägen geht das Leben auch einfach weiter. Ob mit oder ohne dir. Die Entscheidung hast du.

Es heißt auch, dass es ohne "Hannes" keine Eberhofer-Krimis gegeben hätte…
Ja, das stimmt. "Hannes" wurde mit der Begründung abgelehnt, dass es für ein Debüt einfach zu schwere Kost wäre. Ich bin jetzt seit zwölf Jahren in der Branche und habe den Satz immer noch nicht begriffen. Immerhin habe ich aus dieser Enttäuschung einen Trotz entwickelt und gesagt: Okay, wenn ihr kein ernstes Buch von mir verlegen wollt, dann bekommt ihr eben ein lustiges. Und das war dann die Geburtsstunde vom Franz Eberhofer.

Rita Falk: "Im Januar fange ich dann an, den zwölften Eberhofer zu schreiben"

In schwierigen Zeiten für die Kinobranche hat "Kaiserschmarrndrama" über eine Million Kinozuschauer angelockt. Wie erklären Sie sich diesen stetigen Erfolg?
Ich bekomme von Lesern und Leserinnen ganz oft gesagt, dass sie sich in Niederkaltenkirchen einfach pudelwohl fühlen. Sie sitzen beim Wolfi am Tresen, kaufen mit der Oma beim Aldi ein oder hocken mit dem Franz im Streifenwagen. Und wenn man erreicht, dass der Leser sich so mitgenommen fühlt, hat man wohl nicht soviel falsch gemacht.

Wie gerne reisen Sie noch nach Niederkaltenkirchen?
Erstmal gehe ich jetzt auf Kinotour und habe noch eine Lesereise. Im Januar fange ich dann an, den zwölften Eberhofer zu schreiben. Einfach, weil ich einen schönen Krimiplot habe. Aber dann zieht es mich auch wirklich wieder raus aus Niederkaltenkirchen. Von dem Ort brauche ich dann ein bisschen Urlaub. Und ich habe einfach auch Lust auf einen neuen Plot, eine frische Location und anderes Personal.


"Hannes" läuft ab Donnerstag (25. November) in den Kinos: Cinemaxx, Mathäser, Neues Rex, Rio

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