"Große Freiheit" im Kino: Ein Epos wie ein Hammerschlag

"Große Freiheit" erzählt erschütternd von einem Homosexuellen in grausamen Zeiten, die nicht lange her sind.
| Margret Köhler
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Der "Perverse" und der "Lebenslängliche": Franz Rogowski und Georg Friedrich.
Der "Perverse" und der "Lebenslängliche": Franz Rogowski und Georg Friedrich. © Piffl

"Ich bin schwul", ein Satz, der in Zeiten der Ehe für alle kaum noch provoziert. Aber 123 Jahre kriminalisierte der §175 StGB Homosexuelle und brachte sie für ihre Liebe ins Gefängnis. 

Paragraph 175 StGB erst 1994 endgültig abgeschafft

In Westdeutschland landeten in der Nachkriegszeit 100.000 Männer vor Gericht wegen "widernatürlicher Unzucht" - in bester Tradition des Nazi-Regimes drohten Haftstrafen bis zu zehn Jahren.

Ein Paragraph, der erlaubte Briefe abzufangen, Kameras hinter Spiegeln zu installieren, Intimsphären in die Öffentlichkeit zu zerren, Leben zugrunde zu richten. Erst 1969 erfolgte die Liberalisierung, endgültig abgeschafft wurde § 175 StGB erst 1994.

Zwei Männer begegnen sich immer wieder im Knast 

Vor diesem Hintergrund zeichnet der Österreicher Sebastian Meise schockierend das Leben im Gefängnis, den Rückzug in die "innere Freiheit" und die Angst vor der angeblich "großen Freiheit" draußen.

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Als sich 1945 die Tore der KZs öffneten, war die Leidenszeit für einige der Überlebenden nicht vorbei: Homosexuelle kamen nach der Befreiung durch die Alliierten direkt in den Knast, um ihre "Reststrafe" abzusitzen. Ausgangspunkt für den Regisseur, von zwei Männern zu erzählen, die sich seitdem immer wieder hinter Gittern begegnen.

Hans fragt "Immer noch hier?" - Viktor kontert "Immer noch pervers?"

Hans Hoffmann (Franz Rogowski) ist kein Krimineller, sondern ein Mann der Männer liebt und sich durch kein Gesetz davon abhalten lässt. Über die Jahrzehnte - 1945, 1957, 1968 - hinweg muss er immer wieder ins Gefängnis und trifft nach jeder neuen Verhaftung auf den "Lebenslänglichen" Viktor (Georg Friedrich), ein homophober Typ, der sich sogar erst weigert, mit einem "175er" die Zelle zu teilen.

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Und doch ist da etwas, was diese beiden Menschen verbindet, sie sind mehr als nur eine Schicksalsgemeinschaft. Wenn Hans beim neuerlichen Einfahren in den Bau fragt "Immer noch hier?" und Viktor kontert "Immer noch pervers?", ist das ein ironisches Wortgefecht, fast Menschlichkeit in einer feindlichen Umwelt.

Meise gelingt in dichter Atmosphäre und in fein miteinander verwobenen Zeitebenen ein Mikrokosmos aus Sehnsucht, Aggression und Unterdrückung, ein schmerzender Blick in seelische Abgründe. Immer wieder richtet sich die Kamera auf Zellen und Gänge, Speisesaal oder Aufenthaltsraum, die sich kaum verändern.

Hinter den Mauern gibt es seltene Momente der Liebe

Die Zeit scheint eingefroren. Kurze Rückblicke in die Vergangenheit beruhen auf privaten Aufzeichnungen oder von Überwachungskameras in Super-8-Bildern, Beispiele für das voyeuristische Ausspionieren intimer Situationen.

Erzählt wird Hans' Geschichte anhand der Gefängnisaufenthalte, wo nach dem Krieg in der Werkstatt unter den Augen von Nazi-Personal Häftlinge Hakenkreuze von den Uniformen entfernen. Hinter den Mauern gibt es trotz alledem rare Momente der Liebe. Hans nutzt die wenigen Lücken im System, auch wenn er dafür länger einsitzen muss oder ins "Loch" kommt, nur mit einer Unterhose bekleidet in einen fensterlosen Raum. Gedreht wurde in einem alten Gefängnis, wo das Flackern einer Neonröhre oder das harte Licht einer Glühbirne die Trostlosigkeit in ihrer Enge und Muffigkeit erfahrbar machen.

Rogowski und Friedrich: Imposanter Teufelsritt voller Hingabe

In diesem bewegenden Drama wagen Franz Rogowski und Georg Friedrich mit ihrem phänomenalen Können einen imposanten Teufelsritt mit unglaublicher Hingabe, hauchen den Figuren Energie und Emotion ein: Ein Epos wie ein Hammerschlag über den Willen, sich nicht zerbrechen zu lassen. Wichtig: Nicht den Herz zerreißenden, wortlosen Epilog verpassen!


Kino: ABC, Solln, Monopol, R: Sebastian Meise (D/A, 116 Min)

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