Kritik

"Die Geschichte meiner Frau" im Kino: Gefühle sind unkontrollierbar

Regisseurin Ildikó Enyedi benötigt drei schön bebilderte Stunden für die Romanverfilmung von Milán Füsts "Die Geschichte meiner Frau".
| Margret Köhler
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Lizzy (Léa Seydoux) und Jacob (Gijs Naber, mit Louis Garrel, rechts) machen sich das Leben mitunter zum Himmel, meist aber zur Hölle.
Lizzy (Léa Seydoux) und Jacob (Gijs Naber, mit Louis Garrel, rechts) machen sich das Leben mitunter zum Himmel, meist aber zur Hölle. © Foto: Alamode Film/ dpa

Eigentlich war es nur eine seltsame Wette. Der niederländische Kapitän Jakob Störr (Gijs Naber) verspricht einem Freund launig, die erste Frau zu heiraten, die das Lokal betritt.

Es ist die schöne Französin Lizzy (Léa Seydoux), der er überfallartig einen Heiratsantrag macht, den sie amüsiert akzeptiert. Einem dazu kommenden Freund stellt sie Störr als ihren Verlobten vor: Auftakt zu Szenen einer Ehe in sieben manchmal mit rätselhaften Titeln versehenen Kapiteln.

Beziehung aus der Perspektive des sukzessive von Eifersucht geplagten Mannes

In ruhigen, langen Einstellungen und knappen drei Stunden, die ein Höchstmaß an Geduld erfordern, führt Ildikó Enyedi durch Hölle und Himmel einer Beziehung aus der Perspektive des sukzessive von Eifersucht geplagten Mannes.

Basierend auf dem 1942 erschienenen einzigen Roman des Ungarn Milán Füst begegnen sich in den 1920er Jahren zwei gegensätzliche Menschen trotz flammender Leidenschaft gefangen in emotionaler Unsicherheit, die sich zu Misstrauen und Missverständnissen steigert.

Seine Herausforderung: Sie ist die lebenslustige Freiheitsliebende

Wie unter einem Mikroskop zerlegt Füsts Landsmännin die Persönlichkeitsfacetten der Liebenden: Er ist der dröge Besitzergreifende, sie die lebenslustige Freiheitsliebende, zwei, die sich zwischen Liebe und Leere gegenseitig verletzen in einem Kampf mit heruntergezogenem Visier, den niemand gewinnen kann.

Enyedi betrachtet ihn mit weiblichem Blick, versucht herauszufinden, welche Muster und Zwänge ihn definieren, wie er sich abmüht, sich davon zu befreien.

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Gleichzeitig hinterfragt sie das traditionelle männliche Denken, das sich nach ihrer Lesart wohl in 100 Jahren nur wenig geändert hat. Offen bleibt, ob seine Zweifel berechtigt sind und sie ihn belügt und betrügt, oder ob sie Opfer gesellschaftlicher Rollenbilder ist, gar Vorreiterin für die Rechte der Frau. In dieser Parabel auf das Wanken des Patriarchats erhält das Unausgesprochene mehr Gewicht als das Gesagte, die manchmal kurzen Dialoge.

Das Drama lässt den Hedonismus der damaligen wilden Zeit nicht aus

Im gediegenen bürgerlichen Ambiente opulent gefilmt, manchmal mit sehr suggestiver Musik unterlegt und an verschiedenen Schauplätzen von Paris bis Hamburg angesiedelt, lässt das Drama auch den Hedonismus der damaligen wilden Zeit nicht aus.

Doch irgendwann dominiert Langatmigkeit, obgleich Seydoux betörend-berechnet ihre Karten ausspielt und der seelisch verkrustete Naber an sich und der Welt verzweifelt. Am Ende steht die Erkenntnis über das Scheitern menschlicher Versuche, das Unkontrollierbare zu kontrollieren.


Kinos: Monopol, Theatiner (beide OmU), City-Atelier (dt./OmU),Regie: Ildikó Enyedi (HU/F/I/D, 169 Min.)

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