"The Power of the Dog": Hinter der Männlichkeitsmaske

"The Power of the Dog": Jane Campion hat einen Spätwestern gedreht - mit homosexuellem Hintergrund.
| Adrian Prechtel
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Ist eine Annäherung nach Demütigungen möglich? Benedict Cumberbatch als Macho-Cowboy und Kodi Smit-McPhee als junger Schwuler.
Ist eine Annäherung nach Demütigungen möglich? Benedict Cumberbatch als Macho-Cowboy und Kodi Smit-McPhee als junger Schwuler. © Netflix

München - Gibt es Stoffe, die nur eine Frau - oder umgekehrt - nur ein Mann verfilmen kann oder sollte? Wenn bei der Frage der Regie ein Geschlechterkampf beginnt, ist die Frage nach der Qualität vielleicht schon verloren.

Jane Campion gilt als emanzipierte Filmpionierin, nachdem sie 1997 einen weltweiten Art-House-Triumph mit ihrem "Piano" gehabt hat - ein Film über eine Frau, die, ans andere Ende der Welt verschlagen - gegen eine unkultivierte Machogesellschaft ankämpft. Und in "The Power of the Dog" wird mit einem leichten Augenzwinkern in ein Herrenhaus ein Stutzflügel hineingetragen, damit hier eine gestrandete Frau spielen soll - im Nirgendwo Montanas der 1920er-Jahre. Diese Westernlandschaft wird hier sehr imposant von Neuseeland gespielt.

"The Power of the Dog" erinnert an "Brokeback Mountain"

Jane Campion (67) hat auch das Drehbuch nach dem Roman von 1967 von US-Autor Thomas Savage geschrieben, und diesmal nimmt sie nicht eine Gesellschaft, die sich wie im "Piano" gegen Frauen richtet, ins Visier. Vielmehr wird eine homophobe Spätwesterngesellschaft gezeigt, in filmisch-ästhetischer Form einer Art Neo-"Brokeback Mountain" (dem Oscarabräumer von Ang Lee 2005, der in den 60er Jahren spielt mit dem schwulen Cowboypaar Jake Gyllenhaal und Heath Ledger). Wobei bei "The Power of the Dog" - die namensgebende Berg-Silhouette - eben keinen Genickbruch mehr hat, sondern - mit Phantasie - ein einsamer heulender Hund ist.

Und als diese Figur fühlt sich Phil Burbank (Benedict Cumberbatch)- ein sehr reicher, geschickter Viehzüchter, der die "bessere Gesellschaft" der Stadt meidet, weil er ihre Vorurteile gegen erdige Cowboys, ihre verlogenen Etikette und ihren Dünkel zu Recht verachtet.

Sein weicherer, etwas minderbemittelten Bruder (Jesse Plemons) leidet noch mehr unter der Einsamkeit auf der Farm. Er aber wird den Ausbruch wagen und eine verwitwete Frau (Kristen Dunst) ins Haus bringen, die ihren weichlichen, unausgesprochen homosexuellen Sohn (Kodi Smit-McPhee) mitbringt. Der ist ein Typ, der Papierblumen als Tischdekoration bastelt, mit Hoola-Hop-Reifen trainiert, verborgen aber auch eine grausame, dunkle Seite hat, aber vor allem seine Mutter schützen will vor aller Rauheit - und vor allem vor dem schneidenen, subtilen Terror ihres Schwagers Phils. Was aber hat diesen Viehzüchter so einsam, zynisch und überheblich werden lassen, vor allem so demonstrativ machistisch?

Vom gehätschelten Söhnchen zum radikalen Rächer

Benedict Cumberbatch spielt diesen Haustyrann, der lieber mit seinen Cowboys Brandzeichen auf die Rinder drückt oder Stiere kastriert. Er quält seine Schwägerin und gefährdet die Ehe seines geliebten Bruders - aus Eifersucht! Denn im Herrschaftshaus sind plötzlich Liebe und Familienstukturen eingezogen. Er aber ist als heimlich Homosexueller neidisch, verzweifelt, einsam, unbefriedigt aggressiv und flüchtet sich in die Freiheits- und Abenteuer-Männlichkeitsriten mit seinen Cowboys.

Aber einen Sommer später, als die Mutter bereits ein Wrack ist, wird der Sohn - vom College in den Sommerferien auf der Ranch - die Herrschaft des Sadisten brechen und vom gehätschelten und gemobbten Söhnchen zum subtilen, aber radikalen Rächer werden, der dazu auch seine homoerotische Anziehung ausspielt.

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Das alles ist sehr gut und bilderstark erzählt, dabei auch einfühlsam und erotisch aufgeladen, und Benedict Cumberbatch kann durch ein kleines mimisches Zucken im Cowboygesicht so viel innerlich verzweifelte Einkapselung offenbaren, dass es beim Zuschauen Gänsehaut erzeugt.

Jane Campion war sich anfangs nicht sicher, ob sie die geeignete Person zur Verfilmung einer Geschichte von so tief männlichen Themen wäre, hat sie bei der Weltpremiere bei den Filmfestspielen in Venedig erzählt. Sie hat bewiesen, dass sie es ist, auch wenn der Film etwas hinter der aufwühlenden Eindringlichkeit von Ang Lees Homo-Western mich Heath Ledger und Jack Gyllenhaal zurückbleibt.

Kino: Leopold, City (auch OmU) sowie Monopol, Neues Rottmann, Studio Isabella (OmU)
Regie: Jane Campion
(NZ, AUS, 136 Min.)

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