Urban Priol über die CSU-Schlappe bei der Landtagswahl Bayern: Kein Mitleid mit Söder!

Der Kabarettist Urban Priol im Interview über die Bayerische Landtagswahl und die geschrumpfte CSU.
| Volker Isfort
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Hans Well spielt mit seinen Kindern, den Wellbappn, Anfang Oktober auf zwei Münchner Großdemonstrationen.
Martin Bolle 3 Hans Well spielt mit seinen Kindern, den Wellbappn, Anfang Oktober auf zwei Münchner Großdemonstrationen.
Ist ab 1. Mai mit einem neuen Soloprogramm unterwegs und zu Gast bei der AZ-Geburtstagsgala im Deutschen Theater: Kabarettist und Münchner Kindl Helmut Schleich.
Martina Bogdahn 3 Ist ab 1. Mai mit einem neuen Soloprogramm unterwegs und zu Gast bei der AZ-Geburtstagsgala im Deutschen Theater: Kabarettist und Münchner Kindl Helmut Schleich.
Christian Springer beim Derblecken im Löwenbräukeller. Archivfoto: Daniel von Loeper
3 Christian Springer beim Derblecken im Löwenbräukeller. Archivfoto: Daniel von Loeper

AZ-Interview mit Urban Priol: Der 57-jährige, in Aschaffenburg geborene Kabarettist war zusammen mit Erwin Pelzig Leiter der ZDF-"Anstalt".


AZ: Herr Priol, wie ist denn Ihr Gemütszustand an diesem Wahlabend?
URBAN PRIOL: Einigermaßen okay, ich hätte mir noch ein paar Prozentpünktchen weniger für die CSU gewünscht. Und ich hoffe immer noch dass die FDP, die Verantwortungsverweigerer im Bund, nicht auch mit dem Einzug in das bayerische Parlament belohnt werden.

Sie als Franke könnten doch ein bisschen Mitleid haben mit Markus Söder?
Nein, ich habe mit vielen Menschen in Bayern Mitleid, die unter zu hohen Mieten und nicht mehr bezahlbarem Wohnraum zu leiden haben, was ein damaliger Finanzminister Söder teilweise mit zu verantworten hat, aber mit ihm selber nicht.

Was fehlt ihm denn zu einem überzeugenden Ministerpräsidenten?
Glaubwürdigkeit, Liebenswürdigkeit und irgendetwas, das so ein Gefühl erwecken könnte, dass man mit dem gerne mal ein Bier trinken würde.

Sie sind ja selber bei der #ausgehetzt-Demo aufgetreten. War das für Sie ein Beweis, dass sich die Stimmung in Bayern ein bisschen geändert hat?
Natürlich, wir haben ja viele Großdemos gehabt. Es zeigt ja generell, dass die Leute wieder bereit sind auf die Straße zu gehen für ihr Überzeugungen. Das macht mir schon Hoffnung, dass sich hier in Bayern eine etwas lebendigere Demokratie entwickelt, als dies bislang der Fall war.

Früher wäre ein Ministerpräsident mit zweistelligem Minusergebnis am Wahlabend weggefegt worden.
Wir werden Markus Söder und die Freien Wähler noch ein bisschen ertragen müssen – und dann ist es halt in fünf Jahren soweit, dass sich wirklich was tut.

Wer ist denn Schuld am – für CSU-Verhältnisse – schlechten Ergebnis?
Seehofer und Söder sind halt zwei Egomanen, die nur sich gesehen haben, die nur für ihren eigenen Machterhalt gekämpft haben. Und Seehofer hat beschlossen, dass - wenn er gehen muss - das nicht ohne Söder tun möchte. Ich denke, dass die Wähler so etwas ebenso wenig honorieren, wie die monatelange Konzentration auf das Monothema Flüchtlinge. Es war unnötig, der AfD auf der Speichelspur hinterherzulaufen statt zu sagen: Die elf Prozent Ewiggestrige hat es immer schon gegeben in der Gesellschaft, die müssen wir nicht auch noch bedienen. Jetzt haben sie ihre Quittung bekommen, wobei das Wort für CSU/CDU, die größten Schwarzgeldempfänger, ja nicht so wirklich passt.

Sie sind im Wahlkampf sowohl bei den Grünen als auch bei der SPD aufgetreten. Wo war denn die Stimmung besser?
Also lockerer war es bei den Grünen, eine fröhliche Grundstimmung, die sich ja auch im Wahlergebnis widerspiegelt. Aber ich habe die nüchtern analysierende Art von Natascha Kohnen bei der SPD sehr geschätzt.

Natascha Kohnens bewusst unaufgeregte Art hat der Wähler aber nicht goutiert.

Ja, da habe ich auch mit einigen Leuten diskutiert, die gesagt haben, Frau Kohnen fehle das Charisma. Das muss ich schon einmal gegenfragen: Wo war denn bei Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem Amtsantritt Charisma feststellbar? Alle sagen immer: zurück zur Sachpolitik. Wenn es aber einer dann unaufgeregt macht, dann ist es auch wieder nicht recht.

Hundert Jahre nach Kurt Eisner ist diese Wahl nun eine bayerische Revolution, ein Revolutiönchen oder was?
Ich durfte 1980 das erste Mal auf Bundesebene wählen, damals Strauß gegen Schmidt. Ich war stolz, weil ich mich so erwachsen gefühlt habe als Erstwähler. Und ich habe mich seitdem nie wieder so auf eine Wahl gefreut wie auf diese Landtagswahl. Wenn eine CSU bei weit unter 40 Prozent landet, dann ist das schon ein kleines Revolutiönchen.


Und das sagen die anderen: 

Hans Well: Wer sitzt in der Bavaria One?

Hans Well spielt mit seinen Kindern, den Wellbappn, Anfang Oktober auf zwei Münchner Großdemonstrationen.
Hans Well spielt mit seinen Kindern, den Wellbappn, Anfang Oktober auf zwei Münchner Großdemonstrationen. © Martin Bolle

Ich beobachte den Himmel, ob ich die Bavaria One sehe und ob ich erkennen kann, wieviele Personen drinsitzen - eine oder zwei. Auf jeden Fall ist heute ein Abend, an dem ich an meinen guten Freund Sepp Daxenberger denken muss, denn wenn er nicht so früh gestorben wäre und noch für die Grünen hätte kandidieren können, dann wäre es für die CSU heute sehr eng geworden. Mit den Freien Wählern als Koalitionspartner der CSU erwarte ich keinesfalls den von mir so erhofften Umbruch in der Agrar- und Umweltpolitik. Das ist eine reine Lobbyvertretung für die herkömmliche Landwirtschaft, da wird sich nichts ändern, weder in Bezug auf den Einsatz von Glyphosat, noch auf den Einsatz sonstiger Gifte und Insektizide und die zu hohen Nitratwerte im Grundwasser. Ich empfinde keine Häme über das schlechte CSU-Ergebnis, aber es drückt eine Gerechtigkeit aus, wenn man bedenkt, wie diese Partei beim Dieselskandal rumeiert, oder auch beim Flächenfraß in Bayern. Das sind durchaus Themen für wertkonservative Menschen, die aber nun viel besser von den Grünen besetzt sind.

Herr Söder hat in diesem Wahlkampf erst Kreide gefressen, als er gemerkt hat, dass seine Wortwahl in Bezug auf Flüchtlinge beim Wähler doch nicht ankommt. Davor hat er die gleiche Tonart gespielt wie Seehofer. Jetzt ist er angeschlagen und gibt sich demütig. Ob waidwund geschossene Politiker zu vernünftigen Reaktionen fähig sind, ist fraglich. Jedenfalls ist mit dem Ergebnis nicht wie von der CSU vorhergesagt die Zugspitze zusammengekracht und Neuschwanstein steht auch noch

Helmut Schleich: Was FJS sagen würde

Ist ab 1. Mai mit einem neuen Soloprogramm unterwegs und zu Gast bei der AZ-Geburtstagsgala im Deutschen Theater: Kabarettist und Münchner Kindl Helmut Schleich.
Ist ab 1. Mai mit einem neuen Soloprogramm unterwegs und zu Gast bei der AZ-Geburtstagsgala im Deutschen Theater: Kabarettist und Münchner Kindl Helmut Schleich. © Martina Bogdahn

Eines meiner Lieblingszitate von Strauß lautet: "Es gibt eine normative Kraft des Faktischen aber es gibt keine Fakten- ersetzende Kraft des Phraseologischen."

Wenn sich Söder und die gesamte Parteispitze jetzt auf die Sprachregelung "Stärkste Fraktion. Klarer Regierungsauftrag!" eingeschworen haben, dann ist das nur ein verbrämtes "Weiter so!". Aiwanger einseifen und der King bleiben, der in drei Minuten jedes Problem Bayerns im Handumdrehen löst. Das scheint Söders Plan zu sein.

Wahr ist, dass die Partei seit Jahren - im Grunde seit meinem Brotzeitholer Stoiber - jedwede geistige Substanz eingebüßt hat, ihre bayerische Identität zur reinen Folklore verdünnt hat und sich statt dessen in Beflissenheit ergeht.

Man überzeugt nicht dadurch, dass man in einem Satz einer Rede 10 mal das Wort Bayern unterbringt, sondern dadurch, dass man die Leute mit der Wahrheit konfrontiert und gehaltvolle Lösungen anbietet.

Wer das verbockt, den frisst von rechts die AfD und von der Mitte her die politische Wellness- Fraktion - vulgo Grüne genannt - auf. Deshalb muss ich heute sogar diesem niederbayerischen CSU- Schmalspurstrategen Erwin Huber Recht geben. "Die falsche Analyse des Ergebnisses ist der Keim für die nächste Niederlage!"

Sic est! sage ich da als alter Lateiner.

Christian Springer: Immerhin, der fünfte Platz!

Christian Springer beim Derblecken im Löwenbräukeller. Archivfoto: Daniel von Loeper
Christian Springer beim Derblecken im Löwenbräukeller. Archivfoto: Daniel von Loeper

Der Münchner Kabarettist Christian Springer ist am Wahlabend tatsächlich mal brav zuhause in Berg am Laim statt in irgendeinem libanesischen Flüchtlingscamp oder auf einer Kabarettbühne. "Jahrelang haben wir auf diesen Fall der CSU gewartet, aber jetzt fühlt es sich gar nicht wie eine Party an. Das Volksparteien-Modell von CSU und SPD ist krachend durch den TÜV gefallen. Jetzt ist halt die große Frage, ob Horst Seehofer für seine CSU wieder einmal den Nikolaus spielt und sagt: ‘Jetzt habe ich aber noch eine Überraschung für euch. Jetzt leg’ ich nochmal einen drauf, schieße quer rein und fordere den Rücktritt von dem Söder, denn: Ich komme wieder!’ Da werden uns noch schöne Stilblüten blühen. Für meinen Beruf kommen lustige Tage."

Dass jetzt alles bleibt, wie es ist, "würden sich alle wünschen, aber dem Innenminister ist es wurscht", sagt Springer. Und die SPD? "Die soll sich nicht so grämen, denn es waren wirklich etliche Wähler für die SPD – blöderweise war nur die SPD halt nicht für die SPD. Fünftstärkste Partei: Bis vor einigen Jahren hat man ja gar nicht gewusst, dass es in Bayern so viele Parteien gibt, dass man einen fünften Platz machen kann.

Es ist jetzt auch nicht so, dass ich eine Träne weinen muss, weil die CSU bei 36 Prozent landet. Das Schlimme ist, dass viele CSUler im Landtag ganz gut aufgeräumt waren. Aber jetzt verlieren ganz viele ihren Landtagsjob – mit diesen CSUler muss sich nun die freie Wirtschaft und wir uns mit denen in der freien Natur rumschlagen. Auf Bayern kommt nun eine große Resozialisierungswelle zu – da haben wir einiges

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